Entzweiung, 10.10.2013

Hallo, liebe Leser.

Es ist Donnerstag! Es gibt die Fortsetzung, hurra! Ehrlich gesagt habe ich bis kurz vorher völlig vergessen, dass es ja schon wieder so weit ist – ich bin zu sehr im Sonntagsrhythmus. Aber ich habe es angekündigt, und ich bleibe dabei. Von nun an gibts die Fortsetzung donnerstags.

Obwohl ich bereits am Montag Bezug darauf genommen habe, muss ich an dieser Stelle noch einmal ein Zitat erwähnen, das ich zur Ankündigung meines letzten Blogeintrages bei Facebook benutzt habe:

„Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.“
(Indianische Weisheit)

Einmal durchlesen und durchatmen bitte. So fühle ich mich jedenfalls – diese weisen Worte lassen mich durchatmen. Und ich frage mich: wieviel Abstand liegt derzeit zwischen mir und meiner Seele? Die vergangenen Wochen bestanden aus so viel Stress; so viel Ansprüchen und Belastungen. Die Rast ist dringend nötig, und ich nehme sie mir. Denn dieses Gefühl der Entzweiung von Körper und Seele – das ist alles andere als schön.

Über Entzweiung, wenn auch auf ganz anderer Ebene, kann Eric aktuell ein kleines Liedchen singen. Davon werdet ihr in der heutigen Fortsetzung lesen können.

Rast einlegen, durchatmen. Kurz daran denken, dass bereits Donnerstag ist und das Wochenende somit nicht mehr fern – das wünsche ich euch für heute. Genießt die kleinen Geschenke des Tages, lasst euer Herz erfreuen. Das brauchen wir alle ab und zu.

Viele liebe Grüße von einer eher spirituell nachdenklich gestimmten

Emma

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– Acht –

Am Montagmorgen saß Eric schon früh auf seinem Platz im Deutschkurs. Auch wenn er es niemals zugegeben hätte – seitdem er wach war, dachte er mit leichter Aufregung an diesen Moment. An den Augenblick, wenn Lina den Raum betreten und sich neben ihn setzen würde.
Wie würde sie reagieren?
Der Abend mit ihr ging ihm nicht aus dem Kopf. Während es um ihn herum immer lauter wurde, wanderten seine Gedanken zu den wenigen kostbaren Momenten, als er ihr ganz nahe gewesen war. Ihm war natürlich bewusst, dass es eine Ausnahme gewesen war, als sie seinen Arm auf ihrer Schulter zugelassen hatte. Und dennoch…
Nach stundenlangem Kopfzerbrechen war ihm klar geworden, dass Lina ganz schlicht und einfach seinen Beschützerinstinkt weckte und er deshalb das Bedürfnis hatte, ihr nahe zu sein.
Eine ganz normale Reaktion. Vermutlich würde es jedem anderen männlichen Wesen genauso gehen, der mit ihr zu tun hatte. Nicht, dass er den Anblick anderer Männer in ihrer Nähe mögen würde…
Er schüttelte seinen Kopf, um seine Gedanken klar zu bekommen. Das ging nun doch etwas zu weit.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass ihn nur noch fünf Minuten vom Stundenbeginn trennten.
Wo blieb sie? Sonst war sie doch auch so überpünktlich. Immer war sie schon da, wenn er den Raum betrat!
(Außer er war so früh dran wie heute, als die Neugierde ihn in die Schule getrieben hatte.)
Plötzlich erschien wie aus dem Nichts ein Schatten vor ihm – eine äußerst anklagend dreinschauende Marina.
„Du!“ Ihre Augen funkelten zornig.
„Ich?“
„Wie konntest du einfach mit Lina abhauen! Du ahnst nicht, welche Sorgen ich mir machen musste, bis ich endlich jemanden gefunden habe, der mir sagen konnte, dass sie mit dir die Party verlassen hat!“
Er blinzelte. „Ach… ich wusste nicht, dass sie erst deine Erlaubnis erbitten muss.“
„Haha!“ Mit einem Plumpsen ließ sie sich auf den Stuhl neben ihm sinken. „Man, habe ich mir Gedanken gemacht. Lina kann man doch nicht alleine irgendwo rumlaufen lassen. Sie würde sich vermutlich heillos verirren – oder sofort irgendwelche Jungs mit bösen Absichten auf sich aufmerksam machen…“
Aha. Sie hat ja ein wirklich großes Vertrauen in Lina., stellte Eric stirnrunzelnd fest, und obwohl eine leise Stimme in ihm durchaus bereit war, Marina zuzustimmen, fühlte er automatisch den Drang, Lina in den Schutz zu nehmen. „Ich nehme an, Lina kann auch ganz gut auf sich selbst aufpassen.“
„Ja, klar.“, erwiderte sie wenig überzeugt.
„Aber, keine Angst, sie hat sich nicht sonderlich wohl gefühlt und deshalb habe ich sie nach Hause gebracht.“
Marinas Züge wurden weich. „Das finde ich sehr lieb von dir. Du magst sie, oder?“
Genau in diesem Moment kam Herr Lehmann ins Zimmer gepoltert. Marina sprang auf, um zu ihrem Platz zu gehen. „Das Gespräch führen wir später fort.“ Und mit einem Augenzwinkern war sie weg.
Du magst sie, oder?
Ja. Er mochte sie. Warum auch immer.
Nachdenklich schaute er auf den leeren Platz neben sich.
Lina kam nicht mehr.

