Sonntagsritual, 04.08.2013

Liebe Leser,

ich wünsche euch einen wunderschönen Sonntag! Hoffentlich genießt ihr die Sonne und den ruhigen Tag ebenso sehr wie ich.
Es gibt für mich nicht viel schöneres als draußen auf dem Balkon zu sitzen und meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, während die Sonnenstrahlen mir im Gesicht kitzeln. Durch das Geschrei und Gelächter der Kinder, die gar nicht allzu weit entfernt auf einem hübschen Abenteuerspielplatz spielen, kann ich mir fast vorstellen, dass ich gerade im Urlaub bin und es mir richtig gut gehen lasse.
Kurzurlaub auf Balkonien, das nenne ich Erholung pur!

Wie bereits am Donnerstag angekündigt, werde ich heute die Fortsetzung meiner Geschichte online stellen.
Fällt euch etwas auf? Ich spreche immer nur von „meiner Geschichte“, niemals von einem bestimmten Titel. Das liegt daran, dass ich noch keinen geeigneten Titel gefunden habe. Wie bei allen meinen Werken benenne ich die Geschichte zunächst nach dem jeweiligen Hauptcharakter, in diesem Fall also „Lina“. Solltet ihr eine spontane Idee für einen Titel haben, dürft ihr mir diese gerne mitteilen!

An dieser Stelle möchte ich gar nicht viel mehr sagen. Die Leseprobe ist heute deutlich länger als am vergangenen Sonntag, ihr habt also genug Lesefutter. Ich bin sehr gespannt darauf, wie euch die Fortsetzung gefallen wird und stelle euch die kommenden Zeilen mit viel Herzklopfen zur Verfügung.

Habt noch einen schönen Restsonntag und genießt diese stillen Stunden der Entspannung, bevor die neue Woche mit ihrem (Arbeits-)Alltag uns alle wieder einholen wird.

Lasst es euch gut gehen!

