Freudensprünge, 29.09.2013

Einen wunderschönen Sonntag wünsche ich euch, liebe Leser!

Ich wollte gerade zu einer kitschigen, jubelnden Lobeshymne auf das tolle Herbstwetter anstimmen – bis mir einfiel, dass das ja gar nicht nötig ist. Ich kann euch auch einfach so erzählen, warum es mir gut geht, und nicht wieder einen wohlformulierten Vergleich zur Natur ziehen!

Für die, die es nicht bereits über meine Facebook-Seite erfahren haben: Gestern habe ich das Manuskript von Lina zu Ende gebracht! Natürlich handelt es sich nur um die Rohfassung, eine intensive Bearbeitungsphase, sowie eine anschließende Testleserunde werden folgen – aber hey, ich will das Gefühl nicht schmälern! Die Geschichte hat endlich, nach über drei Jahren, ihren Abschluss gefunden – und glaubt mir, das Gefühl, dass mich beim Schreiben dieser Worte durchfließt, ist nahezu unbeschreiblich!

Vielleicht denkt ihr jetzt „Na und? Ist das jetzt wirklich so besonders?“. Das ist auch okay so. Aber dennoch werdet ihr alle davon profitieren: da ich in derart guter Laune bin und meine Freude zumindest etwas mit euch teilen möchte, veröffentliche ich heute einen besonders langen Ausschnitt.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen – vielleicht sitzt ihr ja in einem Streifen der warmen Sonne, die durch die Fenster scheint, oder ihr kommt gerade von einem schönen Herbstspaziergang wieder. Oder ihr liegt kuschelig auf dem Sofa. Wie auch immer ihr euren Sonntag verbringt – habt viel Spaß dabei!

Fröhliche Grüße,

eure Emma!

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– Sieben –

„Lina, da bist du ja! Hey, Leute, Lina ist da!“ Marina fiel ihrer Freundin um den Hals. „Meine Güte, ich habe befürchtet du kommst nicht.“ Lächelnd zog sie Lina in die Wohnung. „Und, wie geht es dir?“
Lina schälte sich mit zuckenden Schultern aus ihrem Mantel. „ Es geht. Zeit, sich mal wieder zu betrinken, würde ich sagen.“
Marinas Augen funkelten. „Da sagst du was, Schätzchen. Komm mit, die anderen sind schon alle da und haben auch schon ein bisschen was intus. Du hast einiges nachzuholen!“
Der bohrende Kopfschmerz, der Lina schon den ganzen Tag über gequält hatte, ließ langsam nach, als sie Marina in das Wohnzimmer folgte, wo es sich schon einige Mädels bequem gemacht hatten. Sofort rutschten alle ein wenig zusammen, und kaum, dass Lina saß, bekam sie schon das erste Sektglas in die Hand gedrückt.
„Leute“, begann Marina feierlich, „nun sind wir alle gemeinsam versammelt. Es wird Zeit, auf einen unvergesslichen Abend anzustoßen. Mögen den Jungs nachher die Augen ausfallen, wenn sie uns sehen!“.
