Mörtel, 11.09.2013

Recht essentiell für Kreativkünstler (so bezeichne ich uns mal generalisierend, das gilt sicher nicht nur für Schreiberlinge wie mich) sind Zeit und Lust auf Beobachtungen. Vielleicht klingt das nun wie ein Widerspruch:
„Wieso braucht man Beobachtungen, wenn doch solch eine Fantasie vorhanden ist?“
Berechtigter Einwand.
Aber so viel Fantasie in meinem bescheidenen Köpfchen auch vorhanden sein mag: es sind oftmals die Kleinigkeiten im Alltagsleben um mich herum, die mir Anregungen geben und es ermöglichen, meine Geschichten noch näher an die Realität zu bringen. Okay, ich gebe zu: würde ich einen Fantasyroman schreiben, der zum Beispiel das Balzverhalten von Drachen und Ritterkämpfe thematisiert… da würde ein Blick in die Innenstadt zur Nachmittagszeit nicht unbedingt weiterhelfen. Zumindest nicht direkt. Aber wenn man sich beispielsweise umschaut, um die verschiedenen Arten des Lachens zu studieren: fündig wird man bestimmt. Da gibt es das schrille, extrovertierte Lachen: Augen kneifen sich zu, der Kopf wird hoch gerissen, der Mund zeigt die blitzenden Kauleisten. Oder das stillere, zurückhaltende: Mundwinkel hochgezogen, ein leises „haha“, Krähenfüsschen an den Augen. Und dazwischen gibt es unwahrscheinlich viele Nuancen. Die einen schlagen beim Lachen auf die Oberschenkel, die anderen halten sich den Bauch, wieder andere ziehen müde einen Mundwinkel hoch. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, ein Lachen zu beschreibe. Das Studium lachender Menschen erleichtert das Handwerk – und das Herz. Denn wer sieht nicht gerne andere Menschen lachen?
Ebenso mag ich es, andere Menschen zu beobachten, um dann anhand einzeln aufgeschnappter Sätze oder Interaktionen an möglichen Hintergrundgeschichten herumzuspinnen. Da kann der geäußerte Satz, den eine Frau ihrer Bekannten im Vorübergehen zu ruft, Grundlage für einen ganzen Roman bilden. Nachdenkliche Gesichter regen dazu an, sich zu fragen, woran diese gerade so ernsthaft denken. Tränen rühren und wecken das Bedürfnis, die Ursache zu eliminieren. Und warum weint der eine stumme, langsam über die Wange kullernde Tränen, während der andere peinlich berührt aus dem Fenster starrt und sich überall hin wünscht – Hauptsache weg?

Ihr seht, alleine durch meine theoretischen Schilderungen fängt mein Köpfchen schon wieder an zu rotieren. Die Fantasiemaschinerie ist angeschmissen, qualmt arbeitsbereit, und alles wegen Anregungen, die ich irgendwann einmal beim Studium meiner Umwelt aufgeschnappt habe.

In einem vorherigen Blogeintrag habe ich mich schon auf die Vorurteile bezogen, die Autoren in sich vereinen zu scheinen: Essentiell war hier der Aspekt, dass dieses Völkchen sich in ihren Hinterzimmern verkriechen und vereinsamen.
Nun gut. Anhand meiner oben beschriebenen Gedanken könnt ihr euch vielleicht denken, wie ich das Ganze beurteile. (Dass ich eben jene Vorurteile zum Schießen finde, habe ich bereits erwähnt, nicht wahr?) Ich brauche äußere Einflüsse. Sie regen die Fantasie an und helfen einem, Gedankenschlösser stabiler zu bauen. Denn Baumaterial, das ich in seiner Grundsubstanz schon befühlt habe, kann ich besser einschätzen und nutzen.

(Liebe Drachenfantasyautoren, das heißt natürlich nicht, dass ihr weniger gut schreibt! Ich spreche hier gerade von mir und meinen Bedürfnissen. Ausnahmen gibt es natürlich immer – und wer weiß, vielleicht bin ja ich sogar für andere die Ausnahme!)

Im Hinterzimmer vereinsamen würde für mich nicht funktionieren. Nicht nur würde ich meine lieben Freunde vermissen, meine Fantasie würde langsam antrocknen und mein Schreiben hölzern werden. Ehrlich gesagt mag ich mir das gar nicht vorstellen! Dann bediene ich doch lieber das Klischee des leicht verwirrten Schriftstellers, der gern Kaffee trinkend in der Stadt sitzt und beobachtet – natürlich so diskret wie möglich, immerhin will ich auch nicht zu sehr die Privatsphäre meiner Mitmenschen verletzen. (Dennoch passiert es mir immer wieder, beim Gucken erwischt zu werden, und dann hilft nur ein verlegenes Lächeln.) Oder versinke ab und an, manchmal auch mitten im Gespräch, in Gedanken. Wie oft musste mein Partner mich schon mit den Worten „Na, wo bist du gerade wieder?“ erden! Danke hierfür, deine Geduld und dein Verständnis sind sehr viel wert für mich!
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, denn oftmals finden sich wertvolle Schätze an den Stellen, wo man sie nicht unbedingt vermutet. Und natürlich bietet es einen gewissen Unterhaltungswert, sich mit seinem Umfeld zu beschäftigen, insbesondere wenn man lächelnd durch die Straßen geht. Oder im Zug sitzt. Oder… na, ihr wisst, was ich meine.

Nun nutze ich meine heißgeliebte Wetterthematik und beende den Eintrag, der schon wieder länger geworden ist als gedacht – und der sicherlich noch länger werden könnte! Doch endlich scheint nach all dem Regen die Sonne, und es zieht mich hinaus an die Luft.

Genießt den Mittwoch, das Bergfest! Und haltet schön die Augen offen!

Alles Liebe,

eure Emma

Advertisements

Hast du eine Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s