Schock, 20.02.2014

Hallo meine Lieben,

der heutige Beitrag wird nicht leicht für euch. Er ist auch nicht leicht für mich. Ich habe ihn vor langer, langer Zeit geschrieben, immer wieder überarbeitet und bin nach wie vor nicht zufrieden damit.
Doch abgesehen von grammatikalischen oder orthografischen Aspekten ist es wohl eher der inhaltliche Part, der mich so belastet.
Und leider kann ich daran nichts ändern, denn das Thema an sich ist so furchtbar und es zur Sprache zu bringen ist nunmal kein Zuckerschlecken.

Jedes Mal aufs neue habe ich einen Kloß im Hals, wenn ich das hier lesen muss. Ich empfinde mit Lina und Eric mit, könnte mit ihnen stöhnen und weinen und muss mir fest durchs Gesicht reiben, um mich wieder zu erden.

Aber es gehört dazu. Und deshalb werde ich euch das alles auch in einem Rutsch präsentieren. Augen zu und durch, dann haben wir das Schlimmste hinter uns.

Während ich also nicht wirklich glücklich mit diesem Abschnitt bin, kann ich ihn euch dennoch nicht vorenthalten. Und dennoch frage ich mich ständig: wie konnte sowas meinem Kopf entspringen…

Nun, wer mich kennt, der weiß, dass meine Fantasie ein Fass ohne Boden ist – und das bezieht sich wirklich in jede Richtung die nur möglich ist. Schön, grausam, abwechslungsreich und erschreckend – alles dabei.

Ich rede schon wieder nervös um den heißen Brei herum, um euch hinzuhalten. Tut mir Leid!

Ich halte euch nicht länger auf.

Viel… Spaß …. beim Lesen und verurteilt mich nicht zu sehr.

Ich wünsche euch noch einen wunderschönen sonnigen Tag!

Eure Emma

****************************************************************

– Vierzehn –

Es war kurz nach sieben, als sein Handy ging. Grunzend schlug er danach, hielt es für seinen nervenden Wecker. Er hatte gestern noch so lange wachgesessen… Die Nacht konnte noch nicht zu Ende sein!
Das Klingeln hörte nicht auf.
Frustriert warf Eric sich in seinem Bett herum.
„Du altes Mist-Teil….“ Langsam verflüchtigte sich der Schlaf aus seinen Sinnen, und plötzlich merkte er, dass es gar nicht sein Wecker war.
Jemand rief ihn an.
Schlagartig war er wach. Wer rief schon um diese Uhrzeit an? Während er hastig nach seinem Handy tastete, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Blinzelnd erkannte er Linas Namen auf dem Display. Erstaunt nahm er den Anruf an.
„Lina, bist du aus dem Bett gefallen?“, fragte er, ein Gähnen unterdrückend.
Die Leitung knisterte, mehr nicht. Eric runzelte die Stirn. „Lina?“
Plötzlich hörte er sie keuchend einatmen. Es klang nicht gesund. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Die Welt schien stillzustehen, als er auf ein einziges Wort wartete, auf ein Lebenszeichen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, in der er nur dieses leichte, schmerzverzerrte Keuchen hörte. Zunächst verstand er ihre brüchige Stimme kaum.
„Bitte… hilf mir.“

