Lesestunde, 11.08.2013

Und schon wieder ist es Sonntag, liebe Leser.

Wie unglaublich schnell plötzlich die Wochen vergehen! Diese neue Sinnerfüllung meiner Zeit beschleunigt die Tage und Wochen um einiges. Das merke ich alleine schon an den täglichen Pendelfahrten, die zwischen meinem Zuhause und meinem Arbeitsplatz liegen – wenn ich diese mit Schreiben verbringe, bin ich jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie schnell ich am Ziel angekommen bin. Apropos – ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich alles so auf den täglichen Zugfahren erlebe. Demnächst muss ich dem unbedingt mal einen Blogeintrag widmen!
Heute werde ich aber erstmal den dritten Teil von „Lina“ hier veröffentlichen. Diesmal ist er wieder etwas kürzer als beim letzten Mal – das Kapitel zwei ist dann abgeschlossen.

Ich hoffe ihr habt alle ein schönes Wochenende! Ich selber habe mir die Auszeit genommen, die ich brauchte. Bewusst habe ich mir nichts konkretes vorgenommen (außer Ausschlafen natürlich). Und das ist mir auch nicht so gelungen, wie ich mir das gewünscht hätte. Der körpereigene Rhythmus passt sich wirklich schnell an.
Meine (Arbeits-)Woche ist stets so dicht und vollgepackt, da ich neben meiner normalen Arbeit – irgendwie muss ich mein Leben ja auch finanzieren – viel Zeit mit dem Schreiben verbringe. Aber ich beschwere mich nicht, immerhin ist das ja genau das, was ich möchte. Und meine Auszeit am Wochenende beinhaltet dennoch, dass ich weiter schreibe. Davon brauche ich keine Pause!

Sobald ich diesen Beitrag veöffentlicht habe, werde ich jedenfalls meine neue Tasche schnappen und sie ein wenig ausführen. Es drängt mich nach frischer Luft und nach einem schönen Spaziergang. Wenn ich so nach draußen schaue, erscheint mir das Hin und Her von Wolken und Sonne zwar etwas wie Aprilwetter, aber das ist nicht schlimm. Es ist trocken, das ist die Hauptsache. Und für ein Eis reicht es allemal, darauf habe ich jetzt nämlich Lust!

Und das ist auch mein heutiger Appell an euch: Tut noch etwas, wonach euch ist, lasst euch von eurer Lust treiben – immerhin ist es Sonntag! Genießt die – hoffentlich – freien Stunden, bevor ihr euch wieder voller Energie in die neue Woche stürzt.
Aber vorher dürft ihr natürlich gerne meine Fortsetzung lesen!

Habt also noch einen wundervollen restlichen Tag!

Eure Emma

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Lina spürte seine Aufmerksamkeit nur zu genau. Sie merkte, wie sein Blick über ihr Gesicht wanderte, jeden Zentimeter ihres Körpers erforschte. Sie wusste nicht, was genau der Grund seines Interesses war – lediglich, dass es ihr äußerst unangenehm war.
Ich wusste, heute wird ein schlimmer Tag, aber habe ich das wirklich verdient?, fragte sie sich wütend und zog ihre Stirn kraus. Von all den vielen Möglichkeiten, einen Tag zu versauen, musste ausgerechnet ein neuer Mitschüler in ihrem Kurs landen, sich auch noch neben sie setzen und sie beobachten, als wäre sie ein Affe im Zoo.
Wie lange dauert es wohl, bis er sich über meine Kleidung wundert? Hat er schon den abschwellenden blauen Fleck am Halsansatz entdeckt? Oder meine verkrampfte Hand?
Schnell nahm Lina ihre Hände vom Tisch, die sich schon längst zu kleinen Fäusten zusammengeballt hatten. Ihre Nägel hatten tiefe Halbmonde in ihre Handflächen gebohrt und ein unangenehmes Kribbeln durchfuhr sie, als sie ihre Finger langsam ausstreckte. Unter dem Tisch legte sie sie auf ihre Beine, die sie eng miteinander verschlungen hatte.
Am liebsten wäre sie sofort aus dem Raum gelaufen und hätte sich in der hintersten Mädchentoilette auf dem Boden zusammen gekauert. Versteckt, vor seinen Blicken. Mit jeder Minute, die verstrich, wuchs ihre Anspannung, bis sie das Gefühl hatte, wie eine zu fest gespannte Gitarrensaite zu vibrieren. Innerlich.
Es war eine Erleichterung, als es zur Pause klingelte. Leise seufzte sie auf und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, den Blick auf ihren Schoß gerichtet, während um sie herum das übliche Stuhlgeschabe von neuem begann. Toilettengänge, Rauchen gehen auf den versteckten Plätzen, Tratschen auf dem Flur. Für gewöhnlich war Lina eine der wenigen, die im Raum sitzen blieben.
„Hey, Staatenjunge. Lust, eine zu rauchen?“, ertönte eine Stimme, die Lina Michael zuordnete. Ein netter Kerl, meistens. Er war einer von denjenigen, der sie bei Gruppenarbeiten dabei haben wollte. Sie spürte tiefe Dankbarkeit ihm gegenüber. So würde sie Erics Blicken entfliehen können.
„Nein, das ist eins der wenigen Laster, von denen ich mich freisprechen kann.“, antwortete dieser jedoch zu ihrer Überraschung. Am liebsten hätte sie vor Frust aufgeheult.
„Sehr löblich. Willst du trotzdem mit rauskommen?“
(Oh ja, bitte, verschwinde!)
„Beim nächsten Mal, gern. Ich muss mich erst einmal in das Buch einlesen.“, antwortete Eric entschuldigend.
Lina musste nicht aufschauen, um Michaels Enttäuschung zu spüren. Er war nämlich auch sehr neugierig. Sie seufzte lautlos auf.
Den Geräuschen nach zu urteilen waren sie alleine im Raum. Wenn auch nur für fünf Minuten, wollte jeder die Zeit nutzen, das Klassenzimmer zu verlassen. Auch der Lehrer.
Plötzlich war sich Lina der Nähe von Eric mehr als bewusst. Sie roch ihn. Roch den Geruch von Mann. Hörte seinen Atem.
Ihr wurde übel.
„Herr Lehmann scheint ja ganz in Ordnung zu sein.“, sagte er plötzlich in normaler Lautstärke, und sie zuckte zusammen.
Sie hob ihren Blick und schaute in braune, fragende Augen.
„Und ich habe das Gefühl, beliebt bei den Schülern ist er auch.“
„Ja, ich denke schon.“, erwiderte Lina leise. Sie wollte ihren Blick fallen lassen, wollte wieder zurück in die gemütliche Unsichtbarkeit, die sie sich hinter ihrer Mauer aufgebaut hatte. Warum war sie sich ihrer plötzlich so bewusst?
Sie schob ihre Hände unter die Oberschenkel, in der Hoffnung, dass er das leichte Zittern nicht bemerkte.
Eric schwieg, ließ ihren Blick aber auch nicht frei. Fast schon forschend starrte er in ihre Augen, als suche er etwas. Nach einer Weile öffnete er den Mund, als wolle er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder. Endlich schaffte Lina es, sich von seinem Blick zu lösen. Sie starrte auf einen kleinen Fleck auf dem Tisch.
Die Stimmung war angespannt. Lina spürte, wie sich Druck auf ihrer Brust ausbreitete – wie ein schweres Metallband, das sich immer enger um sie schloss.
Schließlich holte Eric noch einmal Luft. „Ähm. Nochmals danke, dass Du mich in dein Buch schauen lässt.“
Genau in dem Moment kamen die ersten wieder in das Schulzimmer zurück und ersparten Lina eine Antwort.