Die Woche verging. Den einen oder anderen Kommentar musste Eric sich immer wieder anhören. Die einen waren enttäuscht, dass er sich so früh von der Party entfernt hatte, die anderen machten Bemerkungen über seine Begleitung.
Der Staatenjunge und die Abweisende.
Es störte ihn nicht. Genau genommen war es ihm völlig egal, was die anderen dachten. Was ihn wirklich störte, war die Tatsache, dass Lina immer noch nicht in der Schule erschienen war.
Es war Donnerstag und wieder hatte er nirgendwo auch nur einen kurzen Blick auf sie erhaschen können. Auch Marina, die neuerdings immer wieder in seiner Nähe war
(klar, sie wollte herausfinden, ob etwas zwischen ihm und ihrer Freundin lief)
wusste nichts über ihren Verbleib.
Während er im Esszimmer saß und lustlos an einem Sandwich knabberte, hörte er, wie seine Mutter nach Hause kam.
„Mam?“
„Ja, ich bin’s!“ Ein Poltern, ihre Schuhe wurden von den Füßen gekickt. Schritte verrieten ihren Weg zur Garderobe, wo sie ihren Wintermantel aufhing und in Hausschuhe schlüpfte. Schließlich kam sie ins Esszimmer.
„Hey.“
„Hallo Schatz.“ Sie drückte ihm den üblichen Begrüßungskuss auf die Wange und ließ sich tiefseufzend neben ihm auf einen Stuhl sinken. „Mein Gott, war der Tag heute wieder anstrengend.“
„Tut mir Leid zu hören.“ Erics Antwort war nur halbherzig, weshalb seine Mutter ihm einen neugierigen Blick zuwarf.
„Was ist los? Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!“
„Wieso sollte es?“ Schulterzuckend warf er ihr einen schnellen Blick zu.
Eva zog eine Augenbraue hoch. „Mein lieber Sohn. Natürlich hast du etwas. Das merkt man doch.“
„Ach, so ein Quatsch!“ Aufgebracht warf Eric sein Sandwich auf den Teller und stand auf. Rastlos lief er durch den Raum.
„Eric!“
Er wandte sich ihr mit funkelnden Augen zu.
„Ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst, worum es geht!“
„Du kannst mir eh nicht helfen!“
Jetzt bekam Eva doch ein wenig Angst. Während sie überlegte, wie sie aus ihm herausbekommen konnte, worum es ging, trat sie mit bedächtigen Schritten hinüber in die offene Küche, um für sich – und vorsorglich auch für Eric – einen Kaffee zu machen. Aus ihren Augenwinkeln heraus betrachtete sie, wie ihr Sohn weiter aufgebracht seine Runden drehte, seine Hände zu Fäusten ballte, sie wieder löste.
Als der Vollautomat zwei Tassen befüllt hatte und schäumender Kaffee sein Aroma im Raum verteilte, stellte sie ihm eine auf die Theke und lehnte sich mit der ihren gegen die Anrichte. Mit beiden Händen umfasste sie die Keramik, als müsste sie sich wärmen, und schaute Eric durch den Dampf an. „Du hast doch irgendein Problem.“
Eric lachte schnaubend auf. „Ich? Ich habe ein Problem?“
Sie schwieg, in der Hoffnung, dass er von alleine anfangen würde zu reden. Innerlich jedoch fluchte sie. Alles, wonach sie sich gesehnt hatte, als sie sich durch den dichten Schnee nach Hause gekämpft hatte, waren ein heißes Bad und ihr Jogginganzug. Doch nun war sie hier. Natürlich war ihr Sohn ihr wichtiger, dennoch wünschte sie sich, er würde endlich mit der Sprache herausrücken.
