Gedankenexperiment, 17.10.2013

Hallo liebe Leser,

passend zum stürmisch herbstlichen Donnerstag melde ich mich wieder bei euch, um euren Tag mit meiner Fortsetzung zu bereichern.
Bevor ich euch jedoch darauf los lasse, habe ich eine kleine Denkaufgabe für euch. Vielleicht, weil ich gerade eingekuschelt – übrigens äußerst stilsicher in roter Wolldecke auf schwarzmeliertem Sofa – im Wohnzimmer sitze und die wehenden Äste vor meinem Fenster betrachte. Sie wecken einerseits Zufriedenheit in mir, weil ich nicht dort draußen bin, andererseits lassen sie Herz und Seele auf Wanderschaft gehen. Denn wenn ich physikalisch an einen Ort gebunden bin, dauert es nicht allzu lange, bis ich auf andere Art und Weise losziehe.
Während ich also äußerlich warm eingekuschelt hier sitze, versuche ich automatisch, mich auch innerlich zu wärmen. Und wie geht das besser als durch schöne Gedanken?
Und jetzt kommt ihr ins Spiel.
Wir machen es wie Frederick.
Bitte, lehnt euch kurz zurück und schließt eure Augen (sobald ihr die Instruktionen zu Ende gelesen habt, natürlich, sonst macht das wenig Sinn). Denkt an etwas ganz besonders schönes, irgendetwas Zwischenmenschliches. Naheliegend für mich ist das die Erinnerung an mein erstes Treffen mit meinem Seelengefährten; meinem Freund, auf den ich in jeder Lage zählen kann. Vielleicht ist es für euch ja etwas ganz anderes. Ein besonders schöner Augenblick mit Freunden? Ein gemütlicher Spieleabend mit der Familie? Bitte, erinnert euch daran. Was schießt euch durch den Kopf; was spürt ihr? Kribbelt es warm im Bauch? Spürt ihr es bis in die Fingerspitzen? Müsst ihr lächeln?
Hoffentlich fühlt ihr euch genauso glücklich und zufrieden, wie ich es nun tue.

Genießt die innere Wärme, während draußen der Wind um die Häuser pfeift. Schwelgt einen Moment darin, bevor ihr eure Augen wieder öffnet und mit einem noch besseren Gefühl den Rest des Tages in Angriff nehmen könnt. Und dann, ja dann könnt ihr gerne die Fortsetzung lesen.

Vielleicht mögt ihr mir mitteilen, woran ihr denken musstet? Ich freue mich über Kommentare, sowohl hier, als auch bei Facebook. Wenn es zu privat ist, ist das aber auch vollkommen okay!

So oder so, habt eine wunderschöne Gedankenreise, viel Spaß mit der Fortsetzung und einen gemütlichen Abend!

