Bauchgefühl, 22.09.2013

Hallo liebe Leser!

Ich hatte schon einen ganzen Blogeintrag geschrieben, eine Einleitung für die kommende Fortsetzung. Doch – typisch Frau – musste ich mich noch einmal umentscheiden. Irgendwie hat es nicht gepasst.
Witzigerweise kann ich jetzt schon mit ziemlicher Genauigkeit sagen, dass ich später denken werde: „Hm, vielleicht wäre das doch gut gewesen.“
Aber dieses Zögern wird nur kurz aufflackern. Wie so oft schalte ich beim Schreiben die Logik aus und entscheide frei nach Herz und Bauchgefühl. Und deshalb schreibe ich euch nun ehrlich das, was mir durch den Kopf geht.
Ich habe so etwas wie eine Mini-Schreibblockade hinter mir. Nichts dramatisches, drei Tage alt. Heute habe ich mich zumindest wieder an die Text-Arbeit gesetzt und den folgenden Ausschnitt vorbereitet – na, und ich blogge. Ich denke, die Blockade ist also vorbei!
Eigentlich kann man auch gar nicht von einer Blockade sprechen. Um es möglichst kurz und allgemein zu halten: Ich habe am Mittwoch einen Anruf bekommen, der mich etwas von den Socken gehauen hat. Das musste ich ein bisschen verarbeiten, da war ich viel zu aufgekratzt, um mich aufs Schreiben zu konzentrieren! Viel näher mag ich zunächst nicht drauf eingehen. Tut mir Leid! Ich weiß, dass das gemein ist. Ich könnte mich immer tierisch aufregen, wenn jemand mir gegenüber irgendetwas andeutet und sich dann weigert, näher darauf einzugehen.
Vielleicht – hoffentlich – kann ich dazu bald mehr sagen.

Geschickt wechsel ich deshalb nun das Thema.

Heute habe ich diesen Text vorbereitet, und ich bin sehr tief in die Geschichte von Lina eingetaucht. Ich merke, es packt mich. Wahrscheinlich brauche ich, sobald ich mein aktuelles Manuskript, zumindest die Rohfassung, abgeschlossen habe, erst einmal nicht nach einem neuen Projekt suchen: Lina ruft nach mir, fordert ihre Fortsetzung. Die Geschichte möchte auch ihr Ende finden. Nun, das wird eine Herausforderung. Wie gut, dass ich Herausforderungen liebe!

Zum Schluss jetzt muss ich wohl oder übel noch meinen winzigen moralischen Zeigefinger heben: ich hoffe, ihr wart heute wählen! Mehr sage ich dazu nicht. Es musste einfach raus.

Genießt noch den Sonntagabend, entspannt euch und verschiebt die Gedanken an den Wochenstart auf dann, wenn es tatsächlich soweit ist!

Liebe Grüße,

eure Emma!