Zehn Minuten später heulte sein Motor auf, als er ihn zu mehr Schnelligkeit anpeitschte. In aller Eile hatte er sich den Pulli und die Jeans vom Vortag übergeworfen. Die Zeit, sich Strümpfe anzuziehen, hatte er dafür aufgespart, eine Katzenwäsche im Bad vorzunehmen, weswegen er nun barfuß in seinen Schuhen steckte, doch das war Eric völlig egal.
So durch die frühen Morgenstunden zu rasen war lebensmüde, das Glitzern auf der Straße verriet die tückischen Straßenverhältnisse, doch alles, woran er denken konnte, war ihre schwache Stimme.
Bitte… hilf mir.
Noch nie hatte er diese Worte aus ihrem Mund gehört und er zweifelte nicht daran, dass etwas Schlimmes passiert war. Seine Fingerknöchel leuchteten weiß, während er das Lenkrad umkrampfte.
Ich bringe diesen Mistkerl um! Eric hatte nicht den geringsten Zweifel, dass ihr Stiefvater ihr etwas angetan hatte. Noch nie war ihm die Fahrt so lange vorgekommen. Die Straßen erwachten gerade, der Verkehr war nur mäßig. Die meisten frühstückten noch, bevor der Morgenbetrieb aufgenommen wurde.
Mit quietschenden Reifen hielt er vor dem düsteren Haus und eilte, so schnell es ging, zur Tür. Sie war offen. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er hoch in den vierten Stock. Vor der Haustür der Martins blieb er stehen und stellte erstaunt fest, dass auch diese einen kleinen Spalt offen stand. Vorsichtig schob er sich in den Flur und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Muffige Nachtluft umschloss ihn sofort und legte sich drückend auf seine Brust. Er schluckte einmal tief und arbeitete sich vorsichtig zu Linas Zimmertür vor. Einen winzig kleinen Augenblick zögerte er, bevor er es schließlich betrat. „Lina?“ Seine Stimme klang heiser vor Angst und Unbehagen. Er tastete nach dem Lichtschalter, um Licht in das tintenschwarze Zimmer zu bringen.
Die Glühbirne flackerte auf, und Eric verschlug es die Sprache. Zuerst sah er das Durcheinander, die Verwüstung. Dann fiel sein Blick auf das Bett, unter dessen zerwühlten Laken er einen kleinen Fleck weißer Haut sah.
„Herrgott, Lina!“ Er stürzte sofort zu ihr.
Er hörte sie leise Stöhnen. „Pass auf…“
„Was ist passiert? Bist du verletzt?“ Die Frage erübrigte sich, als Eric die Bettdecke zurückzog und das volle Ausmaß der Zerstörung erkannte.
Linas Gesicht wurde von einem riesigen, dunklen Hämatom beherrscht. Ihr linkes Auge bestand nur noch aus einem kleinen Schlitz, und ihre Lippe war tief eingerissen. Sie trug ein dünnes Nachthemd, das die vielen blauen Flecke nicht verdecken konnte. Ein hässliches, purpurrotes Würgemal schillerte auf ihrem Hals und ihr linker Arm stand in einem merkwürdigen Winkel ab. Sie schien halb bewusstlos zu sein.
Tränen brannten in seinen Augenwinkeln, Tränen der Wut und der Angst. Am liebsten hätte er Lina wachgerüttelt und sie zur Rede gestellt, wer ihr das angetan hatte, doch sie schien starke Schmerzen zu haben, und er wagte es kaum, sie zu berühren.
„Lina, du musst sofort ins Krankenhaus!“
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Nein… nicht…“
Wahnsinnig vor Wut richtete Eric sich auf und riss den großen Koffer von Linas Schrank. Er würde sie keine Sekunde länger hier lassen! Während er rasend schnell die wichtigsten Sachen zusammenpackte, fiel sein Blick auf etwas Glitzerndes am Boden.
Der Elfenanhänger.
Ein wilder, wütender Schrei entfloh seiner Kehle. Mit glühenden Augen drehte er sich wieder zu Lina um und sank neben ihr auf den Boden. „Lina.“, redete er eindringlich auf sie ein. „Ich muss dich hier fort schaffen, hörst du?“
Sie schaute ihn an. „Ich hatte die Tür abgeschlossen.“, murmelte sie verschwindend leise.
Verwirrt schaute Eric sie an. Er wusste nicht, was sie damit meinte. Die Tür stand doch offen…? Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. „Lina, kannst du aufstehen?“
Sie verzog ihr Gesicht schmerzlich, während sie versuchte, sich ein wenig zu bewegen, und wurde noch bleicher.
In dem verzweifelten Bedürfnis, ihr helfen zu wollen, ohne aber zu wissen wie, wurde Eric immer wütender. Auf sich selbst, auf den Unbekannten, der ihr das angetan hatte
(obwohl er sich schon recht sicher war, um wen es sich handelte)
einfach auf die ganze Situation.
„Vielleicht sollte ich einen Krankenwagen rufen.“, überlegte er laut.
„Nein!“, zischte Lina, plötzlich mit neu erwachter Kraft. „Kein Krankenwagen…“
Noch einmal betrachtete er Linas zerschundenen Körper. Unter anderen Umständen hätte der Anblick ihrer milchig weißen Haut, die Rundung ihrer Brüste ihn vermutlich erregt, doch nun, da ihre unschuldige Schönheit von solch einer Gewalt befleckt war, blieb nichts als Mitleid und Schmerz. Jede einzelne Wunde tat ihm selber auch weh.
Schließlich schaffte Lina es, sich aufzurichten. Sofort rutschte ihr Nachthemd, dessen rechter Träger gerissen war, herunter. Unendlich vorsichtig griff Eric danach und zog es wieder hoch. „Wir müssen dir noch etwas anziehen. Es ist fürchterlich kalt draußen.“ Besorgt betrachtete er Linas Gesicht. Sie hatte ihre Augen halb geschlossen und schwankte leicht.
Sie muss unter starken Schmerzen leiden…