Viele Grüße,

eure Emma

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Als Eric vor dem Mehrfamilienhaus parkte, dämmerte es bereits. Er hatte fast das Haus erreicht, als ihm plötzlich einfiel, dass er gar nicht wusste, wo er überhaupt klingeln sollte. Leise fluchend stellte er sich vor das große Schild voller Namen und fing an zu suchen. Er durchforstete sein Hirn, und als er plötzlich über den Namen ‚Martins’ stolperte, war er sich fast sicher, dass es der Richtige war. Gerade wollte er sein Glück versuchen, als jemand die Tür aufstieß und nach draußen ging. Schnell schlüpfte er durch den Spalt, froh der Kälte zu entfliehen, und machte sich auf den Weg in den vierten Stock.
Ganz schön weit oben, schoss es ihm durch den Kopf. Er war es nicht mehr gewohnt, so viele Treppen zu steigen. Wie sie wohl reagieren wird? Ob sie überhaupt zuhause ist? Aufmacht?, fragte er sich, während er langsam außer Puste geriet.
Als Eric schließlich vor der Tür stand, atmete er tief durch. Während er die Klingel betätigte, gingen ihm viele Dinge durch den Kopf.
Er hatte Lina gern. Er wollte sie sehen. Wollte wissen, wie es ihr ging.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, er wollte gerade ein zweites Mal auf die Klingel drücken, hörte er ein Poltern hinter der Tür. Er war sich sicher, durch den Spion betrachtet zu werden. Schließlich drehte sich ein Schlüssel im Schloss, und die Tür wurde einen Spalt aufgerissen.
Trübe, blassblaue Augen eines verlebten Gesichts starrten ihn an. „Was wollen sie?“, wurde er angekrächzt.
Er räusperte sich. „Ist Lina da?“
„Lina?“ Die Stimme klang so ungläubig, dass es fast wie eine Beleidigung wirkte. Gleichzeitig war diese Aussage jedoch die Bestätigung, dass er bei der richtigen Familie geklingelt hatte.
Die Frau drehte sich um und rief mit heiserer Stimme: „Lina! Besuch für Dich!“. Dann wandte sie sich ihm wieder zu. „Wer sind sie überhaupt?“
„Eric. Ein Mitschüler von Lina.“ Da er sich nicht sicher war, was er sagen konnte und was nicht, fügte er nicht hinzu, dass er sich Sorgen um sie gemacht hatte. Als die Frau nun endlich die Tür weiter öffnete und ihn mit einem Kopfnicken in die Wohnung dirigierte, war er ein wenig erleichtert.
Immerhin war er nun schon einmal drinnen.
Er trat in einen kleinen vollgestopften Flur. An einer Garderobe zur Linken sah er zwischen vielen anderen Jacken auch Linas Mantel, den sie am Samstag getragen hatte. Er suchte vorsichtig einen Weg zwischen Schuhen und allerhand anderen Sachen, die kreuz und quer über den Boden verteilt lagen.
„Entschuldige die Unordnung. Wir sind ein wenig faul.“, erklärte die Frau mit einem halben Schulterzucken und kickte ein paar der Schuhe zur Seite.
Nun, da er sie richtig betrachten konnte, sah er, dass sie einen übergroßen Jogginganzug trug. Sie war nicht viel größer und kräftiger und hatte dieselbe Haarfarbe wie Lina. Er ging davon aus, dass es ihre Mutter war. Da sie sich aber nicht vorgestellt hatte, konnte er sich nicht ganz sicher sein. Sein Gefühl sagte ihm, dass in diesem Haushalt nicht alles so war, wie man es erwarten sollte.
Noch immer war nichts von Lina zu sehen, weshalb die Frau sich neben ihm räusperte, „Also. Da sich die Gute nicht rührt, musst du wohl selber hin gehen.“ Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Geh durch den Flur. Die zweite Tür rechts.“ Mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und ging in einen angrenzenden Raum.
Bei der bedrückenden Enge in dieser Wohnung musste Eric schlucken. Tatsächlich konnte man sie nicht im Geringsten mit seinem Zuhause vergleichen, und obwohl Lina noch nie bei ihm gewesen war, konnte er nun verstehen, warum sie am Samstag so reagiert hatte.
Nach nur wenigen Schritten hatte er den Flur durchquert. Vor Linas Tür angekommen atmete er tief durch, klopfte dreimal und wartete.
„Ja?“, hörte er sie schließlich gedämpft fragen. Er erwiderte nichts, in der Angst, dass sie die Tür nicht öffnen würde, wenn sie wüsste wer da war. Schließlich hörte er ein gedämpftes Murmeln, das wahrscheinlich ein Schimpfen darstellen sollte. Ein leichtes Grinsen umspielte seine Mundwinkel, als er bildlich vor sich sah, wie sie mit zornfunkelnden Augen unterbrach, was auch immer sie gerade getan hatte.