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– Sechs –

Das Schuljahr schien nicht viel aufregender zu werden als die bisherigen auch. Es gab zwar immer wieder Informationsveranstaltungen, in denen die Lehrer pflichtbewusst versuchten, ihren Schülern mehr Lernbewusstsein einzuflößen, doch insgesamt schoben die meisten den Gedanken an das Abitur noch weit von sich.
„Nicht mehr lange, und die Prüfungen stehen bevor! Wer einen guten Abschluss haben möchte, sollte nun anfangen zu lernen!“
„Es gibt verschiedene Lernstrategien – jeder muss herausfinden, welche ihm persönlich am meisten liegt!“
Je näher die Prüfungen rückten, desto dringlicher wurden die Monologe. „Wer jetzt noch nicht angefangen hat zu lernen, kommt in ernste Schwierigkeiten!“ oder „Wenn ihr noch länger wartet, habt ihr hinterher umso mehr Stress!“
Ganz zu schweigen von den vielen Moralpredigten, die die persönliche Motivation, die Zukunft und die allgemeine Einstellung zum Leben betrafen.
Es war Anfang Dezember. Die ersten Prüfungen waren noch 4 Monate entfernt und die meisten konnten die Drängeleien der Lehrer nur belächeln. Lina nickte zustimmend, wenn sich wieder einmal jemand über die „Panikmache“ aufregte und verschwieg dabei, dass sie selbst schon längst angefangen hatte zu lernen.
Noch immer sah sie ihren Traum vor Augen – studieren – und wollte dafür, so unwahrscheinlich die Erfüllung auch erschien, ihren guten Notenschnitt wahren.
Sie saß in der Cafeteria, wo sie viele ihrer Freistunden verbrachte. Draußen schneite es dicke, weiche Watteflocken. Sie verklebten die Fenster, schmolzen langsam, hinterließen feuchte Rinnsale und verzerrten den Blick nach draußen.
Lina kuschelte sich gerade noch tiefer in ihre Fleecejacke und betrachtete stirnrunzelnd einen besonders schwierigen Satz in ihrem Biologiebuch, als sich Marina mit einem lauten Seufzen neben sie auf einen Stuhl warf.
„Entschuldige, habe ich dich erschreckt?“, fragte sie, weniger zerknirscht denn belustigt, und schüttelte ihr kurzes Haar. Ein Schauer kleiner Tröpfchen breitete sich auf dem Tisch aus.
„Nein, kein bisschen“, erwiderte Lina, während sie eilig ihr Buch rettete.
„Ach, es wird Zeit, dass es Wochenende wird!“, stöhnte Marina und streckte sich genüsslich.
„Ich erinnere dich besser nicht daran, dass heute Dienstag ist und dass du gerade zu deinem ersten Kurs in dieser Woche erschienen bist.“
„Ja, das ist auch besser so.“ Sie stöhnte laut auf. „Und, freust du dich schon auf die Feier am Wochenende?“
Lina zuckte zusammen. Feier? Wochenende? Stirnrunzelnd dachte sie nach. Ja, irgendetwas war da gewesen…
„Du hast es vergessen, nicht wahr? Lina…“ Marina schüttelte den Kopf. „Also gut, ich entscheide für Dich. Ja, du kommst mit, und ja, du wirst vorher bei mir mit den anderen ein bisschen vorglühen.“
„Was war das denn nochmal für eine Party…?“
Marina schaute sie ungläubig an. „Du bist echt unmöglich! Na, die Nikolausparty bei Thomas! Mensch Lina!“
Ach, die Party. Lina erinnerte sich vage daran, dass Eric sie einmal ihr gegenüber erwähnt und gefragt hatte, ob sie auch käme. Sie hatte verneint. Ihr Magen verkrampfte sich. „Ehrlich gesagt möchte ich nicht so gerne -“
„Papperlapapp! Du bist nun schon lange genug nicht mehr aus gewesen. Samstag treffen wir uns um sieben bei mir. Keine Widerrede, Schätzchen!“
Und, wie um das Gesagte zu unterstreichen, klingelte es genau in diesem Moment zum Ende der Pause.
Na schön, dachte Lina resigniert, irgendwie werde ich den Abend wohl rumkriegen.
Während die beiden gemeinsam zum Biologieunterricht gingen, kreisten ihre Gedanken, mehr als ihr lieb war, um Eric. Er hatte nicht mehr versucht, näher mit ihr ins Gespräch zu kommen seit jener Gruppenarbeit vor ein paar Monaten. Manchmal sah sie aus dem Augenwinkel, wie er sie beobachtete und jedes Mal, wenn es ihr mal wieder nicht so gut ging, bildete sie sich ein, dass seine Blicke besonders oft zu ihr wanderten. Doch er sprach sie nicht wieder darauf an. Was sie jedoch am allerwenigsten verstand – und wollte – war die Tatsache, dass er nach wie vor die Gruppenarbeiten mit ihr machte. Sie war sich sicher, dass es in ihrem Kurs mehr als genügend Mitschüler gab, die liebend gerne mit Eric zusammengearbeitet hätten.
Warum begnügte er sich dann also mit ihr?
Sie redeten kaum ein privates Wort miteinander, es blieb bei oberflächlichem Geplänkel – wenn überhaupt.
Es war furchtbar.
„Oh das wird total super!“, riss Marina sie überschwänglich aus ihren Gedanken. Sie freute sich sehr, dass Lina mitkommen würde.
Nach ihrem anfänglichen Unmut, zu der Party genötigt worden zu sein, gab Lina sich schließlich seufzend geschlagen. Immerhin tat sie somit ihrer Freundin einen Gefallen. Und es war wirklich lange her, dass sie gemeinsam irgendwo feiern gewesen waren.
Als Marina nun leise flüsternd anfing, den Abend, die Getränke beim Vorfeiern und die Kleidung zu planen, hörte sie ihr aufmerksam zu.