Eric fiel auf, dass neben den vielen dunkelblauen Flecken auch einige waren, die sich schon grün und gelb verfärbten. Ältere. Wie ein roter Schleier legte sich noch mehr Zorn vor seinen Blick. Es war nicht das erste Mal, dass sie verletzt worden war!
Nach kurzem Suchen fand Eric ihre Jogginghose und einen dicken, weiten Pulli und half ihr beim Anziehen. Noch immer wirkte Lina wie betäubt. Ihm fiel auf, dass es ansonsten mucksmäuschenstill in der Wohnung war. Als wären sie ganz alleine. Nachdem Lina schließlich angezogen war, half er ihr auf die Beine. Sie war zittrig und konnte kaum alleine stehen. Er überlegte ernsthaft, sie zum Auto zu tragen, hatte aber Angst, irgendwelche unentdeckten Verletzungen zu verschlimmern.
Du musst einen kühlen Kopf bewahren! Du musst für sie mitdenken, ermahnte er sich immer wieder. Sein Blick fiel auf den Koffer neben ihr.
„Am besten bringe ich erst den Koffer runter, und dann hole ich dich.“, schlug er vor, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, lass mich nicht hier alleine…“
„Also genau anders herum.“
Der Schweiß stand ihm eiskalt auf der Stirn, als er Lina langsam zur Haustür führte. Er schlang seinen Arm um ihre Taille, zuckte aber zusammen, als sie gepeinigt aufstöhnte. Dann spürte er wieso.
„Der Mistkerl hat dir die Rippen gebrochen!“, knurrte Eric, halb wütend, halb entsetzt. Wieder wollte er einen Krankenwagen rufen, doch Lina wehrte sich dagegen. Sie stützte sich schwer gegen ihn, als sie schließlich im Fahrstuhl standen. Eric atmete bewusst tief durch, um nicht vor Wut auszuflippen. Einzig der Gedanke, dass Lina gerade all seine Sorgfalt benötigte, hielt seine mühsam kontrollierten Gefühle unter Verschluss.
Es war grauenhaft. Als sie schließlich, endlich, in seinem Auto saß, konnte er nur kurz aufatmen. Das Schlimmste würde noch kommen.
„Ich beeile mich!“, versprach er, nachdem er den Motor gestartet und die Heizung aufgedreht hatte. Zum Glück war noch ein wenig Restwärme vorhanden. Tatsächlich hatte Eric keine zwanzig Minuten in der Wohnung verbracht.
Als er zurück eilte, um den Koffer zu holen, schnappte er auch kurzerhand sämtliche Schulsachen, die auf ihrem Schreibtisch lagen, raffte sie zusammen und stopfte sie in Linas Schultasche. Dann noch das Buch, das sie gerade las und ein paar weitere persönliche Sachen, die er auf Anhieb fand. Er wäre verdammt, wenn er Lina auch nur ein weiteres Mal in diese Wohnung ließe!
Ihren Schlüssel nahm er nach kurzem Überlegen auch mit.
Als er wenige Augenblicke später keuchend neben dem Auto stand und ihre Sachen auf den Rücksitz warf, stellte er erleichtert fest, dass sie noch immer bei Bewusstsein war.
Noch.
Auf dem ganzen Weg bis zum Krankenhaus redete er auf sie ein, plapperte einfach vor sich hin. Er wollte, dass sie wach blieb, dass sie seine Nähe spürte. Ein paar Mal verdrehte sie ihre Augen und jagte ihm so einen Riesenschreck ein, doch als er schließlich beim Stadtkrankenhaus ankam und mitten vorm Eingang auf einem Taxiplatz parkte, hatte sie ihre Augen geöffnet. Ein widerwilliges Stöhnen entfuhr ihren Lippen.
Die folgenden Geschehnisse verschwommen zu einem einzigen Nebelschleier. Kaum hatte er mit Lina das Krankenhaus betreten, kam ihm eine Schwester entgegen, die voller Entsetzen die nächsten Schritte einleitete. Im nächsten Moment befand er sich schon in der Aufnahme, wo Lina im grellen Licht der Scheinwerfer noch bleicher als der Tod auf der Liege lag und im schwammigen Dämmerzustand die ersten Untersuchungen über sich ergehen ließ. Hilflos stand er daneben und fühlte sich ständig im Weg – und das, obwohl er nicht einmal wirklich wahrgenommen wurde. Er verstand nicht viel, doch das wenige, das er aufschnappen konnte, klang nicht gut.
Gar nicht gut.
Das Piepen der Geräte, die vielen verschiedenen Blutkanülen, die gefüllt wurden… Als Lina schließlich zum Röntgen in einen anderen Raum geschoben wurde, ging er ihr langsam nach. Sein Kopf war wie leergefegt. Er wusste nicht, wie ernst es um Lina stand. Natürlich schwebte sie nicht in Lebensgefahr, doch sie hatte einige ernsthafte Prellungen, ihre linke Schulter war ausgekugelt und zwei Rippen im rechten Rippenbogen waren angebrochen.
Ganz zu schweigen von ihrem Gesicht. Es war grauenhaft.
Als man sie auf ein Zimmer brachte, lief er ihr hinterher.
Schließlich waren sie für einen Moment alleine. Langsam trat er zu ihr ans Bett und hockte sich auf den Stuhl, der Platz für Besucher bot. Lina hatte ihre Augen geschlossen. Im hellen Vormittagslicht sahen ihre Verletzungen noch grotesker, noch grauenhafter aus. Er räusperte sich leise. „Lina?“
Ihre Augenlider flatterten, und ein heiseres Räuspern entkam ihrer Kehle. Schließlich blickte sie ihn aus flackernden Augen an.
Erleichtert griff er nach ihrer Hand. „Hey, du bist wach.“
Ihre blasse Haut strahlte im unbarmherzigen Krankenhauslicht. Während Eric unruhig auf der Stuhlkante hin und her rutschte, befürchtete er, sie würde vor seinen Augen zerbrechen. Oder sich in Luft auflösen.
Dünn genug war sie ja.
So etwas wie die Erinnerung eines Lächelns zupfte an Linas Mundwinkeln. „Ja, sieht so aus.“