Mit leisem Klirren trafen fünf Sektgläser aufeinander. Während der erste Schluck ihre Kehle hinunterperlte, betrachtete Lina die anderen. Allesamt waren sie mehr als schick angezogen. Tiefe Ausschnitte, lange, funkelnde Ketten, glänzende Haare. Sie kam sich daneben nahezu schlicht und langweilig vor. Wie üblich hatte sie sich nicht sonderlich herausgeputzt. Die wenigen Male, die sie abends mit anderen ausging, machte sie kein besonderes Aufheben um ihr Äußeres. Und – wie jedes Mal – wusste sie, was über kurz oder lang passieren würde.
Marina nähme sich ihrer an.
„Also. Mädels.“, Marina schaute in die Runde. „Lasst uns jede einen Vorsatz für heute Abend fassen und darauf anstoßen. Meinen habe ich schon. Wie ihr alle wisst, habe ich ein Auge auf Thomas geworfen. Heute versuche ich mein Glück!“ Sie öffnete den Schraubverschluss einer Likörflasche und schüttete etwas davon in fünf Schnapsgläser.
Schnell waren die Gläser geleert.
Eine nach der anderen fasste ihren Vorsatz. Die meisten drehten sich um einen schönen, geselligen Abend. Als Lina an der Reihe war, hatte der Alkohol bereits einen roten Schleier auf ihre Wangen gelegt. Nachdenklich schaute sie in das schon längst wieder aufgefüllte Glas. Drehte es langsam zwischen ihren Fingern.
„Ich…“ Sie schaute Marina kurz in die Augen. „Ich möchte einfach nur einen schönen Abend voller Ablenkung haben.“
„Prost!“, rief diese, stieß mit Lina an und legte anschließend einen Arm um ihre schmale Schulter. „Genau damit werden wir nun beginnen!“
Wie schon zu Beginn vermutet, schleppte Marina sie als erstes in ihr Schlafzimmer vor den Kleiderschrank, der in Linas Augen nahezu astronomische Ausmaße hatte.
„Ich denke nicht, dass du in diesem langweiligen Oberteil heute Abend auch nur einen weiteren Schritt vor meine Haustür setzen wirst!“ Mit kritischem Blick umrundete sie Lina, die unbehaglich von einem Fuß auf den anderen trat
(Sieht sie irgendetwas, was sie besser nicht sehen sollte?)
und nickte schließlich kurz. „Die Hose ist okay. Wenn man ihn denn mal sieht, ist dein Arsch darin nämlich durchaus knackig.“
Die anderen Mädels quetschen sich ebenfalls in das Zimmer, das nun fast aus allen Nähten platzte. Das Bett ächzte, der Schreibtischstuhl quietschte, doch immerhin fanden alle einen Platz.
Lina fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Die viele Aufmerksamkeit, die Bastelei an einem Outfit, was eindeutig zu sexy werden würde – dafür hatte sie noch nicht genug getrunken. Sie streckte ihre Hand aus und bekam sofort ein weiteres Glas Sekt in die Hand gedrückt.
Während vier unterschiedliche Mädchenmeinungen die Vor- und Nachteile gewisser Oberteile sowie passender Accessoires diskutierten, stand sie in der Mitte und trank sich den nötigen Mut
(oder die passende Amnesie?)
für einen Abend ohne tiefsinniges Gedankengut an.
Wie eine Schaufensterpuppe kam sie sich vor, während verschiedene Oberteile angehalten, zurechtgezogen und verglichen wurden.
Während der Alkohol durch ihre Blutbahnen kreiste, versuchte sie zwanghaftt, sich zu entspannen.