Lina wusste genau, dass sie dankbar sein musste, Menschen wie Marina zu kennen. Sie war keine gute Freundin, dessen war sie sich bewusst. Viel zu oft war sie in sich gekehrt, verschlossen, abweisend. Ihr dunkles Geheimnis schlummerte tief in ihr wie ein schwarzer Tumor, der immer größer wurde und sie von innen auffraß.
Sie konnte sich natürlich nicht sicher sein, ging aber davon aus, dass Marina nicht ahnte, weshalb sie oftmals so abwesend war.
Wieso sie traurig und niedergeschlagen wirkte, besorgte Annäherungsversuche aber stets abblockte.
Einfach, warum sie so ein verdammt schwieriger Mensch war.
Sie konnte nur erahnen, wie besorgt Marina um sie war.
Dass sie nun am Wochenende mit zu der Party gehen würde, freute Marina dermaßen, dass sie den Rest der Woche kaum noch von etwas anderem sprach, wenn die beiden sich über den Weg liefen. Die Tatsache, dass sie sich ein wenig in Thomas verguckt hatte, verstärkte ihre Aufregung zusätzlich.
Lina, die viele Dinge für wichtiger befand als dieses Ereignis, versuchte jedes Mal, wenn Marina mit vor Aufregung getränkter Stimme begann, ihr die neuesten Pläne zu unterbreiten, interessiert und voller Vorfreude zu wirken. Wenn sie richtig mitbekommen hatte, schien der halbe Jahrgang dort aufzutauchen. Eine ganze Menge Leute, wie sie erschaudernd feststellte.
Als Lina gedankenverloren die Wohnungstür aufsperrte, wurde ihr sofort bewusst, dass sie nicht alleine war. Der Fernseher lief und der kokelige Geruch angebrannten Essens verätzte ihr schier die Nasenflügel.
„Lina?“, kam auch sofort ein schriller Schrei aus dem Wohnzimmer.
„Ja, ich bin es.“, erwiderte die Angesprochene missmutig und kickte ihre Schuhe in die Ecke.
Dass ihre Mutter um diese Zeit Zuhause war, war sehr selten. Und kein gutes Zeichen.
„Komm her!“, forderte Angela sie auf.
Das Lallen war nur sehr schwer zu erkennen. Lina schaffte es jedoch dank ihrer jahrelangen Erfahrung. Als sie leise seufzend ins Wohnzimmer trottete, mussten sich ihre Augen erst an das Dunkel gewöhnen. Schwere Vorhänge waren vor die Fenster gezogen und dicker, abgestandener Zigarettenqualm hatte sich unter der Decke angesammelt. Ihre Mutter selbst lag, ein Bein über die Lehne geschmissen, flach auf dem Cordsofa, hatte einen Waschlappen auf den Augen und eine Zigarette im Mund. Ein schwärzliches Toast lag angebissen auf dem Teller neben ihr auf dem verkratzten Fernsehtisch.
„Was gibt es?“
„Sei nicht so frech!“, fauchte Angela. „Du hast Dich schon lange nicht mehr blicken lassen. Unglaublich, dass wir tatsächlich in derselben Wohnung wohnen! Man könnte meinen, du wärst ein Geist!“
„Wir haben einfach zu unterschiedlichen Zeiten Verpflichtungen“, erwiderte Lina leise. Mit angestrengtem Blick suchte sie nach einer Bestätigung ihrer Vermutung – und fand sie in Form einer leeren Weinflasche. „Bist Du schon länger hier?“
„Was für eine Frage.“ Angela lachte kurz auf. „Schon den ganzen Tag. Ich bin krankgeschrieben.“
„Oh, was hast Du denn?“ Nun schwang ehrliche Besorgnis in ihrer Stimme mit.
„Nichts Besonderes. Eine Prellung des Steißbeins. Frag mich nicht, wie ich das hinbekommen habe.“ Angela seufzte auf.
Lina ging rückwärts aus dem Zimmer hinaus, ihre Pupillen unmerklich größer als vorher. Sie wusste ganz genau, woher das kam. „Du, ich bin gleich wieder weg, muss zur Arbeit.“ Mit diesen Worten flüchtete sie in ihr Zimmer.