Vorsichtig umfassten seine Finger die ihren noch fester und wärmten ihre kühle Haut. Ein kleines Pflaster umschloss die Nadel, die in ihren Handrücken geschoben worden war, um Infusionen zu ermöglichen, doch derzeit war sie an keine angeschlossen.
„Wie lange tigerst du schon durch die hiesigen Flure?“, fragte sie ihn in einem misslingenden Versuch, zu scherzen.
Eric nahm sie vollkommen ernst und zuckte mit den Schultern. „Seit heute Morgen. Ich muss doch aufpassen, dass sie dich gut behandeln.“
Lina seufzte auf und verzog dabei das Gesicht
(ihre Rippen taten weh, oh Gott)
gequält. „Ich will hier raus.“ Die Worte „nach Hause“ brachte sie nicht über die Lippen.
„Ja, darüber müssen wir auch noch sprechen.“ Eric verstummte wieder, und für eine Weile herrschte Schweigen, einzig durchbrochen durch das leise Rascheln der gelbgestreiften Krankenhausbettwäsche.
Er schien sich sichtlich sammeln zu müssen – eine Tatsache, die Lina nicht entging und die ihr trotz ihrer misslichen Lage einen Schauer über den Rücken jagte. Jetzt gibt er dir den Laufpass. Das ist alles zu viel für ihn. Wen wundert’s?
Doch als er sie schließlich eindringlich anschaute, kam es noch schlimmer, als erwartet. „Wie lange schon?“
Sofort erloschen ihre schwach grün leuchtenden Augen, und sie drehte ihren Kopf zur Seite. Entsetzt merkte Eric, wie sich glitzernde Tränen ihren Weg über ihre Wange bahnten. All seine Ängste, sie – körperlich – zu verletzten oder ihre bestehenden Schmerzen zu verstärken verblassten und er schob sich weiter auf die Bettkante. Die Federn quietschten protestierend.
„Bitte nicht! Dreh dich nicht weg!“, bat er sie. Irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl, über der ganzen Situation zu schweben, zu beobachten. Wie hatten sie nur hier enden können? Zum wiederholten Male pulsierte die entsetzte Energie durch seinen Körper, die ihm die Kraft gab, sich dem Tag zu stellen. Grelle Zornröte umrandete seinen Blick, als er daran dachte, wie er Lina an diesem Morgen vor ewigen Jahren vorgefunden hatte, wie er sie in sein gottverdammtes Auto getragen
(wie eine leblose Puppe!!)
und sie hierher gebracht hatte.
Entgegen der wütenden Energie, die in ihm tobte, umfasste er zärtlich ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich, bis ihre Blicke sich kreuzten.
„Ich ertrage es nicht, wenn du dich von mir abwendest. Bitte!“
Sie blieb stumm, doch als seine Finger sich lösten, blickte sie ihn weiter an. Oder zumindest in seine ungefähre Richtung. Der Schmerz, die Angst in ihren Augen bereiteten ihm Übelkeit. Er griff wieder nach ihrer Hand und umfasste ihre starren Finger. „Lina, ich will dir helfen. Ich werde dir helfen. Aber ich weiß nicht genau, wie ich das anstellen kann. Ein paar Dinge muss ich einfach wissen, damit es für uns beide einfacher wird.“ Er machte eine kurze Pause, in der er sich räusperte, “Aber dazu gehören auch unschöne Dinge. Ich habe blaue Flecken gesehen, die schon weitaus älter sind als einen Tag. Ich habe die Ärzte gehört. Bitte sag mir, wie lange er dir schon weh tut.“
Linas Herz wurde schwer. Pumpte mit jedem Schlag mehr Eiswasser durch ihren Körper. Sie wusste, Eric würde nicht eher ruhen, bis er alles wusste, was für ihn herauszufinden galt. Aber wie sollte sie mit ihm über die unaussprechlichen Dinge sprechen, die sie über Jahre zu dem gemacht hatten, was sie nun war
(Stefans Mädchen, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, bis einer starb)?
Panik schnürte ihre Kehle zu, als wolle sie verhindern, dass auch nur ein einziges Wort ihre Lippen verließe.
Erics Finger umschlossen die ihren noch fester, haltgebender.
Oh, sie wollte es ihm so sehr sagen. Der Drang, sich endlich jemandem anzuvertrauen, die tonnenschwere Last auf ihren Schultern mit jemandem zu teilen und somit zu verringern , war innerhalb der letzten Wochen immer stärker geworden und erreichte nun seinen Höhepunkt. Doch wie sollte sie das Schweigen brechen, das sie sich in jahrelanger Übung antrainiert hatte? Es war, als würde reines organisches Versagen sie daran hindern. Der Mund, ihre Zunge, Stimmbänder – alle reagierten nicht auf die Impulse, sich mitzuteilen. Sie ignorierten es schlicht und ergreifend. Irgendwann würde sie unter dieser Last zerbrechen, und ihr Gefühl sagte ihr, dass dieser Moment sehr nahe gekommen war. Wieder sammelten sich Tränen in ihren Augenwinkeln.
Versteh mich einfach!, flehte sie ihn stumm an. Errate, was mit mir ist, dann muss ich es nicht aussprechen!
Doch Eric verstand nicht. Kein aufkeimendes Wissen erhellte – oder in diesem Fall verdüsterte – seine Miene. Stattdessen beugte er sich zu ihr hinunter und streichelte mit seiner freien Hand sanft über ihre Wange.
„Ich bin immer für dich da, ganz gleich was passiert.“
Es war dieses Versprechen, das ihre Schutzmauer noch weiter zum Einstürzen brachte. Plötzlich platzte das bösartige Geschwür, das tief in ihr lauerte, auf, und Worte bahnten sich wie Galle durch ihre Kehle, ehe sie auch nur verstand, was passierte. Ehe sie sich versah, platzten sie schließlich aus ihr heraus: „Seitdem ich sieben bin.“