Eure Emma

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– Zwei –

Das Gymnasium lag zentral in der Innenstadt. Eine Mauer, nicht mal einen Meter fünfzig hoch, trennte den Vorplatz von der Straße, die nach nur wenigen hundert Metern in einer Einkaufspassage endete. Eine Verlockung für die Schüler der Unterstufe, die das Schulgelände nicht verlassen durften, bis ihre letzte Stunde vergangen war, eine Wohltat für diejenigen, die alt genug waren, um sich die Freistunden und Pausen in den vielen Cafés, Drogerien und Ramschläden zu vertreiben.
Das Gebäude war alt und stuckverziert. Die Räume waren allesamt mindestens drei Meter hoch und strahlten den Charme eines vergangenen Jahrhunderts aus. Mehr als tausend Schüler kehrten tagtäglich wieder, um ihre Köpfe voller Wissen zu stopfen. Die einen mehr, die anderen weniger motiviert, waren sie dennoch froh, auf diese Schule gehen zu können. Wer hier sein Abitur machte, hatte später keine Schwierigkeiten, einen Studien- oder Ausbildungsplatz zu erhalten.
Der Ruf war tadellos.
Die Sommerferien waren vorbei, und der jetzige Jahrgang 13 wusste, dass es nun ernst wurde. Das Notensammeln der vergangenen Schuljahre hatte bald sein Ende, die letzten wichtigen Kurse standen an, und, noch viel schlimmer, die Abiturprüfungen näherten sich bedrohlich. Ein gutes halbes Jahr noch, und dann wären dreizehn lange Schuljahre zu Ende. Die große ungewisse Zukunft stand ihnen bevor, die Zeit der Chancen und Möglichkeit, der ersten eigenen Entscheidungen. Den Gedanken daran, so verlockend er auch schien, schoben die meisten noch weit von sich, da die Hürde der bevorstehenden Prüfungen, die sie zunächst meistern mussten, noch viel zu groß erschien.
Der ehemalige 12. Jahrgang bestand aus 240 Schülern, die sich auf die verschiedensten Kurse aufteilten. Was sie noch nicht wussten: ab heute Morgen würden sie 241 sein, da ein neuer Schüler zu ihnen wechselte.
Es war jetzt schon klar, dass Eric Jansen mit seinen schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen, mit seinem markanten Kiefer- und Wangenknochen und seinen stattlichen 1,90 Meter einen tiefen Eindruck bei dem Großteil der weiblichen Dreizehner hinterlassen würde. Er kam aus Amerika, wo er das vergangene Schuljahr verbracht hatte. Seine Eltern, beides Anwälte, hatten an einem komplizierten Fall in den Staaten mitgearbeitet und deshalb das letzte Jahr im Land der großen Träume verbracht. Eric, der dort aufs College gegangen war, würde nun sein letztes Schuljahr in Deutschland verbringen. Die Tests, die er hatte durchlaufen müssen und die Prüfungen, die sicherstellen sollten, dass er für das Abschlussjahr geeignet war, hatten ihm kaum Anstrengung abverlangt, so dass er nun, am Montag, den 8. September 2008, seinen letzten Gang zum Sekretariat antreten und die letzten Unterschriften ableisten konnte.
Während er der Sekretärin zulächelte und seinen Namen überall dorthin setzte, wo sie mit ihren karmesinroten Nägeln hinzeigte, waren seine Gedanken ganz woanders. Natürlich merkte er nicht, dass das hektische Klopfen ihrer Nägel vor allem ein Zeichen von Nervosität war.
Was für ein hübscher Bursche, dachte die junge Frau, die erst seit zwei Jahren in diesem Büro saß und sich deshalb noch fast zur Altersklasse der Schüler zählte.
Oh ja, Eric hinterließ einen bleibenden Eindruck.
In den USA hatte es eine Zeit gegeben, da hatte er es mehr als genossen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Eric Anschluss an eine größere Clique gefunden hatte, die jedes Wochenende auf Achse waren. Gemeinsam mit Sascha, seinem besten Kumpel, mit dem er auch jetzt, da er wieder in Deutschland war, Kontakt hielt, hatten sie sich Wochenende für Wochenende neue Mädchen gesucht. Irgendetwas hatte sich immer gefunden und dann lief es stets gleich ab. Schick machen, Tanzen, einem netten Mädchen einen Drink ausgeben, dann vielleicht noch einen zweiten, weiter tanzen, intimer werden. Manchmal landeten sie einfach nur knutschend in einer Ecke, manchmal gingen sie mit den Mädchen noch nach Hause.
Jedes Mal ignorierten sie die zugesteckten Nummern und das sehnsuchtsvoll gehauchte „Ruf mich an“, denn an etwas festerem waren beide nicht interessiert.
Fast schon ein bisschen wehmütig dachte Eric an diese Zeit zurück. Natürlich hatten sie sich verhalten wie die letzten Arschlöcher, aber es war so leicht gewesen, so befriedigend. Eine Bestätigung. Letzten Endes war es jedoch wieder ruhiger um sie geworden, denn trotz aller Vorsätze hatte Sascha die brünette Jess zurückgerufen. Eric hatte sich von Anfang an gewundert, warum sein Kumpel sich ausgerechnet dieses durchschnittliche Mädchen geangelt hatte – waren da doch noch viel mehr… reizendere Möglichkeiten gewesen. Doch scheinbar war bei den Beiden ein Funke da gewesen, der sie seitdem knisternd zusammen hielt. Ohne Sascha waren diese Wochenendabenteuer nur noch halb so lustig gewesen, und so war es auch um Eric stiller geworden.
Und jetzt stand er hier, im Sekretariat einer alten, katholischen Schule, und erwartete, auf lauter konservative Mitschüler zu treffen.
„So, das war’s dann fürs Erste, Herr Jansen. Eric.“, flötete die Sekretärin mit weit geöffneten Augen. „Einen schönen, ersten Schultag.“
„Vielen Dank“, erwiderte Eric, und fragte sich, wann er seine in den Staaten erworbene Arroganz wieder abgelegt hatte. Als er gemerkt hatte, dass die wöchentlichen Abenteuer auch nicht glücklicher machten oder erst als er die Grenze nach Deutschland wieder übertreten hatte? Wahrscheinlich. In Amerika erworben, in Amerika gelassen.
Als die Tür des Sekretariats sich hinter ihm schloss, warf er einen Blick auf seinen Stundenplan. Mit einem leichten Seufzen stellte er fest, dass sein letztes Schuljahr direkt mit Deutsch begann. Nicht die beste Möglichkeit, um einen guten Start in die Woche zu haben.
Seinen Rucksack lässig auf einer Schulter hängend machte er sich auf den Weg.

