Gefühlschaos, 15.09.2013

Hallo, liebe Leser!

Ich hoffe, ihr habt die Woche gut überstanden. Ich selber weiß gar nicht so genau, wo die Zeit eigentlich geblieben ist. Ich merke, dass ich unglaublich urlaubsreif bin, doch bis ich mir ein paar freie Tage gönnen kann, habe ich noch einiges vor mir. Wie gut, dass ich mich durch mein Schreiben immer wieder erden und ablenken kann. Das klingt nun wie ein Widerspruch, aber so ist es. Es lenkt mich ab, führt mich in andere Welten. Und es holt mich wieder zurück, lässt es mir besser gehen, wenn ich mal wieder völlig unter Strom stehe.

Doch ich schreibe ja nicht immer nur von schönen Dingen. Das habt ihr in der vergangenen Woche zumindest ansatzweise feststellen können – und das wird auch heute fortgeführt. Dies endet dann durchaus darin, dass ich auch nach dem Schreiben (oder gerade deshalb) rastlos bin, unruhig, auf unangenehme Art und Weise berührt. Vielleicht, weil ich eine derart intensive Beziehung zu meinen Protagonisten aufgebaut habe, dass ich das, was sie fühlen, ebenfalls fühle. Empathie in ihrer Höchstform. Ich fühle mit Gedankenkonstrukten mit. Eigentlich ziemlich verrückt, nicht wahr?
Normalerweise finde ich das gut, doch in manchen Situationen hat mich das auch schon belastet. Eine andere Stelle, zu der wir erst in einigen Wochen kommen werden, hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich mich tagelang, nein, wochenlang nicht mehr mit dem Manuskript beschäftigen konnte.
Aber da werden wir ja noch zu gegebener Zeit hin kommen.

Ich glaube ich habe etwas den Faden verloren. Oh, genau. Ich wollte euch ja die Fortsetzung zur Verfügung stellen. Ich frage mich, ob und was sie in euch auslöst. Vielleicht mögt ihr mir das ja mitteilen!

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Kuschelt euch bei diesem usseligen Wetter ein und macht das beste aus diesem herbstlichen Regen. Und startet natürlich gut in die neue Woche!

