Home, sweet home, 05.12.2013

Hallo meine Lieben,

ich sitze hier im Kerzenschein des Adventskranzes und schaue hinaus in unseren Garten. Ich würde ihn als quadratisch, praktisch, gut bezeichnen, schön klein und fein. Beherrscht wird er von einem großen Apfelbaum, der im Sommer für viel Schatten – und Wespen sorgt. Letzteres ist nicht so schön, vor allem wenn wir auf dem Balkon sitzen und etwas trinken oder essen.
Im Herbst bringt er uns viele Äpfel, die man, wie ich es gleich machen werde, zum Beispiel zu leckerem Kuchen verarbeiten kann.
Morgen kommen meine Eltern zu Besuch, wenn uns der Orkan Xaver keinen Strich durch die Rechnung macht – und deshalb schaue ich gerade auch mit Stirnrunzeln nach draußen und beobachte, wie sich die Zweige im Wind biegen. So schlimm sieht es eigenlich nicht aus, aber ich war vorhin schon draußen
(sehr schlau von mir: Die Wetterwarnung galt ab 14 Uhr, und wem fiel es um 13 Uhr ein, noch schnell einkaufen zu müssen??)
und ich weiß, dass es schon sehr zugig ist.
Naja, so schlimm wie an der Küste wird es bei uns sicherlich nicht sein.
Ich schicke meine Gedanken an alle dort draußen, die von dem Orkan betroffen sind und hoffe, dass ihr keine großartigen Schäden erleiden müsst! Liebe Beate, hoffentlich ist es bei euch nicht allzu schlimm.
Ich hoffe, ihr könnt euch alle irgendwie Zuhause einkuscheln. Macht euch Kerzen an und genießt die sicherere Wärme in den vier Wänden.
Als netten Zeitvertreib gibt es passenderweise heute meine Fortsetzung. Viel Spaß damit!

Ich wünsche euch einen schönen Tag und dass ihr Xaver übersteht!

Eure Emma

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Als Lina neben ihm im Auto saß, atmete Eric das erste Mal durch. Während im Radio eine körperlose Stimme gute Laune für die bevorstehende Jahresendfeier zu verbreiten versuchte, wrang sie ihre Hände und starrte aus dem Fenster.
Sie war lange im Bad geblieben – so lange, dass er schon befürchtet hatte, dass sie durch irgendein Fenster geflüchtet war.
Kurz bevor er nach ihr hatte schauen wollen war sie jedoch wieder gekommen und hatte, ihren Waschbeutel in der Hand und mit leicht verquollenen Augen
(es war ihm nicht entgangen!)
ein kleines Schächtelchen aus dem Schrank gewühlt, das sich als sein Geschenk, die Kette, entpuppt hatte. Irgendwie hatte ihn diese Geste berührt.
Nur, weil er es nicht mehr länger ausgehalten hatte, saß sie noch immer in ihrer schwarzen Trauertracht da.
Sie wird sich Zuhause umziehen können. Aber erst, wenn sie sich genügend in der Wanne erholt hat. Am besten mache ich ihr in der Zeit etwas zu essen. Sie sieht aus, als hätte sie schon länger nichts mehr in den Magen bekommen.
Er warf ihr einen kurzen, besorgten Blick zu, doch noch immer schaute sie aus dem Seitenfenster.
Lina war derweil unsicher. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, nun doch neben ihm im Auto zu sitzen. Es war unglaublich, dass er sie einfach so dazu hatte bewegen können, mitzukommen. Als wenn sie keine eigene Meinung hatte. Und selbst wenn, diese schien so oder so nicht zu zählen, wenn Eric sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
Das schlimmste an Eric? Seine Entschlossenheit. Seine direkte Art. Und es ist wirklich schlimm, wie er mich nur anschauen muss und sofort erkennt, wie es mir geht. Naja, zumindest, ob es mir gut geht oder nicht…
Nun fiel Lina in ernsthafte Grübeleien. Wann hatte sie sich das letzte Mal überhaupt wirklich gut gefühlt? Während die Gegend um sie herum sich veränderte, die hohen Plattenbauten erst den hübschen Reihenhäusern und Doppelhaushälften, und schließlich größeren Einfamilienhäusern wichen, deren Grundstücke den Umfang einer Briefmarke deutlich überschritten, merkte sie, dass sie sich zuletzt vor allem dann so etwas wie gut gefühlt hatte, wenn Eric in der Nähe gewesen war… kurz wanderten ihre Gedanken an jenen Abend nach der Party zurück, als er sie auf einen Döner eingeladen hatte. Ihre Augen begannen zu brennen.