Wie üblich setzte sich Lina auf einen Platz im hinteren Bereich. Deutsch war einer der wenigen Kurse, bei dem sie zumindest halbwegs Interesse zeigte, weshalb sie nicht den Platz wählte, der am weitesten vom Lehrerpult entfernt war.
Die Tische im Raum waren hufeisenförmig angeordnet. Lina saß im hinteren Drittel auf der rechten Seite. Sie achtete nicht darauf, ob sich jemand neben sie setzte oder nicht. Die heute ausgewählten Plätze würden das ganze Schuljahr über bleiben. Entschieden hatte sie sich für den Platz vor allem wegen der Heizung, die sich direkt hinter ihr befand. Im Winter fror sie schnell, was war da besser als Heizungsrohre im Rücken? Jetzt spielte das jedoch noch keine große Rolle, weshalb es kaum einen Ansturm auf diese Plätze gegeben hatte. Dass sie auf diesem Platz gleichzeitig auch einen guten Blick sowohl auf die Fenster, als auch auf die Tür hatte, spielte dabei eine ebenso große, wie unbewusste Rolle.
Es war nicht so, dass man Lina als Außenseiter bezeichnen konnte. Sie war einfach nur sehr still und zeigte kaum Interesse an den anderen. Bei Partnerarbeiten fand sich immer jemand, der sich mit ihr zusammentat und im Sport war sie nie die letzte, die in ein Team gewählt wurde – wenn sie denn am Unterricht teilnahm – doch in den Pausen blieb sie meist für sich.
Einzig Marina konnte sie als so etwas wie eine Freundin bezeichnen. Lina wusste gar nicht genau, wie und warum das angefangen hatte, da sie niemals bewusste Signale ausgesendet hatte, die andere dazu einluden, sich mit ihr abzugeben, doch Marina hatte schon in der Unterstufe immer wieder ihre Nähe gesucht und sie unermüdlich zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten eingeladen. Ein Nein hatte sie dabei nur selten akzeptiert, da sie wusste, dass Lina ausreichend Zeit hatte. Und auch wenn Lina ab und an tatsächlich mit Marina irgendwelche Sachen unternommen hatte, konnte man dennoch nicht behaupten, dass Marina viel über sie wusste.
(Auf jeden Fall viel mehr als die meisten anderen Mitschüler und das war gefährlich!)
Lina wollte nicht, dass irgendjemand sie näher kennen lernte. Sie hatte viel zu große Angst, dass irgendjemand plötzlich bemerkte, wie oft sie blaue Flecken an den verschiedensten Körperteilen trug oder ob und wieso ihre Lippen manchmal eingerissen waren. Überall, wo Lina sich befand, fühlte sie sich im Rampenlicht und jedes Mal, wenn jemand sie unerwartet ansprach, zuckte sie leicht zusammen.
Lina war eben anders. Zumindest dachte sie das.
Es waren nur noch fünf Minuten bis zum Stundenbeginn, und der Raum füllte sich schnell. Überall waren Gespräche über die Ferien zu hören, jeder hatte eine lustige Geschichte oder einen interessanten Kommentar von sich zu geben. Lina hörte kaum zu, sie war viel zu beschäftigt damit, ihre Schreibsachen aus ihrer Tasche zu holen. Ihre Haare fielen dabei wie ein goldener Vorhang auf den Tisch.
Sie hörte, wie um sie herum Stühle über den Boden kratzten.