Mit vielen – leicht gedankenverlorenen – Grüßen,

eure Emma

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– Fünf –

Das Leben war manchmal schlicht und ergreifend Scheiße. Natürlich gab es viele lebenswerte Momente, doch alles in allem war das Leben scheiße. Linas Leben war scheiße.
Trotz der Sonne, die unerbittlich auf sie hinabglühte, versteckte sie ihren schmalen Körper in einem viel zu großen, langärmeligen Oberteil. Es war erst halb acht Uhr morgens, und schon bildeten sich erste Schweißränder unter ihren Achseln.
Mit gesenktem Kopf ging sie zur Schule.
Das Wochenende hatte sie überstanden, ja, doch nun begann alles wieder von neuem. Die ganze Woche, jeder einzelne Tag, wie ein unüberwindbares Hindernis. Und in wenigen Augenblicken würde sie wieder die Maske aufsetzen müssen.
Doch sie merkte, heute würde es ihr nicht gelingen.
Sie war unnatürlich blass an diesem Morgen, betont durch ihre dunkle Kleidung, zerbrechlich. Die tiefen Ringe unter ihren Augen waren Zeugen der schlaflosen Nächte, in denen entweder Albträume oder die Angst sie wach gehalten hatten. Doch die Leere, die sie in ihrem Inneren spürte, war immerhin so gut versteckt, dass man sie nur bei genauerem Hinsehen am stumpfen Glanz ihrer Augen erkennen konnte.
Lina hatte heute Morgen fast eine halbe Stunde unter kochend heißem Wasser gestanden und anschließend sehr starken Kaffee getrunken, doch ihre Lebensgeister schlummerten noch immer in einer entfernten Ecke ihres Bewusstseins.
Als sie die Schule erreichte, hatte sie ihre aufgesparte Energie fast gänzlich aufgebraucht. Undeutlich nahm sie wahr, wie der ein oder andere sie grüßte, manch einer sogar stirnrunzelnd stehenblieb. Marina, die ebenfalls zu ihnen gehörte, dachte nur bekümmert ‚Es ist mal wieder soweit’, weil sie diesen leeren Blick kannte. Obwohl er immer wieder vorkam, wusste sie den genauen Grund dafür nicht.
Natürlich nicht.
Lina erreichte den Kursraum und setzte sich auf ihren Platz. Sie war eine der ersten, die meisten genossen noch die restlichen Minuten der Pause. Man hörte das gedämpfte Schreien und Lachen der jüngeren Schüler, die über den Schulhof tobten. Unschuldig, schoss es Lina durch den Kopf, es klingt so unschuldig. So, wie ich niemals war. Ein tiefes Seufzen bildete sich in ihrer Brust, bahnte sich seinen Weg in die Freiheit.
Langsam füllte sich der Raum, doch niemand schien sich Lina zu nähern – oder nähern zu wollen. Ihre abwehrende Haltung war mehr als deutlich.
Auch als Eric den Raum betrat, herrschte zunächst eine – unverhoffte – Stille. Der Deutschunterricht begann. Lina folgte ihm nur halbherzig. Zu sehr waren ihr die wunden, schmerzenden Stellen an ihrem Körper bewusst. Die Sportbefreiung, die tief in ihrer Tasche steckte, würde sie diese Woche vor den Gemeinschaftsumkleidekabinen retten. Vor fragenden Blicken. Natürlich hatte sie diese selber geschrieben, die Unterschrift gefälscht.
Irgendwann merkte sie, wie sie angestarrt wurde. Sie hob ihren Blick und schaute in braune, besorgt blickende Augen.
„Lina, hast Du gehört? Gruppenarbeit.“
Sie brauchte einen Moment, um Erics Worte zu verarbeiten, Gleichzeitig merkte sie, wie um sie herum ein allgemeines Durcheinander ausbrach. Sie schaute ihn fragend an.
„Wir sollen uns zu zweit zusammen setzen und diese Aufgaben bearbeiten“, er wedelte mit einem Zettel. „Wir zwei sind übrig, also…“
Lina bezweifelte, dass sich niemand freiwillig gemeldet hatte, um mit ihm zusammen zu arbeiten. Vielmehr schien er sich aufzuopfern, damit sie einen Partner hatte. Doch anstatt sich darüber zu ärgern, fügte sie sich ihrem Schicksal. Sie nickte flüchtig.
Eric schaute sie mit zusammen gekniffenen Augen an. Es gefiel ihm nicht, wie passiv sie wirkte. Ihre Augen. Die Art und Weise, wie ihre Schulten zusammengesackt waren. „Komm, lass uns ein ruhiges Plätzchen suchen. Sollen wir rausgehen?“
„Von mir aus.“, erwiderte Lina leise.
Sie packten ihre Sachen und gingen stumm hinaus auf den Schulhof. Der L-förmige Platz bestand am kürzeren Ende aus einer Wiese, über die wahllos verteilt einige Bänke standen. Eric steuerte eine von ihnen an, die sich im Schatten einer alten Kastanie befand. Als sie saßen, fixierte er sie mit ernsten Augen.
Das Schweigen hielt an.
„Lina“, begann er nach einer Weile. Er spielte mit dem zusammengerollten Aufgabenblatt und wartete darauf, dass sie ihren Blick hob. Die Luft war voller Anspannung, lastete bleischwer auf ihren Schultern. Als sie nicht reagierte, redete er weiter. „Dir geht es nicht gut, das merkt man.“
„Ach ja?“ Kurz flackerte ihr Blick zu ihm hinüber.
