Leckerbissen, 03.10.2013

Hallo, liebe Leser.

Ich wünsche euch einen herrlichen, sonnigen Feiertag! Hoffentlich habt ihr heute frei, vielleicht ja sogar ein verlängertes Wochenende, und könnt euch eine verdiente Auszeit vom Alltag nehmen!
Zur Feier dieses schönen Tages gibt es schon heute die Fortsetzung der Geschichte um Lina. Irgendwie mag ich den Donnerstag, daher werde ich zukünftig auch bei diesem Tag bleiben.

Beim Lesen und Vorbereiten des Auschnittes für den Blog habe ich Appetit auf Döner bekommen. Warum werdet ihr ja gleich noch lesen. Döner wird es heute zwar nicht für mich geben, sondern ein leckeres anderes Menü, das mein Freund heute Abend für mich kochen wird – ja, ich weiß, ich habe es richtig gut mit ihm! – aber tatsächlich werde ich schauen, dass ich gleich etwas raus komme an die frische Luft. Bis zum Balkon werde ich es allemal schaffen, denn der ist so schön in herbstliche Sonne getaucht!
Gestern habe ich übrigens das erste Mal offen vor einer größeren Gruppe über mich und meine Ambition zum Schreiben sprechen „müssen“. Eine Gruppe, die nicht aus engen Freunden oder meiner Familie bestand. Das Gefühl, das mich dabei erfüllt hat, ist nur schwer zu beschreiben. Ziemlich aufregend in jedem Fall. Ich war hinterher feuerrot! Aber gut, wer mich kennt, der weiß, dass das nicht untypisch für mich ist.

Rot werde ich jedenfalls auch gleich draußen auf dem Balkon, wenn auch aus anderen Gründen. Die Sonne ruft mich schon, ich muss raus in die Wärme. Habt noch einen wunderschönen Tag, hoffentlich kann ich euch durch meine Fortsetzung den Tag noch zusätzlich verschönern!

Lasst es euch gut gehen,

eure Emma!