Das musste man Eric lassen. Auch wenn die Information ihn traf wie ein gezielter Schlag in seinen Solar Plexus, verriet nur ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen sein Entsetzen.
Sei stark, sei stark, sei für euch beide stark!, schoss es ihm immer wieder wie ein Mantra durch den Kopf. Lina brauchte jetzt jemanden, der sie vorbehaltlos stütze. Er merkte, dass sie sich ihm gerade verletzlich geöffnet hatte. Noch nie hatte er sie so gebrochen gesehen wie in diesem Moment. Dennoch rückte nun alles in ein anderes Licht. All die vielen Momente, in denen er gespürt hatte, dass etwas nicht stimmt, in denen Lina ihm irgendwie seltsam vorgekommen war. Ja, scheinbar hatte er es damals schon gespürt, als er sich in seiner ersten Stunde auf der neuen Schule neben sie gesetzt und sich über ihren merkwürdigen Ausdruck in den Augen gewundert hatte. Am liebsten hätte er sie einfach in die Arme genommen und irgendwo hin getragen, wo ihr niemand mehr wehtun konnte.
Doch vor ihren Erinnerungen würde er sie niemals schützen können.
Er wappnete sich für die weitaus schlimmere Frage, die nun zwangsläufig folgen musste und die es zu stellen galt. Eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper, als er sich noch näher über sie beugte um seine Frage in heiserem Flüstern zu stellen.
„Hat er dir auch noch… anders… weh getan?“
In diesem Moment schien die Welt um ihn herum anzuhalten. Für einen winzigen Augenblick dachte er erleichtert, dass sie verneinen würde, doch als sie unendlich langsam die Augen schloss und ihre letzte Lebensenergie während einer einzigen Nickbewegung aus ihren Poren versickerte, war es diesmal sein Herz, das brach.