Es war kurz vor zehn, als die fünf lärmend und kichernd bei Thomas ankamen. Er wohnte in einer verkehrsberuhigten Straße, etwa zehn Minuten von der Innenstadt entfernt. Das Haus war zweistöckig und für den Begriff „geräumig“ fast schon zu groß. Der kleine Vorgarten war gepflegt, die Fenster allesamt mit Vorhängen geschlossen. Dennoch sah man viele Lichter durch die Lücken scheinen, sich bewegende Schatten, und die Musik drang ebenfalls bis zur Straße hinaus.
Offensichtlich lief die Party gut.
Die Tür öffnete sich, und sofort waren sie alle von der Feier eingehüllt.
Kitschige Weihnachtsdekoration schmückte die meisten freien Flecken und Ecken der unteren Etage, überall standen kleine Schüsseln mit Knabbereien und Getränke herum.
Passenderweise waren Thomas’ Eltern über das Wochenende verreist.
Wie schon erwartet, war der halbe Jahrgang versammelt. Dem ersten Blick nach zu urteilen hatten auch diese Gäste bisher nicht mit dem Alkohol gespart.
Marina ging, Lina hinter sich herziehend, ins Wohnzimmer. Das Sofa, das sonst mitten im Raum stand und eine einladende Liegewiese darstellte, war in eine Ecke gerückt, um mehr Platz zum Tanzen – oder einfach nur herumstehen – zu schaffen. Kurz erblickte Lina ein knutschendes Pärchen auf den Kissen und blickte peinlich berührt zur Seite.
Als Thomas wie aus dem nichts erschien, Marina zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange drückte und Lina einmal kurz zuzwinkerte, merkte letztere, wie ihre Freundin vor Aufregung stocksteif wurde.
„Ich schaue mich mal um, wer so alles da ist“, raunte sie Marina ins Ohr, um sie mit Thomas alleine zu lassen.
Zu den Klängen von „I gotta feeling“ von den Black Eyed Peas bewegte Lina sich durch das Haus. Sie fand ein Durcheinander, welches vermutlich so etwas wie eine Cocktailbar darstellen sollte. Leise vor sich hin summend mischte sie sich ein Getränk. Ihre Wangen hatten noch immer einen rosigen Hauch.
Eric erkannte sie im ersten Moment nicht.
Alles was er sah, während er in der Absicht, sich etwas zu trinken zu besorgen, zur „Bar“ ging, war der Rücken einer schmalen, jungen Frau. Sie trug eine enganliegende, dunkelblaue Röhrenjeans und darüber ein schwarzes Oberteil, dessen Ausschnitt weich über eine ihrer Schultern fiel und weiche, helle Haut zeigte. Ihr hellblondes, feines Haar war zu einem losen Knoten gebunden, der tief in ihrem Nacken lag.
Als sie sich schließlich umdrehte, riss Eric erstaunt die Augen auf. „Oh, hi Lina!“
Lina zuckte ebenfalls zurück, mehr aus Schreck als aus Überraschung. Eric war die letzte Person, die sie hatte treffen wollen. Ihre Wangen färbten sich dunkelrot. Unter anderen Umständen wäre sie längst geflüchtet, doch hier, auf dieser Party, mit einem Cocktail in der Hand, war die naheliegendste Reaktion, ihr Glas an die Lippen zu heben. Eilig trank sie einen großen Schluck, bevor sie antwortete. „ Hi Eric.“
Eric merkte, wie sich seine Lippen zu einem Grinsen verzogen. „Ich dachte, du würdest nicht kommen.“
„Das dachte ich allerdings auch.“, erwiderte Lina trocken und spielte mit dem Glas in ihren Händen.
Eric trat von einem Fuß auf den anderen.
„Also… was hast Du nun vor?“
Lina schaute ihn an, als hätte er etwas ganz offensichtliches nicht verstanden. „Party machen, natürlich!“
Eric konnte nicht anders, er freute sich darüber, dass die kühle Blondine hier erschienen war. „Welch Zufall, bei mir ist es genauso!“ Er schielte hinüber zu den Getränken. „Also, eigentlich wollte ich mir jetzt auch etwas mixen. Was genau trinkst Du da? Schmeckt das?“
Lina trank einen weiteren Schluck, als müsste sie, um die Frage beantworten zu können, noch einmal kosten. Sie spitzte die Lippen. „Ja, es schmeckt. Nur hilft dir das nicht weiter, da ich einfach alles Mögliche zusammen gekippt habe und dir die genaue Zusammensetzung nicht mehr sagen kann.“