Schließlich hatte er sich einigermaßen gefasst, nahm mit einem leisen „Danke“ den Kaffee und lehnte sich ihr gegenüber an die Theke. Vorsichtig pustete er in die Tasse, bevor er daran nippte. Dann atmete er tief aus. „Tut mir Leid.“, stellte er mit entschuldigendem Blick fest.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Allerdings könntest du mir vielleicht erzählen, was überhaupt los ist.“, schlug Eva vorsichtig vor. Als sie sah, wie eine Reihe unterschiedlichster Emotionen in Erics Augen aufblitzten, deren letzte Sorge war, wurde ihr plötzlich klar, dass es gar nicht um ihn selber ging. Eine Welle der Erleichterung durchfuhr sie.
„Ach weißt du, eigentlich ist es idiotisch. Ich verhalte mich idiotisch.“ Er schüttelte den Kopf. Seufzte auf. „Ich habe dir doch mal von Lina erzählt.“
Seine Mutter nickte.
„Am Samstag war ich auf dieser Party…“ Er erzählte ihr von dem Abend, von Linas merkwürdigem, rührendem Verhalten. Sprach über seine Bedenken und Ängste, vor allem bezüglich Linas Wohlergehen, und endete schließlich mit seiner Sorge, weil sie die ganze Woche nicht in der Schule gewesen war.
Eva betrachtete ihn nachdenklich. „Und, habe ich das richtig verstanden, du machst dir nun Sorgen um das Mädchen. Einmal, weil sie sonst so … traurig ist, und nun, weil du sie diese Woche noch nicht gesehen hast.“
Er nickte stumm.
„Ich glaube, du fragst dich vor allem, wie sie dir nun gegenüber treten wird.“ Als er sie unterbrechen wollte, hob sie ihre Hand. „Moment. Du denkst natürlich jetzt, dass ich dich nicht verstehe. Das ist Quatsch. Natürlich weiß ich, was du meinst. Aber neben deiner Angst um sie quält dich die Frage, wie das Verhältnis zwischen euch beiden nun ist. Ich kann mich gut daran erinnern, wie oft du über ihre abweisende Art geklagt hast. Natürlich freue ich mich, wenn ihr beiden euch ein wenig näher gekommen seid. Und es ist unschwer zu erkennen, dass du sie auf irgendeine Weise magst.“
Eric brummelte leise. „Da bist du nicht die Erste, die das sagt…“
Mit hocherhobenen Augenbrauen schaute sie ihn an.
„Also gut. Ich mag sie.“
„Hast du schon einmal versucht sie anzurufen? Darüber nachgedacht, sie einfach zu besuchen?“
„Nein, ehrlich gesagt nicht.“
„Und wieso nicht? Was hält dich davon ab? Du machst dir Sorgen um sie, und du weißt wo sie wohnt! Krankenbesuche haben noch nie geschadet.“
Erics Miene hellte sich deutlich auf. „Ja, du hast Recht!“
„Also, worauf wartest du?“ Eva zwinkerte ihm zu. „Nimm dir eins der Autos. Aber fahr vorsichtig, es ist wirklich schäbig draußen.“
Im Türrahmen drehte Eric sich noch einmal um und schenkte ihr ein erleichtertes, strahlendes Lächeln. „Danke fürs Zuhören.“
„Kein Problem, Großer.“
Gefolgt von diesen Worten machte er sich auf den Weg.

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