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„Also, wo gehen wir hin?“, fragte Eric und schaute sie mit seinen großen, braunen Augen an.
„Wir?“, war alles, was Lina erwidern konnte, während sie ihre Arme fest um ihren schmalen Leib schlang.
„Wir haben zusammen die Party verlassen, also gehe ich von einem ‚wir’ aus. Und ehrlich gesagt habe ich keine große Lust, einfach nur auf der kalten Straße zu stehen.“ Er verspürte den Drang, seinen Arm um ihre Schulter zu legen. Einzig ihre bisherigen abwehrenden Reaktionen, deren letzte ihm noch deutlich in Erinnerung war, hielten ihn davon ab.
Seufzend wandte er sich ihr zu. „Lina. Ich habe weder die Absicht, dir etwas Böses zu tun, noch, dich zu einer Art Date zu entführen. Ich habe gemerkt, dass du dich auf der Party nicht wohl gefühlt hast und wollte dir eine Flucht ermöglichen. Und wenn du nun einfach nach Hause möchtest, werde ich dich auf dem Weg begleiten.“ Er schaute ihr tief in die Augen. „Ich möchte nämlich nicht, dass du an einem Samstagabend im Dunkeln alleine nach Hause gehst, okay?“
Vielleicht war es die Tatsache, dass ihr der Heimweg alleine tatsächlich nicht geheuer war, vielleicht lag es auch an der Ernsthaftigkeit, die in seiner Stimme mitschwang – sie nickte jedenfalls und spürte sogar ein wenig Dankbarkeit.
„Okay, aber du musst dich zuerst in Bewegung setzen. Ich habe nämlich keine Ahnung, wo du wohnst.“ Die Erleichterung in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Als sie losgingen, herrschte zunächst Schweigen. Es war kalt, und die dünne Schicht Schnee, die in den vergangenen Tagen gefallen und nun mit Raureif überzogen war, knirschte unter ihren Schuhen. Kleine Atemwölkchen verpufften in der Nachtluft.
„Die Partyfee und der Meistersäufer.“, brummelte Eric leise vor sich hin. Als Lina ein Geräusch von sich gab, das unter anderen Umständen tatsächlich als ein Lachen zu verstehen gewesen wäre, zog er seine Augenbrauen verblüfft hoch. „Was gibt es da zu lachen? Ich mag es nicht, wenn man meinen Titel verschmäht!“
„U-hu.“, gab Lina unbestimmt von sich und starrte auf ihre Füße. Sie fror erbärmlich und stellte einmal mehr fest, dass es mehrere Gründe gab, auf die ebenso funktionslose wie schicke Feierkleidung zu verzichten.
Sie hatten einen langen Fußmarsch vor sich, der dennoch nicht weit genug war. Als sie sich der Innenstadt näherten und mehr als nur die sporadischen Straßenlaternen und die seltenen Lichter in vereinzelten Fenstern die Umgebung erhellten, stellte Eric fest, dass er gerne noch ein wenig mehr Zeit mir Lina verbringen würde.
Obwohl es gefährlich war – so viel hatte er mittlerweile schon gelernt – faszinierte das undurchschaubare Mädchen ihn. Rätsel gehörten gelöst, und er wollte unbedingt das Rätsel Lina knacken.
Als sie an einem Dönerladen vorbei kamen, blieb er stehen.
„Ich habe gerade Riesenappetit. Können wir kurz anhalten?“
Lina schaute ihn flüchtig an, nickte aber. Als sie draußen bleiben wollte, hielt er ihr die Tür mit eindeutiger Absicht auf. „Ich esse nicht gerne beim Gehen. Da saue ich mich regelmäßig ein.“
Als sie den warmen Laden betraten, lief Eric das Wasser im Mund zusammen und auch Lina merkte, wie ihre Nase wohlig die Luft einsog.
„Möchtest Du auch etwas?“, fragte er. Als er sah, wie sie mit sich rang, bestellte und bezahlte er kurzerhand doppelt. Dann steuerte er einen Tisch im hinteren Bereich des Ladens an.
Lina betrachtete ihn stirnrunzelnd.
„Was denn?“, frage er betont lässig.
„Was, wenn ich gar nicht mag, was du mir bestellt hast?“
„Dann esse ich eben beides.“, erwiderte er schulterzuckend.
„Du hast weder auf meine Antwort, noch auf mein Geld gewartet!“
„Klingt, als hätte ich dich soeben eingeladen.“ Da sie immer noch anklagend vor dem Tisch stand, zeigte er auf den ihm gegenüber stehenden Stuhl. „Bitte, setz dich doch.“
Tatsächlich glitt sie auf den ihr angebotenen Platz. Das Stirnrunzeln blieb jedoch.
„Was ist denn noch?“, fragte er verwundert.
