Luftblase, 23.01.2014

Hallo meine Lieben,

Zeit für die wöchentliche Fortsetzung. Bevor ihr euch jedoch eifrig ins Lesen stürzen könnt, möchte ich euch bitten, euch etwas zurück zu lehnen und darüber nachzudenken, ob ihr das Gefühl kennt, euch in einer Luftblase zu befinden. Abgeschirmt von allem außerhalb der Hülle befindet ihr euch in eurem eigenen kleinen Kosmos, mit eigenen Regeln und Gesetzesmäßigkeiten. Plötzlich spielen ganz andere Dinge eine Rolle, und Dinge, die sonst keine Bedeutung spielen können, sind real.
Eure Gedanken hallen laut in der Blase, als würdet ihr sie aussprechen, und ihr seid hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl trügerischer Sicherheit und merkwürdiger Abgeschirmtheit.
Denn die Blase bietet nur wenig Schutz und kann jederzeit platzen.

Kennt ihr das Gefühl? Ich kenne es nur zu gut. Ich befinde mich derzeit zum Beispiel häufiger in einer solchen Phase, da meine Zukunft mir mehrere Wege anbietet und ich nicht sicher bin, welchen Weg ich gehen soll. Eigentlich habe ich mich sehr wohl entschieden, doch dann bewege ich mich auf unbekanntes Terrain, und solche Schritte sind immer die schwierigsten.
Oftmals jedoch auch die Besten.

Na, wie auch immer. Ich rede schon wieder kryptisch daher. Früher oder später werde ich klarer, versprochen! Bis dahin denkt über das Gefühl innerhalb einer Luftblase nach, das durchaus auch sehr schön sein kann!

Viel Spaß beim Lesen der Fortsetzung und noch einen schönen Tag wünsche ich euch!