Immer fester schlug er zu. Schweiß lief ihm in Strömen über die Stirn, troff in seine Augen und durchtränkte sein Shirt. Immer weiter ließ er sich von seinem ungezügelten Zorn treiben, während nach und nach seine Fingerknöchel aufplatzten und feine Blutstropfen durch die Luft flogen.
Dieser dreckige, alte Mistkerl!, schoss es ihm durch den Kopf, während wieder und wieder Bilder von Lina vor seinem Augen schwebten.
Lina, zerschunden, versteckt in ihrem Bett in der Dunkelheit.
Verletzt und halb bewusstlos neben ihm im Auto.
Lina, wie sie zwischen den Bettlaken des Krankenhauses nahezu verschwand.
Seine Wut
(nein, sein Zorn, sein blinder, hasserfüllter Zorn)
steigerte sich, entfachte noch heißere, gleißend rote Kräfte.
Ein animalisches Knurren entkam seiner Kehle, als er zum letzten, todbringenden Schlag ausholte, immer sein Bild vor Augen, und der Boxsack mit tiefem Keuchen nach hinten schwang.
Das Zittern in seinen Armen rief ihn langsam zur Besinnung. Wackelig stolperte er auf die Bank zu, die an der gegenüberliegenden Wand stand, und ließ sich schwerfällig darauf sinken.
Nun wurde ihm langsam der Schmerz bewusst, der durch seinen Körper strahlte, von seiner aufgeplatzten Haut über seine Muskeln, die er ohne jegliches Aufwärmtraining so beansprucht hatte, bis hin zu…
… dem allerschlimmsten, dem Schmerz tief in seinem Inneren. Jetzt, wo er, den Boxsack als Ventil, all seinen Zorn aus sich herausgeprügelt hatte, war Platz für weitaus schlimmere Emotionen entstanden.
Er hatte Angst. Angst um Lina und davor, wie es nun weiter gehen würde. Nicht nur mit ihnen, sondern vor allem mit ihr.
Das Entsetzen darüber, was mit ihr geschehen war. Über so einen langen Zeitraum, in der eigenen Familie.
Die schwächere, aber umso schwelendere Wut auf sich selbst, die sich stetig tiefer in seine Eingeweide fraß. Hätte er etwas ahnen können? Sollen? Er war sich sicher, ja, er hätte merken müssen, dass etwas
(nicht etwas, sondern was genau)
nicht stimmte. Genügend Gelegenheiten hätte er gehabt.
Wie in einem Zeitraffer rasten sämtliche Augenblicke vor seinem inneren Auge vorbei, in denen er Lina mit ungutem Gefühl betrachtet hatte, als er vermutet hatte, dass etwas nicht stimmt, ohne aber näher nachzuhaken…
Und dann… war da einfach nur Trauer. Um das Mädchen, das nie auch nur die Chance auf eine normale Kindheit gehabt und sich als selbsternannte Außenseiterin vor Nachfragen geschützt hatte.
Er trauerte um die Lina, die er in seltenen Momenten hatte erleben können, und die nun, geschlagen und geschunden, sicherlich erst einmal Abschied genommen hatte.
Eric tat etwas, was schon ewig nicht mehr geschehen war: Er kauerte sich zusammen, verbarg sein Gesicht in seinen Händen und weinte.

****************************************************************

Advertisements

Hast du eine Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s