„Was soll’s. Ich bekomme sicherlich auch so etwas Leckeres hin.“ Mit blitzenden Augen stellte Eric sich neben sie und hantierte mit den verschiedenen Flaschen. Beiläufig warf er ihr einen Seitenblick zu. Dass ihre rosigen Wangen sich so sehr von ihrer Blässe abhoben, unterstrichen ihr zerbrechliches Aussehen, aber auf eine Art und Weise, als bestünde sie aus teuerstem Porzellan. Die schwarz getuschten Wimpern betonten ihre grünen Augen vorteilhaft und waren gleichzeitig der einzige Hinweis darauf, dass Kosmetika ihr natürliches Aussehen veränderten. Dazu die äußerst figurbetonte Kleidung, die ihrem schmalen Körper die sonst so verdeckten Rundungen entlockte.
Es war das erste Mal, dass Lina aussah wie eine junge Frau.
Dass sie sich in Erics Augen von allen anderen weiblichen Besuchern der Party abhob, lag zudem auch daran, dass sie ihm mit ihrer merkwürdigen Art so oft durch den Kopf geisterte.
Was Aussehen alles ausmacht!, dachte er verwundert, während er sie betrachtete.
Es war so merkwürdig, das abweisende Mädchen, das er nur aus der Schule kannte, plötzlich im privaten Rahmen zu sehen, neben ihr zu stehen, mit ihr zu reden.
Lina war ebenfalls in ihren Gedanken gefangen; beschäftigt mit dem komischen Gefühl, nun doch hier auf der Party zu sein, auf die sie eigentlich hatte verzichten wollen, unter anderem deshalb, weil sie wusste, dass Eric kommen wollte. Jetzt stand sie neben ihm, hatte ein Glas in der Hand und beobachtete beiläufig, wie er sich etwas zusammen mischte. Sie roch sein Parfüm, doch entgegen ihrer Erwartung fand sie den Geruch gar nicht unangenehm.
Auch wenn sie nicht hätte sagen können, dass sie sich wohl fühlte, ging es ihr auch nicht wirklich schlecht. Hier, neben ihm.
Natürlich lag es nur am Alkohol, dass ihre Schutzsensoren am heutigen Abend nachließen
(Woran auch sonst?)
und sie nicht wie sonst automatisch flüchten wollte.
Um sie herum war eine Menge Betrieb, Mitschüler lachten, sangen, redeten laut durcheinander. Trotz der frühen Uhrzeit – es war halb elf -, stolperten einige schon mit glasigem Blick durch die Gegend.
Eric wusste, dass auf der Veranda einige Joints ihre Runden drehten. Da er den Geruch kannte – und, ja, auch wusste wie das Zeug schmeckte – hatte er sofort wieder kehrt gemacht, sobald er es erkannt hatte. Das war nicht seine Welt.
„Mischen wir uns mal wieder ein wenig unter die Leute, was?“, meinte er und warf dabei einen bedeutsamen Blick in die Runde.
Lina nickte zustimmend.
Sie arbeiteten sich langsam von Raum zu Raum, was nicht leicht war, da sie immer wieder in Gespräche verwickelt wurden.
Oder eher gesagt Eric.
Die Überraschung in den Augen der meisten Mitschüler, als sie Lina entdeckten, war für sie nichts neues, Eric fand sie unangemessen, fast sogar schon unhöflich.
Einmal sah Lina Marina, doch diese befand sich gerade in einem, wie es schien, sehr intensiven Austausch mit Thomas. Sie sah, wie ihre Freundin kurz verwundert die Augen aufriss, als sie merkte, wen sie im Schlepptau hatte, doch für mehr als ein kurzes Winken und Zwinkern hatte Marina schließlich doch keine Aufmerksamkeit.
Als sie sich schließlich im Wohnzimmer wieder fanden, erklangen die ersten Töne von „Sweet dreams“, einem Lied, das Lina sehr mochte. Sie begann automatisch ein wenig mit den Füßen zu wippen, während sie leise mitsang.
„Eurhytmics, hm?“, raunte Eric ihr plötzlich so nah ins Ohr, dass ihr ein leiser Schrei entfuhr.
„Erschreck mich nicht so, verdammt!“, fauchte sie ihn an,
(Aha, das erste Mal, dass sie wieder die Kratzbürste ist!)
beruhigte sich aber ebenso schnell wieder. Nur ihr wild pochendes Herz blieb.
„Komm, schmeißen wir uns mal auf das Sofa!“, schlug er vor, die Hände entschuldigend erhoben. Als sie saßen, versuchte er an seiner vorherigen Aussage anzuknüpfen, um ein Gespräch zum Laufen zu bringen. „Da gibt es diesen netten Remix, mit Seven Nation Army. Kennst Du den?“