Eure Emma

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-Zwölf –

Manchmal bedarf es nur klitzekleiner Dinge, die das Leben von Grund auf verändern können. Es gibt das Sprichwort von dem Schmetterling auf der einen Seite des Erdballs, dessen durch einen Flügelschlag erzeugte Schallwellen auf der gegenüber liegenden Seite einen Taifun auslösen können.
Erics Gefühl war dieser Flügelschlag.
Lina lag inmitten des Frotteeberges in Erics Bett, als sie am nächsten Tag gegen ein Uhr aufwachte. Sonnenlicht mogelte sich an den Vorhängen vorbei und tauchte Teile des Zimmers in helle Streifen.
Sie räkelte sich genüsslich, da sie nach dem Vorfall in der Nacht tatsächlich sehr gut geschlafen hatte. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ihr auffiel, dass sie alleine war. Sie erstarrte in ihrer Bewegung.
„Eric?“ Verwundert durchsuchte sie das Zimmer. Keiner da. Tatsächlich spürte sie eine leichte Enttäuschung, während sie die Decke zurückschlug.
Seit wann ist er wach? Und wieso hat er mich nicht geweckt? Barfuß tapste sie ins Badezimmer, wo sie ihr Haargestrüpp zu bändigen versuchte. Als sie merkte, dass sie diesen Kampf verlieren würde, trat sie kurzerhand unter die Dusche und gönnte sich für zehn Minuten die wohlige Massage des dampfend heißen Wasserstrahls. Ihr Herz klopfte laut und schwer in ihrem Brustkorb während sie darüber nachdachte, was sie gerade tat – ungebeten und ohne Erlaubnis unter einer fremden
(nicht fremd, Eric!)
Dusche zu stehen, nackt, und sich einzuschäumen, während sie keine Ahnung hatte, wer oder was sich im Haus befand. Hatte sie auch abgeschlossen?, fragte sie sich zum hundertsten Mal, doch die Antwort war immer die Gleiche: Ja. Immerhin hatte sie dies oft genug kontrolliert, bevor sie wirklich ihre Kleidung ausgezogen und ihre wunden Stellen enthüllt hatte. Der Gedanke, dass sie dort stand, wo sonst Eric sich wusch, ließ einen undefinierbaren Schauer durch ihren Körper rieseln. Eilig flüchtete sie aus dem Bad. Die feuchten Haare zu einem Knoten in ihrem Nacken zusammengebunden, und das bisschen Wechselkleidung, das sie mitgenommen hatte, angezogen, machte sie sich auf die Suche nach den anderen.
Der Wohnraum war schon blitzeblank aufgeräumt. Lina spürte, wie sich ihr schlechtes Gewissen bei dem Gedanken regte, dass sie, während alle anderen fleißig gearbeitet hatten, im tiefsten Schlaf versunken gewesen war.
Sie hätten mich ja wecken können!, schoss es ihr durch den Kopf. Mit gespitzten Ohren nahm sie Stimmen aus dem Erdgeschoss wahr. Ihr Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken, alleine durch das Haus zu tapern, und entgegen dem Bedürfnis, zurück in Erics Zimmer zu flüchten, ging sie die Treppe hinunter. Das Gefühl leichter Zufriedenheit, mit dem sie aufgewacht war, hatte sich bereits verflüchtigt.
Die Stimmen kamen eindeutig aus der Küche. Die Tür war nur leicht angelehnt. Nach einem letzten Räuspern gab Lina sich einen Ruck und stieß sie auf. Sie hatte ja schließlich doch keine Wahl – auch wenn ihr Instinkt sie am liebsten direkt hinaus auf die Straße befördert hätte. Jacke? Wozu sowas, einfach raus hier…
Als erstes sah sie Sascha, Sally und Eric, die mit dampfenden Kaffeebechern vor ihrer Nase am Küchentisch saßen. Dann fiel ihr Blick auf eine hübsche, erwachsene Frau und einem ebenso gut aussehenden Mann, die Arm in Arm am Tresen lehnten.
Da hat Eric also sein Aussehen her, stellte sie schwach fest. Das müssen seine Eltern sein.
Sie hatte den Bruchteil einer Sekunde, sich vorzubereiten, dann wandten sich sämtliche Köpfe in ihre Richtung.
„Guten Morgen, Lina!“, begrüßte Eric sie und erhob sich von seinem Platz. Sie breit anlächelnd, ging er auf sie zu und gab ihr einen leichten Kuss. „Oder eher, guten Mittag!“
Lina errötete bis unter die Haarwurzeln. Ihr Blick huschte sofort hinüber zu den Unbekannten, die sie freundlich anlächelten.
„Du bist also Lina.“, stellte die Frau schließlich fest. Die beiden traten ebenfalls auf sie zu. „Ich bin Eva, und das ist mein Mann Hendrik. Wir sind Erics Eltern.“
Unbeholfen schüttelte Lina die ihr angebotenen Hände, während Eric sie noch immer nah an sich drückte.
Eine absolute Stresssituation.
„Schön, dich endlich kennen zu lernen. Eric hat eine Menge von dir erzählt.“
Linas Wangen brannten. „Tatsächlich?“
Eva lachte herzlich auf. „Du möchtest doch bestimmt etwas frühstücken, nicht wahr?“, fragte sie freundlich.
„Ja.“, antwortete Lina nuschelnd.
Eric drückte aufmunternd ihre Hand und führte sie hinter den Tresen.
„Ich wusste nicht, dass deine Eltern schon da sind.“, zischelte Lina, als sie sich endlich nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit fühlte. Eva und Hendrik hatten sich zu den beiden Amis an den Tisch gesetzt und schienen sich köstlich zu amüsieren.
„Nun ja, sie wohnen auch hier.“
„Warum hast du mich nicht geweckt, als du aufgestanden bist?“
Der vorwurfsvolle Ton amüsierte ihn. „Weil du so schön geschlafen hast, deshalb.“ Er gab ihr einen weiteren, unendlich zärtlichen Kuss. „Zum Frühstück gibt es Reste vom Buffet. Mach dir mal einen Teller fertig, ich kümmere mich um den Kaffee, ja?“
Nickend suchte sie sich ein paar der Köstlichkeiten zusammen, ließ sich dabei aber eine Menge Zeit. Sie hatte es nicht sonderlich eilig, sich zu den anderen zu setzen.
Eric wartete geduldig auf sie, während sie die einzelnen Speisen genau beäugte und mit ihrem Appetit ausdiskutierte, was sie sich nahm. Als nichts mehr auf ihren Teller passte, griff er sofort ihre Hand und zog sie, ihre widerwilligen Schritte missachtend, mit sich.
„Sie beißen dich nicht.“, murmelte er ihr ins Ohr.
„Ha ha.“
Die kleine Gesellschaft war in ein Gespräch vertieft. Offensichtlich verkündete Sascha gerade kleine Anekdoten über seine gemeinsame Zeit mit Eric, und Lina versuchte, dem Erzählten zu folgen. Unendlich dankbar für Saschas Talent, sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, konnte sie in Ruhe essen.
So schlimm war es nicht. Einmal ‚Hallo’, und jetzt sitze ich mit am Tisch, als wäre es das normalste der Welt. Ein wenig erstaunt darüber betrachtete sie Erics Eltern, die sich am Gespräch der Jugendlichen beteiligten, als würden sie dazu gehören. Sie sehen glücklich aus. Wie ein Paar. Wie es sein sollte.
Es fiel Lina schwer, nicht den Vergleich zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zu ziehen. Dort war von dieser Herzlichkeit nicht die geringste Spur. Viel Zeit blieb ihr jedoch nicht, um ihren Gedanken nachzuhängen. Sascha hatte eine hinreißende Art und Weise amüsante Geschichten zu erzählen und schon nach kurzer Zeit hing sie ihm ebenso gebannt an den Lippen wie alle anderen auch.
Erics Hand tastete unter dem Tisch nach der ihren, und als sie nach ihm griff, fühlte sie sich ebenso zufrieden wie alle anderen auch.

