Sehnsüchte, 06.02.2014

Hallo, liebe Leser.

Manchmal, so wie heute, denke ich bei dieser Begrüßung an Lilo Wanders von „Wa(h)re Liebe“. Sie begann ihre Sendung stets mit den Worten „Hallo liebe Liebenden“. Das war damals noch eine Sendung… Kennt die jemand von euch? Durch sie habe ich mein erstes weitergehendes „Wissen“ über das Thema Liebe und Erotik gesammelt, wenn ich heimlich nachts die Sendung geguckt habe – stets mit klopfendem Herzen und in der Angst, dass meine Eltern was davon mitbekommen.
Ach ja… das waren noch Zeiten. Die erste Verliebtheit, das erste Schwärmen für Jungs. Das viele Getuschel mit den Freundinnen, wenn man auf den gleichen Jungen stand.
Ich hatte damals ein Poster von den Backstreet Boys – ja, ich bekenne mich als Fan! Ich kann mich noch ganz genau erinnern. Es war eines dieser Türposter aus der Bravo. Eines Nachmittags stand ich davor, überlegte, von wem ich eigentlich am meisten begeistert war. Ganz logisch, wie ich mit nachdenklich gekrauster Stirn und Finger an der Lippe die einzelnen Personen abhakte.
Brian – nein, der hatte schon genug Fans.
Nick – ebenso.
A.J. – war mir zu freakig.
Howie – irgendwie zu langweilig.
Ja, es musste Kevin sein!
Ich klebte ein Herz auf seine Stirn und war fortan Kevin-Fan – mit Leib und Seele.
Wenn ich da so daran denke, muss ich schon ein bisschen über mich schmunzeln. Ich war so kindlich naiv! Damals habe ich mir über Dinge Sorgen gemacht, bei denen ich heutzutage froh wäre, wenn sie mein einziges Problem wären.
Ich sehnte mich nach so viel, ohne wirklich zu wissen wonach. Und die ganze Welt lag noch vor mir.

Na klar. Liegt sie immer noch. Ich will nicht klingen wie eine alte Greisin, die nachdenklich auf ihr Leben zurück schaut. Aber damals, ja damals sah die Welt wirklich noch anders aus.

Warum spreche ich darüber? Nun, denken wir mal an Lina. Linas Kindheit ist ganz anders verlaufen als bei den meisten Menschen. Sie ist viel älter, als sie das erste Mal erfährt, was es bedeutet verliebt zu sein. Wie man sich plötzlich verletzlich macht, wie man schwärmt, sich im anderen verliert, aber auch von Zweifeln und Ängsten erfüllt wird.
Natürlich ist das wunderschön für sie, endlich darf sie das erfahren, was viele schon vor ihr erfahren haben. Und die Chancen, die sich ihr dazu bieten… doch ist es nicht traurig, dass sie dafür 18 werden musste…?

Sehnsüchte. Sie kommen in jedem Lebensjahr vor. Doch in der Jugend haben sie noch eine ganz andere Qualität, nicht wahr?

Okay. Genug philosophiert! Ich möchte euch nicht länger vom Lesen der neuen Fortsetzung abhalten. Habt viel Spaß damit – und macht euch noch einen schönen, gemütlichen Abend!!