„Du bist ganz blass.“
Die spöttische Antwort, die Lina normalerweise nun gegeben hätte, blieb in ihrem Hals stecken. Zu anstrengend. Das Gespräch holperte, kam zum Erliegen. Eric rollte das Blatt noch enger zusammen.
„Wie war dein Wochenende?“
Ein weniger aufmerksames Auge hätte es übersehen, doch da Eric sie so genau beobachtete, sah er, wie sie leicht zusammen zuckte. Aha!
„Es gab schon bessere.“ Lina beobachtete, wie ein Vogel über den Rasen hüpfte und nach zurück gelassenen Brotkrumen suchte. Ein weiteres, noch tieferes Seufzen entfuhr ihr.
Eric spürte ihre tiefe Traurigkeit – und noch mehr, doch was war es? – und konnte dem Drang, nach ihrer Hand zu greifen, nur schwer widerstehen. Es fiel ihm schwer, das katzige Mädchen vom Freitagabend, das lächelnd nach Hause gefahren war, mit dieser betrübten, schmalen Gestalt in Verbindung zu bringen. Und was er noch viel weniger verstand: warum merkte sonst niemand, dass sie so unglücklich war, warum interessierte es scheinbar keinen?
Sie, alles um sie herum war ihm ein Rätsel.
„Müssen wir nicht so langsam mal die Aufgaben machen?“, fragte sie und blickte mutlos auf die immer kleiner werdende Rolle Papier in seiner Hand.
Diese vielen Widersprüche…
„Scheiß auf die Aufgaben!“ In einem plötzlichen Anfall von Frustration warf er den Zettel auf den Boden und sprang auf. Was zum Teufel machte sie mit ihm? Was interessierte es ihn überhaupt, was mit ihr los war? Wie ein dummer Teenager lief er hinter ihr her, wie ein läufiger Rüde, der nicht verstand, dass die Hündin seiner Wahl ihn nicht bereitwillig empfing!
Die kühle Blonde hatte ihn am Haken. Ungewollt.
Er blickte in ihre Augen. Ihre Pupillen hatten sich ob des plötzlichen Ausbruches vor Schreck geweitet.
„Lina…“ Er sammelte sich, bohrte seine Hände tief in seine Hosentaschen. „Es passt mir ebenso wenig wie dir, das ist mir klar, aber irgendwie habe ich den Drang…“ Er rang um Worte, ein Gefühl, das er kaum kannte. „Scheinbar will ich irgendwie mit dir befreundet sein. Und ich merke, dass es dir nicht gut geht. Auch wenn es mir unbegreiflich ist, frage ich mich, wieso. Ich frage mich verdammt nochmal, wieso!“
Immer noch blickte sie ihn einfach an, aus diesen großen, stumpfen Augen. Er hatte das Gefühl, als wollten sie ihm irgendetwas sagen.
Als sie ihm jedoch antwortete, merkte er, dass sich etwas darin verhärtete. „Nun, dann frag dich das halt. Aber erwarte keine Antwort.“
Auch wenn das eine deutliche Zurückweisung war, spürte Eric eine Welle der Erleichterung. Endlich reagierte sie wieder so, wie er es erwartete: abweisend. Da wallte wieder etwas Energie auf, die am heutigen Tage bisher gefehlt hatte.
Es klang verrückt, aber ihre abweisende Art war ihm tausendmal lieber, als das Stille, Niedergeschlagene. „Ja, so gefällst Du mir schon besser.“
Es war dieser Satz, der sie plötzlich wieder mit Energie erfüllte. Zorn wogte durch ihren Körper, roter, heißer Zorn. „Ich gefalle dir so besser? Hah! Wen interessiert es schon, was du denkst?“ Nun sprang sie ebenfalls auf, um ihm gegenüber zu stehen, mehr auf Augenhöhe zu sein. Zwar war er immer noch mehr als einen Kopf größer, doch es war allemal besser, als wie ein Häufchen Elend vor ihm zu sitzen. Zum Teufel mit diesem Kerl, der meinte, in ihr Leben zu platzen und Interesse zeigen zu müssen! Der seine Nase besser schleunigst raushalten sollte, wenn er sie behalten wollte!
Mit zornblitzenden Augen musterte sie ihn.
Wieder herrschte Schweigen, doch diesmal knisterte pulsierende Energie in der Luft. Wut.
Der Aufgabenzettel lag vergessen zwischen ihnen auf dem Boden.
Eric holte tief Luft, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Es gab nichts zu sagen. Während Lina sich von ihm abwandte und mit schnellen Schritten davoneilte, griff er sich die Aufgaben und begann, einige Stichworte aufzuschreiben, damit sie hinterher nicht als einzige Gruppe mit leeren Händen da standen.

Als sie im Kursraum wieder nebeneinander saßen, weckte Linas Pflichtbewusstsein ein schlechtes Gewissen in ihr. Wenn auch nur ein leichtes.
Eric hatte die Aufgaben gelöst. Er präsentierte sie, diskutierte mit dem Rest des Kurses, übernahm die ganze Arbeit.
Und er beachtete sie nicht weiter.
Es muss so sein, schoss es ihr durch den Kopf, er muss sein Interesse schnellstmöglichst wieder verlieren.
Trotzdem fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut, während sie sich zurücklehnte und versuchte zu verarbeiten, was gerade zwischen ihnen geschehen war.

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