„Du bist dir wirklich sicher, dass du nach Hause willst?“, fragte Eric zum wiederholten Male, als er eine der kleinen Parklücken vor ihrem Wohnhaus ansteuerte.
„Ja“, erwiderte Lina unglücklich.
Er schaute sie zweifelnd an. Es war später Nachmittag und wurde schon wieder dunkel. Die ganze Zeit über hatte Eric den Abschied hinausgezögert, bis ihm keine Ausrede mehr eingefallen war, warum sie unbedingt noch bleiben musste.
Theoretisch hätte er ihr eine Menge erzählen können, von seinen Gefühlen und warum er sie unbedingt bei sich behalten wollte
(und das in einer schönen Umgebung, nicht bei ihr Zuhause)
doch er wollte sie nicht damit überrumpeln.
Er machte den Motor aus und drehte sich zu ihr. „Lina.“ Ihre grünen Augen blitzten ihn schwach an. „Ich möchte mich noch gar nicht von dir trennen.“
Sie wusste, dass er von ihr hören wollte, dass er noch mitkommen solle, doch so sehr sie es sich auch wünschte, sie konnte es ihm nicht anbieten.
„Weißt du, ich habe Angst, dass ich mir das alles nur eingebildet habe. Und kaum, dass du in dem Haus verschwindest, platzt die Illusion.“
Lina verzog ihre Mundwinkel zu einem schrägen Grinsen. „Du hast Sally auf mich gehetzt, oder?“
Eric zuckte schuldbewusst mit den Schultern. „Wie kommst du darauf?“
„Sie hat es mir gesagt.“
„Ertappt.“ Anstatt deshalb böse zu sein, musste er lachen. „Das Mädel kann auch nichts für sich behalten.“
„Und, hat sie dir das Ergebnis schon mitgeteilt?“
Eric schüttelte mit dem Kopf. Gebannt beobachtete er, wie Linas Gesichtsausdruck sich plötzlich veränderte. Ihre Augen sahen ihn liebevoll an, und ihre Züge wurden ganz weich
(ein Ausdruck, den man nur selten sah bei ihr)
während ihre Hand nach der seinen tastete. „Ich denke ja. Ich weiß nicht wieso, ich weiß auch nicht ob es funktionieren wird, aber ja.“
Eric merkte die Erleichterung, die sich unter seine Freude mischte. „Sicher wird es funktionieren!“
Für einen Moment saßen sie schweigend da. Es fiel ihnen merklich schwer, Abschied zu nehmen und den passenden Augenblick dafür zu finden. Immer wieder drehten sie sich im Kreis, vermieden die rechten Worte. Sie befanden sich in einer kleinen Blase, die nur von ihnen ausgefüllt wurde. Keine Eindringlinge, keine Unruhe. Die Vorstellung, diese Blase verlassen zu müssen, erschien Lina grausam und ungerecht. Hier funktionierte es, hier konnte sie mit Eric zusammen sein. Doch wie würde es weiter gehen…?
„Und, was hast Du jetzt vor?“, riss Eric sie aus ihren Gedanken. „Wie sieht Dein Plan für die nächsten Tage aus?“
Lina zuckte leicht mit ihren Schultern.
„Sascha und Sally sind noch ein paar Tage da. Es wäre schön, wenn wir noch etwas zusammen unternehmen könnten, bevor sie fahren.“
„Das könnt ihr doch tun.“, erwiderte Lina vorsichtig.
Eric seufzte leise. „Nicht ‚ihr’. Wir alle! Du sollst dabei sein.“
Linas Herz klopfte schneller. „Na gut…“
Eric schenkte ihr ein Lächeln. „Okay. Wie kann ich dich erreichen? Du hast mir Deine Handynummer noch nicht gegeben.“
Lina zögerte einen kleinen Moment. „Das liegt wohl daran, dass ich gar keines besitze.“
Eric stutze. „Du hast kein-?“
Lina schüttelte den Kopf.
Als Lina sich schließlich von ihm verabschiedete, sah Eric ihr nach, bis das Haus sie verschluckt hatte. Er hatte ein ungutes Gefühl. Es gefiel ihm nicht, dass sie alleine an diesen bedrückenden Ort zurückkehrte.
Ganz und gar nicht.
Er konnte sie ja nicht einmal erreichen, wenn etwas war! Sein Instinkt sagte ihm, dass es besser war, sie nicht auf dem Haustelefon der Martins anzurufen. Während er den Motor startete, wirbelten seine Gedanken wild durcheinander.
Lina war nach wie vor ein kompliziertes, undurchschaubares Mysterium. Wie sollte er es nur jemals schaffen, sie gänzlich zu verstehen?

Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Natürlich war er vollends ausgeflippt, als sie die Wohnung betreten hatte. Sie sei ein Flittchen. würde sich durch die Gegend vögeln, wäre dreckig. Dass sie bei Freunden Silvester gefeiert hatte, glaubte er ihr keinen einzigen Augenblick. Genau genommen war das auch kein Wunder, da sie bisher nie über Nacht irgendwo bei Freunden gewesen war. Sie hatte seinen Ärger über sich ergehen lassen, mit stumpfen Blick und abwesendem Geist.
Als sie nun an ihrem Schreibtisch saß, schaute sie nachdenklich aus dem Fenster.
Neujahr 2009.
Sie hasste Jahresbeginne, eigentlich sogar Anfänge im Allgemeinen. Nun hatte sie wieder alles vor sich. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Der Zeitplan war vorgegeben, auch wenn alles, was den frühen Sommer überstieg, in schwarztriefender Dunkelheit versank.
Das ungute Gefühl, das sie die letzten 24 Stunden von sich geschoben hatte, schwappte todbringend über sie ein. Wie üblich traf die Panik sie unvorbereitet, und während ihre Hände sich haltsuchend an der Tischplatte festkrallten, schnürte die Angst ihre Kehle zu.
Wie soll es nur weitergehen?
Die Welt vor ihr glitzerte unter einer Puderschneedecke. Immer wieder zerrissen verspätete Silvesterknaller die abendliche Stille und ließen Lina zusammenzucken. Es war eine allzu unwirkliche Atmosphäre. Viel deutlicher konnte der Kontrast gar nicht sein zwischen Erics und ihrer Lebenswelt.
Sie erinnerte sich an seine Befürchtung, dass, sobald sie sich nicht mehr sahen, alles wie Einbildung wirkte. Und tatsächlich, nun, da sie nicht mehr im Haus der Janßens war, verblasste das schöne Gefühl schnell. Zurück blieb der schale Geschmack unbefriedigter Sehnsucht. Der Gedanke, eine Beziehung mit Eric zu führen, erschien ihr hier, in ihren eigenen vier Wänden, wie ein schlechter Scherz.
Wie soll auch jemand wie ich einen Freund haben können? Ich bin Mangelware, defekt. Ich weiß nicht, ob ich jemals mit irgendwem – mit Eric
(sie zuckte innerlich zusammen)
intim werden könnte. Ich bin kein unschuldiges Mädchen, das hoffnungsvoll auf ihren ersten Freund wartet. Dazu wurde ich schon viel zu früh verdorben. Alles, was ich bin, ist Stefans Mädchen.
Müde schloss sie ihre Augen und gläserne Tränen tropften auf ihre verkrampften Hände.
Hörte das denn niemals auf?
Nein, dachte sie niedergeschlagen, erst, wenn er stirbt.
Wenn überhaupt.

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