Das gleichmäßige Motorengeräusch untermalte ihre Gedankengänge. Sie merkte, wie sie wieder einmal traurig wurde. So schön es mittlerweile doch geworden war, Eric zu kennen: es hatte einfach zu viele negative Konsequenzen. Irgendwann heute Abend, irgendwie würde sie ihm verständlich machen müssen, dass sie den Kontakt abbrechen wollte.
(Wollte? Wollte? Musste wohl eher!)
Unwillkürlich tastete sie nach der Kette.
„Hey, du Denker! Wir sind da!“, riss Eric sie plötzlich betont fröhlich aus ihren Grübeleien. Lina zuckte zusammen, ihr wurde ganz flau im Magen. „Oh.“
Das Auto parkte vor einem großen, zweistöckigen, weiß getünchten Haus, das etwa fünfzehn Meter von der Straße zurückversetzt lag. Ein vollkommen verglaster Wintergarten lag zur rechten, ein mit zwei Autos gefüllter Carport zur linken Seite. Das Haus strahlte nicht nur Eleganz, sondern auch einen gehobenen Lebensstandard aus. Nichts im Vergleich zu der Wohnung, aus der sie gerade kam.
„Oh.“ Sie fühlte sich schon jetzt fehl am Platze.
„Was ist, möchtest du lieber im Auto sitzen bleiben?“, scherzte er, doch das Lachen erreichte nicht seine Augen, die sie braun und ernst betrachteten. Er spielte mit dem Autoschlüssel.
„Klingt verlockend.“, erwiderte sie schwach.
„Haha.“ Eric griff nach ihrer Hand und drückte sie ermutigend. „Na komm, es wird dich schon keiner beißen.“
„Hmpf“ Lina entzog sie ihm wieder, öffnete nun aber mehr oder minder entschlossen die Tür. Sie hatte ja doch keine Wahl, oder?
Mit wild klopfendem Herz folgte sie dem Pfad aus Pflastersteinen, der, von Blumenbeeten gesäumt, zur Haustür führte. Eine dicke Schicht Schnee überzog die Rasenfläche und die Beete wie Puderzucker. Kleine Spuren deuteten auf Vögel hin.
In ihr Wohngebiet verirrten sich nicht sonderlich viele wilde Tiere.
Als Eric die Haustür aufschloss, verkrampften sich ihre Finger um den Träger ihres Rucksacks. Sie wusste nicht, was sie nun erwartete. Viel zu viele Fremde waren dort, in diesem Haus. Kleine Schneeflocken rieselten vom Himmel und schmolzen in ihren Haaren. Eine besonders vorwitzige fiel mitten auf ihre Nase und hinterließ einen kühlen, nassen Fleck.
Als Eric die Tür aufstieß, lächelte er ihr ermutigend zu. Zögernd machte sie einen Schritt nach vorn und trat schließlich in eine große Diele. Wärme, die von einem prasselnden Feuer in einem Holzofen kam, umhüllte sie. Sofort färbten ihre kalten Wangen sich rot. Im hinteren Teil des Raums führte eine Treppe in das Obergeschoss. Dort, in dem Stauraum unter den Stufen, befand sich auch die Garderobe. Linas Schuhe quietschten auf dem Dielenboden, als sie von einem Fuß auf den anderen trat.
Es wirkte gemütlich.