Lina nickte nur flüchtig. Kaum in die Kissen gelehnt, schloss sie mit einem leisen Seufzen die Augen. Sie merkte, dass sich alles leicht um sie drehte, der Bass der Musik in ihrem Magen widerhallte, die Gespräche um sie herum verschwammen.
Nun, da sie dort saß, wurde ihr jedoch wieder bewusst, in welcher Situation sie sich befand.
Sie war auf einer Party, auf die sie nie hatte gehen wollen, und hatte dort die letzte halbe Stunde mit eben jener Person verbracht, die sie am wenigsten um sich herum haben wollte. Sie saßen gemeinsam auf einem Sofa, das in eine der Ecken geschoben war, und lauschten der Musik. Gleichzeitig war Lina mehr als bewusst, wie nah ihr Eric war. Sie fühlte seine Nähe, hörte ihn, roch ihn. Sie konnte förmlich sehen, wie er, in dem Versuch, etwas – irgendetwas – zu sagen, die Stirn runzelte. Außerdem hatte sie relativ viel Alkohol getrunken.
Die verschiedensten Situationen, in denen sie ihm bisher schon aus dem Weg gegangen war, kamen ihr in Erinnerung.
Lina kniff ihre Augen noch fester zusammen.
Ach, was solls. Ich kann nun eh nichts mehr dran ändern, seufzte sie schließlich innerlich auf und wandte sich Eric zu. Als sie ihre Augen öffnete, funkelte das Grün im Halbdunkel des Raumes kurz auf. „Was trinkst du denn gerade?“, fragte sie und versuchte, so viel Interesse wie möglich in dieser Frage zu legen.
Eric schaute sie überrascht an. „Ich würde es den Eric-Spezial nennen.“ Ein kurzes Lachen. „Naja, im Grunde nichts Besonderes. Ein Kiba mit Batida. Schmeckt ganz gut.“
Lina zog die linke Augenbraue hoch. „So etwas Süßes trinkst du?“
„Hmmmm… eigentlich trinke ich sonst Wodka pur, aber man muss sich ja ein wenig seinem Umfeld anpassen.“
Sie konnte nicht anders und lachte kurz auf. „Alles klar, du Meistersäufer.“
Gespielt empört pulte Eric mit seiner Zunge in der Wange und überlegte gerade, was er darauf erwidern sollte, als plötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine kichernde, zappelnde und durch und durch betrunkene Marina halb auf seinem, halb auf Linas Schoss landete.
„Lina!“, krähte sie, „Meinen Vorsatz habe ich erreicht und wie ich sehe, bist du auch nah daran, erfolgreich zu sein!“ Dabei zappelte sie derart gefährlich mit ihrem halbvollen Glas herum, dass Eric Angst um seine Hose bekam. Während er selber über diese Aussage rätselte, sah er, wie Lina schmerzlich das Gesicht verzog.
„Erzähl doch nicht so einen Quatsch, ich mache gar nichts. Ich sitze einfach nur lieb und harmlos auf einem Sofa und höre Musik.“ Marina verdrehte, an Eric gerichtet, theatralisch die Augen. „Aber dass du Thomas näher gekommen bist, freut mich.“
„Kommst du mit tanzen? Eric kann natürlich auch gerne mitkommen – und dich ein wenig führen!“
Während Lina zunächst anfing, einfach nur mit dem Kopf zu schütteln, wurde sie beim zweiten Teil des Satzes stocksteif. Ihr Gesicht wurde ganz ausdruckslos, als sie schlicht „Nein!“ sagte. Marina, die diesen plötzlichen Wandel nicht mitbekam, hatte sich schon auf ihre Beine geschwungen und versuchte, die beiden vom Sofa zu zerren. Da Eric durchaus Lust hatte, sich ein wenig zu der Musik zu bewegen, stand er schon, als er merkte, dass Lina sich gegen Marinas Bestreben wehrte. Stirnrunzelnd registrierte er die Veränderung ihres Gesichtsausdruckes.
„Ach komm schon, ich beiße doch nicht. Tanzen macht Spaß!“, versuchte er sie zu motivieren, doch anstatt ihren Gesichtsausdruck aufzuweichen, wurde er noch verschlossener.
Soll einer doch mal schlau aus diesem Mädchen werden!, schoss es Eric durch den Kopf, und während er noch mögliche Argumente gegeneinander abwog, zog Marina ihn schon auf die provisorische Tanzfläche. Die ersten Schritte rückwärts stolpernd, warf er noch einen letzten Blick auf das Mädchen mit den traurigen Augen.
Ach, was solls. Ich setze mich später wieder zu ihr., beruhigte er sich und schaltete dann das Denken aus, um ganz im Tanzen aufzugehen.