In diesem Haushalt gab es eine Regel: Man sprach über nichts. Tat man es doch, bereute man es im Nachhinein umso mehr. Als Lina kurz darauf tatsächlich das Haus verließ, fragte sie sich, wie lange sie das Ganze wohl noch aushalten würde. Zu wissen, dass ihre Mutter verletzt war, war ein klarer Hinweis darauf, dass sie in der nächsten Zeit wieder nächtlichen Besuch zu erwarten hatte. Bei der Vorstellung wurden ihre Knie so weich, dass sie kaum noch gehen konnte.
Wie betäubt stolperte sie zu ihrem Geheimplatz, einer Bank, die unter den hängenden Ästen einer Trauerweide fast zur Gänze verschwand, und versuchte an nichts anderes zu denken als an die Schritte, die sie sorgfältig einen nach dem anderen machte. Am liebsten wäre sie immer weiter gegangen, immer weiter, und nicht mehr umgekehrt, doch sie hatte nichts, wohin sie flüchten konnte. Nichts, außer die Bank.
Und die bot keinen Schutz vor der Nacht, ebenso wenig wie ihr Zimmer.
Sie wusste niemanden, an den sie sich wenden sollte. Niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte.
Sie fühlte sich allein.
Und leer.
Die Panik nagte wieder an allen Ecken ihres Bewusstseins. Während ihr Herz immer schneller zu schlagen begann, spürte sie die altbekannte Verzweiflung, die sie lähmte und nicht mehr loszulassen drohte.
Sie verstand es einfach nicht. Verstand nicht, wieso sie und ihre Mutter mit einem Mann zusammen lebten, der vor lauter Brutalität und Unberechenbarkeit nur so strotzte.
Ihr Vater war gestorben, als sie noch ganz klein gewesen war. Bei der Arbeit hatte ihn ein Herzinfarkt niedergestreckt, gerade als er seinem ihm anvertrauten Praktikanten etwas erklären wollte. Einfach so umgekippt, und nie wieder aufgestanden.
Lina hatte damals nicht verstanden, wieso ihr Vater nicht zur selben Zeit wie immer nach Hause gekommen war und immer geglaubt, er wäre im Urlaub, oder so ähnlich. Einige Jahre später hatte ihre Mutter dann Ihn kennen und lieben gelernt. Mit seinem blendenden Aussehen und seinem blühendem Charme hatte er die verbitterte Angela ebenso wie die kleine Lina mit den großen, grünen Augen um den Finger gewickelt. Und erst, als es schon zu spät war, sein wahres Gesicht gezeigt.
Neben finanziellen Aspekten hatte er Angela auch emotional abhängig von sich gemacht. Es gab in ihren Augen nicht die geringste Möglichkeit, sich von ihm zu trennen. Nicht einmal im Traum zog sie diese Option in Erwägung. Stattdessen hatte sie sich immer mehr von Lina entfernt, die anfänglich noch versucht hatte, ihrer Mutter Vernunft beizubringen.
In der Nacht zu ihrem siebten Geburtstag hatte es harsch an ihrer Tür geklopft.
Aus dem Schlaf gerissen und deshalb noch völlig benebelt, hatte Lina zunächst nicht verstanden, wieso er sich zu ihr ins Bett legte und mit schwerem Atem vor sich hin flüsterte, dass er ein besonderes Geschenk für sie habe, nun da sie alt genug sei. Als seine Hände tastend über ihren Pyjama fuhren und fest in die kleine Kinderbrust drückten, entfuhr ihr ein Schrei der Empörung und dann des Entsetzens, während er ihr mit der anderen Hand über den Mund fuhr.
Diese Hand blieb auch weiterhin dort, während Linas junge Unschuld ihr unwiderruflich gestohlen wurde.
Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, als Lina wieder in die Gegenwart zurück fand. Der Trommelwirbel ihres Herzens erinnerte sie daran, dass sie das Ganze wirklich nicht mehr lange aushalten würde. Ihre Seele baumelte am seidenen Faden, ein einziger Windhauch würde ihn zerreißen können.
Sie sehnte sich so sehr nach der Flucht aus diesem Leben, doch wie, wie sollte sie dies bewerkstelligen?

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