Als die Tür schließlich aufgerissen wurde, war das erste, was Eric sah, der blaue Fleck, der Linas linkes Auge zuschwellen ließ.
„Was machst du denn hier?“, zischte sie, die Augen entsetzt aufgerissen, und wollte die Tür wieder zuschlagen, doch Eric schob sich einfach an ihr vorbei. Sein Herz war ganz kalt, als er sie betrachtete.
Wieso ist er hier?, fragte Lina sich entsetzt. Zitternd wandte sie sich von ihm ab und trat ans Fenster, die Arme fest um ihren Körper geschlungen. Was denkt er nur?
„Lina.“ Eric war erschrocken darüber, wie unsicher seine eigene Stimme klang. Er konnte es nicht fassen. Tausend Gedanken wirbelten durch seinen Kopf, kein einziger greifbar. „Was ist passiert?“
Während er auf eine Antwort wartete, sah er sich in ihrem Zimmer um. Es war klein, vielleicht zwölf Quadratmeter groß, und nicht sonderlich gemütlich. Ein Bett dominierte den Raum, daneben gab es noch einen Schrank, einen Schreibtisch und einen kleinen Sessel. Kaum persönliche Dinge. Eine Wolldecke und ein aufgeschlagenes Buch auf dem Sessel machten deutlich, wobei Eric sie gestört hatte.
„Ach, nichts weiter.“ Als sie sich wieder zu ihm drehte, hatte sie sich wieder einigermaßen gefasst und eine Standartausrede zurecht gelegt. Obwohl ihr Herz raste, als hätte sie einen Marathon hinter sich, und ihr Magen sich gefährlich umdrehte, schaute sie ihn aus ruhigen Augen an. „Ich bin am Sonntag die Treppe heruntergefallen. Da ich mir einige Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen habe, hat mein Arzt mir Bettruhe für diese Woche verschrieben.“ Ihrer beider Blicke fielen gleichzeitig auf das tadellos gefaltete Laken und das glattgestrichene Kissen, weshalb sie noch hinzufügte: „Ich kann nicht mehr liegen, deshalb halte ich mich nicht mehr so sehr daran.“
Eric ging zu ihr. Als er direkt vor ihr stand, legte er seine Hand vorsichtig an ihren Arm. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“
Ihre grünen Augen strahlten förmlich in ihrem bleichen Gesicht. Das Hämatom verfärbte sich an den Rändern schon gelb, war im Zentrum aber noch immer dunkelblau. Schließlich wandte sie ihr Gesicht ab. „Ich konnte mich nicht melden. Ich wusste nicht wo.“ Ihr Herz schlug schwer. Angst nagte an ihrem Bewusstsein, an all ihren Fasern. Würde er ihr glauben? Diese hirnrissige Geschichte von dem Sturz? Seine braunen Augen blickten viel zu tief in sie hinein.
Warum ist er gekommen? Warum muss er nur so verdammt aufmerksam sein?
Verunsichert wanderten ihre Augen durch ihr Zimmer, bis sie am Wecker auf dem Nachttischchen hängen blieben. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass Stefan bald nach Hause kommen würde, und ihre Angst verwandelte sich in Panik. Sie musste Eric so schnell wie möglich hier raus schaffen. Zum einen weil sie nicht wollte, dass er Stefan kennen lernte, zum anderen weil sie Angst vor dessen Reaktion hatte.
Nicht, dass ihre Mutter vermutlich eh erwähnen würde, dass sie männlichen Besuch gehabt hatte.
„Hör mal, was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Spaziergang machen?“
Eric war überrascht. „Es ist nicht wirklich das Wetter für einen Spaziergang, schon gar nicht wenn du krankgeschrieben bist.“
„Bitte, ich muss mal hier raus!“, drängelte sie, und nur weil er sich gleichzeitig darüber freute, dass sie etwas mit ihm gemeinsam machen wollte, stimmte er schließlich zu.
Mit klopfendem Herzen schlüpfte Lina in einen dicken Wollpullover und tauschte ihre Jogginghose gegen eine Jeans, nachdem Eric das Zimmer verlassen hatte. Erleichtert seufzte Lina auf, da sie ihm keine weiteren blauen Flecken präsentieren musste. Kurz schob sie den Ärmel ihres Pullis hoch und betrachtete den ringförmigen blauen Fleck, der sich um ihr Handgelenk schlang. Mit einer Mischung aus Wut und kalter Resignation piekste sie in das blaue Zentrum, bevor sie den Ärmel eilig wieder hinunterschob und mit einem letzten ängstlichen Blick auf den Wecker schaute.
Die Zeit wurde knapp.
Seufzend verließ sie ihr Zimmer und zog im Flur warme Stiefel und ihren Mantel an.