Alles Liebe,

eure Emma

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Vielleicht war sie anders als die meisten Mädchen ihres Alters, unterschied sich in ihren Erfahrungen, in ihrer Haltung, einfach in ihrem Sein von jedem, mit dem sie peripher zu tun hatte. Aber dennoch war sie verliebt, so wie alle anderen in ihrem Alter es auch früher oder später einmal waren.
Im Kino, während sie sich einen Film anschauten und Eric dabei die ganze Zeit ihre Hand nicht losließ, in einer Bar, wo sie sich an einem kleinen Tisch gegenüber saßen und stets in die Augen schauten, oder einfach nur bei einem schönen Spaziergang: Lina vergaß fast, wer sie eigentlich war.
Es war Ende Januar, und Eric und Lina gingen noch ein wenig spazieren. Er hatte sie von der Arbeit abgeholt – ein Ritus, den er seit Jahresbeginn pflegte. Nachdenklich blickte Lina ins Leere, während sie die kreisenden Berührungen seines Daumens auf ihrer Handfläche genoss. Nach einer langen, trockenen Kälteperiode mit Temperaturen im negativen zweistelligen Bereich hatte es nun wieder begonnen zu schneien. Kleine, feine Flocken legten sich in einer dünnen Schicht über Straßen, Autos, Schilder und die feste Eisschicht, die in ihrer Gefährlichkeit endlich wieder etwas entschärft wurde.
„Die Amis haben sich heute bei mir gemeldet“, durchbrach Eric schließlich die Stille.
„Hm?“, erwiderte Lina und munterte ihn so auf, weiter zu sprechen.
„Sally lässt fragen, wann wir sie besuchen kommen.“
Lina zuckte leicht zusammen
(ich werde Deutschland niemals verlassen dürfen)
und warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Seine Augen hielten sie gefangen, während seine Schritte langsamer wurden.
„Lina“, seufzte er tief auf, „Kein Grund, Panik zu bekommen. Ich habe sie vertröstet und gesagt, dass das vor den Prüfungen nichts mehr wird. Wo wir übrigens beim Thema wären…“ Er kratzte sich am Kopf.
„Klar können wir zusammen lernen“, erriet sie seine Gedanken. „Wann passt es dir?“
„Von mir aus morgen. Wie wäre es, wenn du einfach nach der Schule direkt mit zu mir kommst?“
Linas Augen leuchteten auf. „Gerne.“
Gut, stellte Eric zufrieden fest. Wieder ein Tag, an dem ich sie bei mir haben werde.
Sie kamen dem Wohnblock immer näher, den Eric in Gedanken immer als ‚das Gefängnis’ bezeichnete. Wie üblich stand sein Auto in einer der Parklücken. Um Lina von der Arbeit abholen und einen Spaziergang machen zu können ließ er sein Auto dort immer zurück. Von seinem eigenen Zuhause aus zu Fuß loszugehen wäre ein wenig zu weit.
Obwohl er noch ganz andere Sachen für sie machen würde, wenn die Notwendigkeit gegeben wäre.
Er begann schon, den nächsten Nachmittag zu planen. Lernen würde nur einen kleinen Teil der Zeit verschlucken. Eric liebte es, Lina zu verwöhnen. Ein gutes Essen, ein entspannter Nachmittag vorm Fernseher, ohne dass sie sich auch nur einen einzigen Zentimeter bewegen musste… alles, was die kleinen Sorgenfältchen um ihre Mundwinkel verblassen ließ, war ihm Recht.
Ihre Schritte wurden immer kleiner und widerwilliger, wie üblich. Als sie schließlich vor dem kleinen Pflasterweg, der zu ihrem Hauseingang führte, stehen blieben, umfasste Eric Linas Hand noch fester.
Er sah ihr an, dass sie nicht gehen wollte, und konnte es nur allzu gut verstehen. Wie ein großer, gefräßiger Schlund ragte die dunkle Öffnung der Haustür hinter ihnen auf und drohte, jeden, der es wagen konnte näher zu kommen, zu verschlingen.
Lina seufzte sachte auf. „Also. Danke, dass du mich abgeholt hast.“
„Na klar.“ Sanft strich er über ihre Wange.
Lina rückte ein wenig tiefer in die Schatten
(Hauptsache niemand sieht uns erkennt uns verpetzt uns)
und schloss kurz die Augen, während sie seine Berührung in sich aufsog. Für später, wenn sie alleine in ihrem Bett lag und der Dunkelheit ausgeliefert war.
„Wir sehen uns morgen in der Schule.“
Sie nickte stumm. Er würde niemals verstehen, dass die Nacht, die zwischen ihnen lag, manchmal mehr wog als ein ganzes Jahr. Sie schlug Gräben so tief wie ein Hochhaus zwischen ihnen, versuchte gewaltsam, sie zu trennen. Ein weiteres Seufzen, und für einen kurzen Moment presste sie ihr Gesicht an seine Brust. Er sollte niemals mitbekommen, wie es wirklich in ihr aussah.
Oder an ihr, gewissermaßen.
Diese seltenen Momente, in denen Lina schwach wurde, berührten Eric besonders. Er verstand nicht, woher sie kamen, verstand nicht, was Lina in solchen Momenten empfand. Er wusste ebenso, dass er sie nicht einfach so danach fragen konnte.
Kleine Frustrationsfalten furchten seine Stirn, während seine Hand warm über ihren schmalen Rücken strich.
Ebenso schnell wie der Moment begonnen hatte, verstrich er auch wieder, und Lina löste sich von ihm. Seine Hand fiel schlaff ins Leere.
„Schlaf gut“, wünschte sie ihm, während sie sich rückwärts der Tür näherte.
„Du auch.“ Und pass auf dich auf. Ich will dir helfen. Ich weiß nur nicht, wie ich damit beginnen soll! „Wenn was ist – ruf mich an.“
Lina nickte noch ein letztes Mal, ein leichtes Lächeln in ihren Augen. Klopfte zustimmend auf ihre Jackentasche, wo sich ihr Handy befand. Dann wandte sie sich ab und betrat das düstere Haus.