Als Lina alleine war, lehnte sie sich, beinahe erleichtert, zurück. Das alles war so viel. Es war zu viel.
Einerseits wünschte sie sich schmerzlich, einfach nur ein Teil dieser wild feiernden Menge zu sein, andererseits gab es kaum einen Augenblick, in dem sie sich absurder gefühlt hatte als jetzt auf dieser Party. Als würde sie die ganze Zeit versuchen, in eine Hose zu schlüpfen, die ihr einfach nicht passte.
Lina runzelte die Stirn, als sie darüber nachdachte, wie leicht die anderen es doch hatten, die einfach sorglos feiern konnten, trinken konnten, tanzen, mit anderen lachen… ohne auch nur irgendwelche Ängste ausstehen zu müssen. Die Angst davor, dass dunkle, tief versteckte Geheimnisse öffentlich wurden… dass Dinge ans Tageslicht gelangten, die besser in der schmierigen Nacht blieben…
Das Wissen, anders zu sein als andere.
Lina spürte es genau. Ihre Augenwinkel fingen langsam an zu brennen.
Unglücklich schloss sie die Augen, kniff sie fest zusammen. Eine Träne löste sich und rollte langsam ihre linke Wange hinunter, während der Druck auf ihrer Brust immer größer wurde.

Genauso fand Eric sie, gute zwanzig Minuten später. Eigentlich hätte er nicht überrascht sein sollen. Er kannte dieses geschlagene Mädchen, kannte diesen Ausdruck, der schon oft genug in der Schule sichtbar geworden war, wenn Lina ihre Fassade nicht genügend unter Kontrolle gehabt hatte.
Kannte das greifbare Elend, das sie ausstrahlte.
Doch irgendwie berührte ihn der Anblick an diesem Abend besonders. Da saß sie, das junge, zerbrechliche Mädchen, ein halbvolles Glas schräg und vergessen in ihrer Hand, den Kopf an die Sofalehne gelehnt, die eigentlich recht hübschen grünen Augen durch zart lavendelfarbene Lider verdeckt.
Sie strahlte das Unglück aus jeder einzelnen Pore aus.
Und ich war einfach tanzen!, schoss es ihm durch den Kopf. Obwohl er wusste, dass er keinerlei Schuld an ihrem Gemütszustand trug,
(oder etwa doch?)
fühlte seine Brust sich ganz taub an, als er, die Fäuste tief in seine Hosentaschen geschoben, langsam an das Sofa trat. Das leicht beschwipste Gefühl war verflogen.
„Lina?“, fragte er zögerlich. Da keine merkliche Reaktion kam, schob er sich neben sie. „Lina?“
Er meinte zu sehen, wie sich ihre Miene verdüsterte. In einem letzten Versuch, sie zu erreichen, legte er seine Hand auf ihren Oberschenkel –
und machte sie damit mehr als aufmerksam genug.
Mit einem Ruck riss sie ihre Augen auf, und als sie leise und aggressiv „Nimm deine Pfoten da weg!“ flüsterte, brannten ihre Augen düster.
Wieder einmal von Linas Stimmungsschwankungen überrascht, riss Eric sofort seine Hand hoch.
Dieses Mädchen zu verstehen, auch nur eine ihrer Reaktionen vorauszusagen, war schier unmöglich.
Ebenso schnell, wie er begonnen hatte, verrauchte dieser Ausbruch auch schon wieder. Nun wirkte sie nur noch müde.
Fragend blickte er sie an, doch Lina wandte sich von ihm ab. Sie schien plötzlich das Glas in ihrer Hand zu merken und leerte es in einem großen Schluck.
„Warum bist du überhaupt noch hier?“, fragte er sie verwundert. „Du fühlst Dich offensichtlich nicht wohl. Was hält dich hier fest?“
„Ebenso wenig, wie an irgendeinem anderen verdammten Ort!“, fauchte sie und war über diese Antwort gleichermaßen schockiert wie überrascht.
Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können? Auch nur ansatzweise einen Einblick in ihr Leben geben können?
Eric betrachtete sie nachdenklich. Er wusste, mit ihr zu reden war momentan nicht weniger gefährlich als der Umgang mit einer scharfen Bombe. Doch obwohl er sich nicht den geringsten Reim darauf machen konnte, fasste er einen Entschluss.
„Komm, wir verschwinden von hier, ich habe genug von der Party.“
Lina wollte protestieren, doch da sie nur von dem einen in das andere Übel stolpernd würde und es deswegen keinen Unterschied machte, ob sie nun hier saß oder woanders, folgte sie ihm.
Im Flur fragte er nach ihrer Jacke, und als sie stumm auf einen schwarzen Mantel zeigte, half er ihr, ebenso wortlos, hineinzuschlüpfen.
Als die Tür hinter ihnen zufiel und der Lärm von tobenden, feiernden, erheiterten Mitschülern nur noch gedämpft an ihre Ohren drang, atmete Lina das erste Mal tief durch.
Gleichzeitig merkte sie in der frischen Nachtluft, dass sie zwar angetrunken, aber dennoch nicht betrunken genug war, um nun nach Hause in die kalte Wohnung zurück zu kehren.
Allein der Gedanken daran ließ die alte, unausgesprochene Angst langsam in ihre Glieder kriechen.

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