„Du wolltest unbedingt raus.“, erinnerte Eric sie.
Sie warf ihm den Hauch eines giftigen Blickes zu, und er musste grinsen. „Das konntest du schon besser!“
Einmal draußen, schob Lina ihre Hände tief in ihre Taschen. Der Schal, den sie sich um den Hals gewickelt hatte flatterte im Wind. Dicke Flocken wirbelten um sie herum. Eine legte sich auf den blauen Fleck unter ihrem Auge und bildete einen krassen Kontrast. Sie schmolz zu einer Träne, die langsam ihre Wange hinunter lief.
Endlich fühlte Lina sich frei, jetzt, da sie die bedrückende Enge der Wohnung verlassen hatte.
Auch Eric war erleichtert.
Langsam gingen sie durch den Schnee. Eric war sich nicht sicher, ob er es wagen konnte, wieder seinen Arm um sie zu legen. Noch während er mit sich selbst rang, blieb Lina so plötzlich stehen, dass er sie fast umrannte. Überrascht hielt er sich an ihren Schultern fest. „Hoppla!“
Ihre Augen brannten sich in ihn hinein. „Du hättest nicht kommen sollen.“
Er zog seine Augenbrauen hoch. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Aufgebracht wandte sie sich ab, ging ein paar Schritte, drehte sich wieder zu ihm um. „Hör zu, ich will nicht, dass du das alles siehst.“
„Was denn?“
„Alles. Mich. Mein Leben. Die Wohnung. Mein ganzes, beschissenes Leben!“ Ihre Stimme wurde immer lauter, bis sie schließlich brach. Mit einem leisen Schluchzen kickte sie einen Haufen Schnee zur Seite.
Er schaute sie verblüfft an.
„Einfach alles!“ Plötzlich lief sie raschen Schrittes los.
Eric brauchte einen Moment, um zu reagieren, zu schnell war dieser Stimmungswechsel geschehen. Als er sich jedoch in Bewegung setzte, hatte er sie mit wenigen großen Schritten eingeholt. „Lina, warte!“ Er packte sie am Arm, merkte, wie sie zusammenzuckte. „Warte, verdammt nochmal. Was ist denn nur los?“ Seine Stimme war wütender, als beabsichtigt. Es war ihm egal, dass sie mitten in einem Wohnviertel standen, dass seine Stimme vermutlich in jeder einzelnen Wohnung zu hören war. Seine Frustration gewann wieder Oberhand. „Wie soll auch nur irgendjemand schlau aus dir werden?“
„Das soll ja auch niemand! Ich habe es nie von dir verlangt!“, schrie sie ihn an. Grellrote Flecken breiteten sich auf ihrem Gesicht aus.
Ein älteres Ehepaar, das auf der anderen Straßenseite ging, blieb schockiert stehen und begann, hektisch miteinander zu flüstern.
Fluchend wurde Eric bewusst, wie diese Situation auf andere wirken musste: ein junges Pärchen, das sich auf offener Straße wütend anschrie, sie mit einem blauen Auge. Mit eindringlicher Stimme redete er leise auf sie ein. „Lina, das ist hier kaum der rechte Ort für ein solches Gespräch.“
„Gespräch? Was für ein Gespräch?“ Sie lachte hysterisch auf.
„Lina, bitte. Lass uns irgendwo hingehen, wo wir Ruhe haben.“ Er schaute sie flehend an.
Frustriert warf Lina ihre Arme in die Luft. „Es gibt keinen Ort, an dem ich jemals Ruhe hätte. Keinen, verstehst Du?“ Kaum waren die Worte gesagt, bereute Lina sie schon.
Nun war auch der letzte Rest von Erics Zorn verpufft.
„Lina.“ Sein sanfter Tonfall erreichte ihr Innerstes, gerade als sie versuchte, sich tief hinter ihre Mauer zurückzuziehen
(Wieso nur, wieso er? Wieso schafft er das?).
Anstelle ihrer unbändigen Wut blieben nur noch Trauer und Müdigkeit. Sie wandte ihren Blick ab.
„Hey.“ Er trat vorsichtig auf sie zu. „Wie wäre es, wenn wir erst mal aus dieser Kälte verschwinden? Ich kenne da ein gemütliches, kleines Café.“
„Solange es nicht das Zeitlos ist.“, scherzte sie mit einem schmalen Lächeln.
„Ich sagte gemütlich.“ Eric war erleichtert. Wieder einmal war ihr Gefühlsausbruch – welcher Art auch immer – nur von kurzer, aber dafür umso intensiverer Art gewesen. Jetzt, da er vorbei war, wusste er, dass die Luft für ihn rein war. Während er sie langsam zu seinem Auto führte, akzeptierte er ihr Schweigen ebenso wie ihren verschlossenen Gesichtsausdruck. Einen Entschluss hatte er jedoch gefasst: er würde nicht zulassen, dass Lina sich noch einmal so vor ihm zurückzog, wie es zu Beginn des Schuljahres gewesen war.

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