Verrückt, verrückt, verrückt!, schoss es ihr immer wieder durch den Kopf. Du bist so verrückt. Wie kannst du das alles nur geschehen lassen?
Die altbekannten Selbstvorwürfe. Nun ging es schon seit über einem Monat so. Sie ließ die Nähe zu Eric zu, mehr als sie es eigentlich jemals hätte glauben können, und fügte sich somit ihrem eigenen, gefährlichen Schicksal.
Was, wenn er davon erführe…?
Aber es tat so gut, wenn er an ihrer Seite war! Es waren die wenigen Augenblicke, in denen sie sich fast schon normal fühlte. Sicher. Für kurze Zeit verschwand der rote, fette Stempel mit der Aufschrift „Haltet Abstand“ von ihr, wich der Blassrosawolke der Verliebtheit.
Ja, sie war verliebt. Irgendwie. Aber wer konnte Eric schon widerstehen? Seinem Charme, seinem Aussehen, seiner Hartnäckigkeit? Vermutlich hätte auch ein trockenes Stück Brot Gefühle für ihn entwickelt, wenn er es darauf angelegt hätte.
Und immer, immer schwebte er wie ein drohendes Damoklesschwert über ihrem Haupt.
Leise schloss Lina die Haustür auf und huschte durch den schmalen Spalt. Mit gespitzten Ohren horchte sie nach Geräuschen. Der Fernseher lief, doch das hieß nichts. Oft genug schlief Stefan, die Füße auf dem klapprigen Hocker, in seinem Sessel ein. Mit wohlbedachten Schritten und den knarzenden Stellen im Fußboden ausweichend schlich Lina direkt ins Badezimmer, um sich ihre wilden Emotionen mit kaltem Wasser aus dem Gesicht zu wischen.
Verrückt, stellte sie mit einem letzten, traurigen Seufzen fest, und schaute nachdenklich in den Badezimmerspiegel. Sie sah blasse Haut über ihre Wangenknochen gespannt, große, grüne Augen, die in ihren Höhlen funkelten.
Ihre Unterlippe zitterte.
Wie gerne würde sie jetzt unbeschwert mit Eric auf ihrem Bett liegen und ein wenig reden. Einfach nur reden. Oder in seinem Arm einschlafen, von seiner Sicherheit eingehüllt.
Bei diesem Gedanken schlichen sich kleine Falten in ihre Stirn. Auch wenn es sich gut anfühle – sie mochte diese Gedanken nicht. Sie zeigten nur ihre Abhängigkeit. Und es war so klischeehaft! Das arme, arme Mädchen und der starke Mann.
Sie schüttelte leicht ihren Kopf. Wann war sie so zynisch geworden?
Während Lina sich langsam bettfertig machte, versuchte sie, ausnahmsweise einmal an gar nichts zu denken. Es war schon nach Mitternacht, als sie schließlich in ihr Bett sank. Ihre Gedanken fanden nur schwerlich zur Ruhe, und als sie schließlich, endlich, in einen seichten Schlaf fiel, plagten Alpträume voller fordernder, grabschender Hände sie.
Doch für diese Nacht blieb es dabei.

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