Freudig merkte Eric den Hauch von Röte in ihrem Gesicht. Endlich sah sie wieder lebendiger aus. „Darf ich dir deinen Mantel abnehmen?“, fragte er sie höflich und griff schon nach ihrer Jacke.
Sie nickte nur mit großen Augen.
„Und, möchtest du jetzt erst einmal deinen Rucksack wegbringen?“
Wieder nur ein Nicken.
„Dann komm mit. Ich würde dir ja das Gästezimmer anbieten, doch da haben sich Sally und Sascha vorerst eingenistet. Gehen wir also in meins.“
Noch immer kaum in der Lage, etwas zu erwidern, folgte sie ihm die Treppe hinauf. Sie versuchte, all diese Eindrücke irgendwie zu verarbeiten, ohne dabei den Mund offenstehen zu lassen wie ein kleines, staunendes Kind. Alles war so groß, so anders. Und es passte perfekt zu Eric.
Die Treppe führte in einen weiteren offenen Raum, der von einer riesigen Sitzlandschaft beherrscht wurde. Cremefarbene Sofas und Sessel arrangierten sich um einen Plasmafernseher. Auf dem Glastisch in der Mitte standen allerlei Knabbereien, ein erster Hinweis auf die Party am Abend.
Ohne großartig zu zögern steuerte Eric eine Tür an. Als sie durch diese hindurch traten, kamen sie in einen kleineren Flur, von dem aus man durch drei weitere Türen gehen konnte.
„Das hier ist sozusagen mein Reich. Ich habe hier mein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und ein eigenes Bad. Auf der anderen Seite des Wohnraums liegt der Flur meiner Eltern und die Tür gegenüber der Treppe führt zum Gästezimmer.“
„Hui.“, war alles, was Lina dazu sagen konnte. „Wie lange hast du gebraucht, bis du dich nicht mehr verlaufen hast?“
Er lachte und legte ihr leicht seine Hand auf den Rücken. „Du wirst dich schon daran gewöhnen.“
Schließlich stieß er eine Tür auf und Lina erblickte sein Zimmer. Leicht verlegen trat er zur Seite. „Also, mein Heiligstes.“
Wieder war sie überrascht. Sie war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber das sicherlich nicht.
In etwa zwei Metern Entfernung stand ein großer Schrank mitten im Raum und fungierte als Raumteiler, hinter dem sie das Bett vermutete. Rechts neben der Tür war eine bequeme Sitzecke, die von einem riesigen Regal voller Bücher sowie einem Fernseher, der an eine Spielkonsole angeschlossen war, beherrscht wurde. Das große, von blauen Vorhängen gesäumte Fenster führte scheinbar zum Garten und bot so einen Ausblick auf das Schneegestöber, der nicht durch direkt nebenan stehende Häuser gestört wurde.
Das Zimmer wurde vor allem von hellen, freundlichen Tönen und Holz beherrscht.
„Wow. So sieht also ein Jungenzimmer aus.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Naja, ich habe auch extra aufgeräumt. Es hat stundenlang gedauert.“, erwiderte er grinsend. „Ich mache eben die Heizung im Badezimmer an.“ Und schon war er verschwunden.
Langsam trat sie weiter in das Zimmer. Ihren Rucksack schmiss sie achtlos auf das Sofa neben sich.
Hinter dem Schrank stand tatsächlich ein Bett. Und was für eins! Vermutlich bietet es Platz für eine halbe Fußballmannschaft, stellte Lina sarkastisch fest. Doch die dunkelblaue Frotteebettwäsche sah herrlich kuschelig aus.
Der Teppich war weich und dick. Sie konnte nur schwer der Versuchung widerstehen, ihre Strümpfe auszuziehen um barfuß darin zu versinken.
Hinter ihr hörte sie ein Räuspern und erschrak. Sie hatte gar nicht gehört, dass Eric wieder gekommen war.