„Ich frage mich einfach, was ich hier mache. Warum ich von der Party gegangen bin, ohne Marina und den anderen Bescheid zu sagen, nur um von jemandem, mit dem ich gar keine Zeit verbringen möchte, zu einem Döner eingeladen zu werden, den ich mir nicht einmal aussuchen konnte. Aber ansonsten ist eigentlich alles bestens.“
Eric riss seine Augen weit auf. „Jetzt bin ich tief getroffen. Wir können ja einfach so tun, als wäre ich jemand anderes. Dann ist die Situation nicht ganz so schwerwiegend für dich.“
Schon wieder kämpfte sich ein leises Lachen aus ihrer Kehle, das sie nur schwer unterdrücken konnte.
„Versuch zwecklos, ich habe das Lachen erkannt.“, kommentierte Eric dies trocken. Es freute ihn, dass Lina offensichtlich ein wenig auftaute. Anders konnte er ihr Verhalten nicht bezeichnen.
Ihr Essen kam, und Lina konnte ihren Appetit nur noch schwer zügeln. Eine beleidigte Stimme flüsterte ihr zu, dass sie das Essen aus Trotz stehen lassen sollte, doch der Appetit war größer. Widerwillig nahm sie einen großen Bissen und schloss kurz genussvoll die Augen.
Eric beobachtete sie aus seinen Augenwinkeln. Es war ein schöner Anblick, sie essen zu sehen. Ihre schmale, zerbrechliche Figur hinterließ automatisch den Eindruck, dass sie dies nicht allzu oft tat.
„Also“, mümmelte sie zwischen Kalbsfleisch und Tzaziki, „Seit wann gehörst du zu der Gentlemen-Fraktion, die, ohne mögliche Gegenwehr zu beachten, junge Frauen heile nach Hause bringt und ihnen sogar Wegzehrung finanziert?“
„Freu dich nicht zu früh, noch bist du nicht heile angekommen.“, erwiderte Eric gespielt düster.
Bei diesen Worten hätte sie Angst bekommen müssen. Oh ja, Entsetzen hätte in ihre Glieder fahren sollen. Doch sie grinste nur. „Ich glaube nicht, dass du einer Fliege etwas zuleide tun könntest.“
„Das fasse ich jetzt als Beleidigung meiner Männlichkeit auf.“
Diesmal lachte Lina tatsächlich laut auf. Der Anblick seines gespielt entrüsteten Gesichts, das er nur schwer wahren konnte, war einfach zu witzig. Außerdem klebte ihm ein kleines Stückchen Fleisch am Mundwinkel.
Es war so leicht. Lina konnte es kaum fassen. Sie saß hier mit Eric
(mit Eric!)
nach einer Party, fröhnte dem Fressanfall, der so häufig nach ausgiebigem Trinken kam, lachte über seine Witze und fühlte sich wohl.
So wie hunderte andere Jugendliche auch.
Wie jeder normale Mensch.
Plötzlich schossen ihr heiße Tränen in die Augen. Schnell wandte sie sich ab, doch nicht schnell genug. Sie sah das Entsetzen in Erics Augen, noch bevor er den Mund aufmachte.
„Nicht, bitte.“, bat sie ihn und atmete tief durch. Ihre Augen schwammen. „Ich habe auf eine Zwiebel gebissen“, scherzte sie mit zittriger Stimme, wusste aber ebenso wie Eric, dass dies eine lahme Lüge war.
Stumm reichte er ihr seine Serviette, als sich die ersten Tränen lösten.
Verloren starrte sie auf den Rest ihres Döners, während sie verzweifelt versuchte, ihre Fassung wieder zu erlangen.
„Lina.“ Seine sanfte Stimme ließ sie überrascht aufblicken. „Ich weiß nicht wieso du nun weinst und du musst es mir auch nicht sagen, wenn du das nicht willst, aber du musst dich bestimmt nicht dafür schämen.“
Seine Hand schob sich über den Tisch und legte sich über die ihren, die zu einem festen Knäuel verknotet auf dem Tisch lagen. Sie waren eiskalt.
Auch wenn Lina kurz erstarrte, zog sie ihre Hände nicht zurück. So absurd es auch gewesen wäre – am liebsten hätte Eric deshalb laut gejubelt.
Als wenig später ihre stummen Tränen versiegten, schaute er sie fragend an. „Möchtest du noch ein wenig bleiben, oder sollen wir gehen?“
Nach kurzem Zögern entschied sie sich dafür zu gehen.
Kaum waren sie draußen auf der kalten Straße, zog Lina ihre Schultern hoch und kuschelte sich tief in ihren Mantel. Durch den Aufenthalt im warmen Laden fror sie nun noch mehr.
Eric legte vorsichtig seinen Arm um ihre Schultern und zog sie nah an sich heran. Lina wehrte sich nicht dagegen
(Was ist nur los? Es sollte mich stören, aber eigentlich ist es nur angenehm…)
wie er voller Freude feststellte.