Verdammt! Eric hätte sich ohrfeigen können. Und das Beste war: Er wusste nicht einmal, warum. Irgendetwas stimmte mit Lina nicht. Nachdem er einen so tiefen Blick in ihre Augen hatte werfen können, war ihm ganz anders geworden. Sie waren so ausdruckslos – und gleichzeitig so voller Emotionen. Verschlossen, ganz tief in ihr versteckt, glaubte er so etwas wie Unbehagen entdeckt zu haben. Angst.
Er hatte nichts getan, außer ein paar Worte an sie zu richten und sie zu betrachten, und dieser eine Blick gab ihm nun das Gefühl, sie überrumpelt und zerquetscht zu haben.
So klein und verletzlich…
Sie bereitete ihm tiefstes Unbehagen, und das obwohl er sie nicht einmal eine Stunde kannte. All seine Sinne sagten ihm, dass irgendwas mit ihr nicht in Ordnung war.
Ganz grundlegend.

Als die Deutschstunde vorbei war, war Lina die erste, die den Raum verließ. Sie brauchte frische Luft, musste tief durchatmen, und doch spürte sie keine Erleichterung, als sie sich in den unaufhaltsamen Strom von Gesichtern und Taschen mischte. Ungesehen.
Sie steuerte den nächsten Raum an, in dem sie Geschichte haben würde. Dort hatte sie 15 Minuten Zeit, in denen sie sich beruhigen konnte. Der Geschichtsraum lag in einem kleinen Flur am Ende anderen Ende des Gebäudes. Sie würde sich in die Ecke setzen, zusammen gekauert, und versuchen, an gar nichts zu denken. Mit der seltsamen Aufmerksamkeit von Eric würde sie sich noch früh genug auseinandersetzen müssen…
Sie verstand es einfach nicht. Verstand nicht, wieso er der erste von über zweihundert Mitschülern sein musste, der sich über die Maße für sie und ihr Verhalten interessierte. Oh ja, sie hatte gemerkt wie er gegrübelt hatte – und dass seine Gedanken sich dabei nicht unbedingt um Lessings Maria Stuart gedreht hatten, lag, gemessen an seiner übermäßigen Neugierde, nahezu auf der Hand.
Lina hasste es, wenn Menschen sich Gedanken um sie machten, denn so fielen früher oder später die kleinen Ungereimtheiten, die Signale auf, die Hinweise darauf gaben, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Und wem das erst einmal auffiele, der würde anfangen, persönliche Fragen zu stellen, und das wäre furchtbar…
Lina erschauderte bei dem Gedanken. Und rief sich gleichzeitig zur Räson. Wieso gleich vom Schlimmsten ausgehen? Erst einmal abwarten und beobachten. Sie lehnte ihren Kopf an die Wand und schloss erschöpft die Augen.

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