„Also. Ehm. Mach es dir ruhig irgendwie gemütlich. Das Bad sollte bald warm sein. Ich habe dir ein Handtuch bereitgelegt.“
„Hmmm.“ Verlegen spielte sie an ihrem schwarzen Schlabberpulli herum. „Danke.“
„Kein Problem.“ Das Lachen, mit dem er sie anstrahlte, wärmte sie bis ins Innerste.
„Möchtest du vielleicht irgendetwas essen?“
Lina schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Hunger.“ Die Antwort kam so schnell, dass Eric sich sicher war, dass sie nicht der Wahrheit entsprach. „Außerdem will ich dir nicht noch mehr Umstände bereiten.“
„Lina.“ Er seufzte auf. „Du bereitest mir mit Sicherheit keine Umstände. Sag so etwas nicht.“ Die Ernsthaftigkeit, die in seiner Stimme mitschwang, ließ sie erschaudern.
Plötzlich trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Ich bin froh, dass du hier bist.“, murmelte er in ihr Haar. Unbeholfen hob Lina ihre Arme, die sonst nur reglos an ihren Seiten herunter hingen, und legte sie um seine Hüfte. „Ja“, erwiderte sie, und meinte es plötzlich auch ernst. Es war leichter, den Gedanken an die Konsequenzen fort zu schieben, wenn sie nicht Zuhause war, leichter, nicht daran zu denken, was sie eigentlich diesen Abend erledigen musste. Sie fühlte sich schon ein kleines bisschen besser.
„Es geht heute Abend so um halb neun los. Du hast also noch einige Stunden Zeit.“, erklärte er ihr. Noch immer ließ er sie nicht los.
Eine ganze Weile standen sie so da, mitten im Zimmer, und genossen einfach die Nähe des anderen. Nichts anderes spielte eine Rolle.
Es war genau dieser Moment, in dem Eric mit Sicherheit wusste, dass er es heute versuchen würde. Er würde versuchen, sie zu küssen. So nahe, wie er sich ihr fühlte, die tiefen Empfindungen
(von Herzklopfen über Sorge bis hin zu seinem Beschützerinstinkt und dem Bedürfnis, sich um sie zu kümmern)
die sie bei ihm auslöste – er wäre verrückt, wenn er sich dem nicht hingeben würde. Er musste es einfach versuchen. Wer weiß… vielleicht würde sie den Kuss ja sogar erwidern… alleine der Gedanke ließ seine Nervenenden vibrieren. All die Möglichkeiten…
Nein, rief er sich zur Vernunft. Jetzt, wusste er mit Bestimmtheit, brauchte sie erst einmal Ruhe, Entspannung. Nachdem er ihr kaum eine Wahl gelassen hatte, als er sie zu sich nach Hause geschleppt hatte, wollte er ihr jetzt erst einmal die Möglichkeit geben, Zeit für sich zu haben. Dennoch hätte er sein Glück am liebsten sofort versucht.
Mit einem leisen Seufzen löste er sich vorsichtig aus der Umarmung, griff aber nach ihrer rechten Hand. „Komm, wir schauen mal, ob es im Bad schon warm genug ist.“
Im Vorbeigehen griff er nach ihrem Rucksack – sie würde ihre Sachen brauchen – und ging mit ihr in den anderen Raum. Dort angekommen, war Lina ein weiteres Mal erstaunt. All die Fliesen, die Toilette, das Waschbecken, die Badewanne und die Dusche
(alles, nur für ihn!)
strahlten blitzeblank im schimmernden Licht der Deckenlampe. Die Jalousien hatte er heruntergelassen.
„Ich sag ja, stundenlang.“, brummelte Eric, dem ihre Überraschung natürlich nicht entgangen war. Sie grinste ihn schuldbewusst an.
Das Bad war tatsächlich kuschelig warm.
„Also… ich denke mal du kommst jetzt alleine zurecht. Ich habe dir da vorne Badeschaum hingestellt. Tja… dann mach es dir mal gemütlich. Und, ach ja, ertrink nicht.“ Mit diesen Worten schlurfte er, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, davon.

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