Langsam gingen sie weiter, jeder in eigenen Gedanken vertieft.
Lina war ehrlich verwirrt. Noch einen Tag, noch wenige Stunden zuvor hätte sie nicht im Traum gedacht, so nah an Eric gedrückt alleine durch die Straßen gehen zu können. Es liegt nur am Alkohol. Nur daran, dass er so nett zu mir war. Er hat mich einfach auf falschem Fuße erwischt. Morgen sieht wieder alles ganz anders aus!, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, denn dass sie sich nun so ganz entgegen ihrer sonstigen Art verhielt, machte ihr fast schon ein bisschen Angst. Irgendwie, irgendwann in der letzten gemeinsamen Stunde hatte er tatsächlich geschafft, ihre Mauer ein wenig einzureißen. Es beunruhigte sie zutiefst, dass dies möglich gewesen war.
Eric war ebenfalls verwundert. Er fragte sich, wie sich das Blatt so plötzlich hatte wenden können, wie die kleine, kratzbürstige, merkwürdige, stille Lina nun seine Nähe ertragen konnte ohne dabei zu fauchen oder Funken zu versprühen.
Oder mit blassem Gesicht und leeren Augen auszuweichen.
Er wagte kaum, über die folgenden Tage nachzudenken. Ob sie sich wieder genauso von ihm zurückziehen würde, oder vielleicht sogar noch mehr? Man musste nicht besonders klug sein um zu merken, dass der heutige Abend eine Ausnahme darstellte.
Der Himmel war sternenklar. Mit einem leisen Seufzen schaute Eric zu den Sternen und versuchte, nicht genauer darüber nachzudenken, was Lina ihm bedeutete. Eigentlich durfte er gar nichts für sie empfinden können – immerhin kannte er sie noch weniger als alle anderen Mitschüler seiner neuen Schule. Sie war ihm immer nur ausgewichen, hatte nur Fragen aufgeworfen.
Und doch…
Als Lina immer langsamer wurde, merkte Eric, wie sich die Umgebung verändert hatte. Fern der Innenstadt, abseits der Wohngegenden voller Einfamilienhäuser, waren sie in einer Straße mit Plattenbauten und Hochhäusern gelandet.
Sie räusperte sich leise. „Da sind wir.“
Eric schaute sich um. Alles wirkte kahl. Die wenigen Bäume, die ihre nackten Äste verzweifelt Richtung Himmel streckten, wirkten armselig und einsam. Die Straßen mit den wenigen Parkplätzen waren überfüllt mit Autos und nur aus wenigen Fenstern schien gemütliches Licht. Lina begann unter seinem Arm zu zappeln. Als er sie anschaute, sah er, wie nervös sie war.
„Es… ist nichts Besonderes. Nicht zu vergleichen mit eurem Haus, wahrscheinlich.“ Sie lachte bitter auf.
„Hey.“ Er hatte den Drang, eine Hand an ihr Gesicht zu heben, wusste jedoch, dass sie dies nicht zulassen würde. Er nahm seinen Arm von ihrer Schulter. „Es ist doch völlig egal, wo du wohnst.“
Das denkst auch nur du, schoss es Lina durch den Kopf. Zunächst hatte sie Angst, es auch laut ausgesprochen zu haben. Doch da Eric nicht darauf reagierte, atmere sie erleichtert aus.
„Also…“ Eric trat von einem Fuß auf den anderen. „Tja. Dann bist du ja sicher nach Hause gekommen.“
„Danke“, erwiderte Lina leise.
„Kein Problem.“
Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, Abschied zu nehmen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Er sah, wie sich wieder die altbekannte Trauer in Linas Blick schlich, und fragte sich, ob es damit zu tun hatte, dass sie nun Zuhause war. Sie hob ihre Augen und er nahm sie in einem tiefen Blick gefangen. Keiner der beiden bewegte sich, keiner blickte weg. Es waren nur wenige Sekunden, doch Eric kamen sie vor wie Jahrhunderte. Er meinte, in ihren Augen lesen zu können, sah das Elend. In diesem einen Moment schien er sie verstehen zu können, war sich sicher, dass sie nicht in die Wohnung gehen wollte. Am liebsten hätte er sie genommen und wieder fortgezogen. Bei dem Gedanken, dass sie nun alleine in das Haus gehen würde, zog sich sein Magen ängstlich zusammen – und er wusste nicht wieso.
Schließlich trat Lina einen kleinen Schritt zurück und brach so den Bann. Ihr Blick verriet ehrliche Verwirrung, als sie ihm mit einem letzten „Gute Nacht“ den Rücken zudrehte und im Dunkeln verschwand.

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