Als Eric den Raum betrat, waren nur noch zwei Plätze frei: direkt vorne neben dem Pult und weiter hinten. Da er keine große Lust hatte, sich vorne all den Blicken auszusetzen, steuerte er den hinteren Platz an und schaute sich dabei vorsichtig um. Im allgemeinen Gedrängel hatte scheinbar noch keiner bemerkt, dass jemand den Raum betreten hatte, dessen Gesicht vollkommen neu war. Er war nun doch ein kleines bisschen aufgeregt, wie er zugeben musste, und räusperte sich leise.
Der freie Platz befand sich zwischen einem Mädchen mit ultrakurzer, pechschwarzer Stachelfrisur und Piercings im ganzen Gesicht
(So viel zum Thema konservativ!)
und einer kleinen, zierlichen Gestalt, die gerade in ihrer Tasche herumwühlte. Langes, hellblondes Haar fiel auf den Tisch und streifte ihre Oberschenkel, während sie nach irgendetwas zu suchen schien.
„Ist dieser Platz noch frei?“, fragte er, automatisch an die kleine Blonde gerichtet. Stachelhaar war in ein Gespräch mit einer ebenso wild aussehenden, Rothaarigen vertieft. Bestimmt Lesben, dachte er.
Lina reagierte nicht auf ihn, so wie sie nur selten auf andere Leute reagierte, da sie sich zumeist nicht angesprochen fühlte. Ihre bisherigen 239 Mitschüler kannten sie genügend, um sie in Ruhe zu lassen. Eric runzelte leicht die Stirn. Was soll’s, dachte er und zog den Stuhl mit dem gleichen, kratzenden Geräusch, wie schon 17 andere zuvor, zurück, um sich zwischen die beiden Mädchen zu setzen.
Lina saß zu seiner Linken. Sie beförderte gerade ein schmales, schwarzes Etui und einen Collegeblock auf den Tisch, ohne dabei den Kopf zu heben. Eric wusste nicht warum, doch er wunderte sich über dieses gesenkte Haupt und beobachtete sie genau, wartete darauf, dass sie sich endlich wieder aufrichtete.
Mittlerweile hatten die meisten im Raum bemerkt, dass jemand Fremdes sich unter ihnen befand. Leise tuschelnd reckten sie die Köpfe und schauten, wer da neben Lina saß und sie interessiert beobachtete.
Auch Eric bemerkte den Stimmungswandel. Er machte sich gerade bereit, einen freundlichen Blick in die Runde zu werfen, als die Tür kraftvoll aufgestoßen wurde und ein Walross von einem Mann den Raum betrat. Herr Lehmann, der Deutschlehrer. Eric erwiderte nur einige wenige neugierige Blicke, bevor er sich dem imposanten Mann zuwandte.
Genau in diesem Moment der Ablenkung hatte sich Lina wieder aufgerichtet, wie Eric, nicht ohne eine leichte Enttäuschung zu spüren, feststellte. Er hätte zu gerne die Überraschung in ihren Augen gesehen.
„Hi“, sagte er lächelnd und wandte sich ihr zu.
Zum ersten Mal bemerkte Lina, dass jemand neben ihr saß, den sie nicht kannte. Sie schaute ihm nur kurz in die Augen und murmelte ein leises „Hallo“, bevor ihr Blick wieder auf ihren Collegeblock huschte.
Eric hob beide Augenbrauen. Hatte er mit Überraschung, vielleicht sogar einer der typisch weiblichen Reaktionen, die er so gut kannte, gerechnet, war er mehr als enttäuscht worden. Er hatte nicht die Spur einer Regung in ihren Augen gesehen. Verdammt, er hatte noch nicht einmal ihre Augenfarbe erkennen können, so schnell hatte sie ihren Blick wieder abgewandt.
Was soll’s. Dann sitzt du halt zwischen einer Lesbe und einer schüchternen Mauerblume, dachte er brummelnd. Das wird ja ein spannendes Jahr.
Was er nicht mitbekam, war der trommelnde Herzwirbel, der Linas Fassung ins Wanken brachte. Wer bitte ist das? Den habe ich ja noch nie gesehen! Was hat er neben mir zu suchen? Das, so stellte sie fest, war das letzte, worauf sie vorbereitet gewesen war.
In diesem Moment kam Herr Lehmann am Pult an und ließ sich mit einem Ächzen auf den Stuhl fallen. Mit der Namensliste in der einen Hand, schüttelte er mit der anderen eine Brille aus seiner Hemdtasche und setzte sie sich auf die Nasenspitze.
Im ersten Augenblick wirkte der große, bärtige Mann sehr gemütlich und sympathisch auf Eric, und er war gespannt, ob sich dieser Eindruck auch halten würde. Doch seine Gedanken blieben nicht lange bei dem Lehrer, er verschwendete sie auch nicht an den Rest des Kurses, der immer noch nicht aufgehört hatte, ihn mehr oder weniger verstohlen zu betrachten. Er dachte über das kleine Blondchen nach. Vermutlich, so stellte er fest, um sich kurzfristig nicht dem Gedanken stellen zu müssen, dass hier ein kompletter Neuanfang vor ihm lag, für ein einziges letztes Schuljahr. Ein ärgerlicher, aber nötiger Umstand.
„So, jetzt beruhigt euch alle mal ein bisschen. Ich habe das Vergnügen, eure Ferien offiziell zu beenden. Guten Morgen!“, dröhnte die dunkle Stimme des Walrosses durch den Raum und beendete die letzten Gespräche. Einige letzte geflüsterte Sätze verklungen nach und nach. „Ich hoffe ihr hattet eine schöne Zeit. Ich würde ja den ganzen Quatsch mit dem vorstellen und der Namensliste lassen, immerhin kennen wir uns ja vom letzten Jahr, aber ich habe festgestellt, dass wir ein neues Gesicht unter uns haben.“
Eric seufzte auf. Jetzt ging es also los. Sofort spürte er wieder sämtliche Augenpaare auf sich – außer einem. Er war sich sicher, dass die Blonde neben ihm immer noch auf ihren Tisch starrte und merkte, wie ihn das störte.
Warum auch immer.
„Eric Jansen. Sie verstecken sich da hinten in der Ecke. Wie wäre es, wenn sie mal ein paar Worte über sich sagen und sich vorstellen?“ Diese Aufforderung klang gar nicht mal so unfreundlich.
Eric lächelte noch einmal in die Runde, bis sein Blick bei Herrn Lehmann hängen blieb. „Kein Problem.“
Er erzählte die wichtigsten Dinge, über Alter bis hin zum Grund seines Amerikaaufenthalts, versuchte das Ganze aber so kurz wie möglich zu halten. Vorstellungsrunden waren ihm recht verhasst, erst recht wenn er der einzige war, der von sich reden musste.
„Die Staaten, soso. Wir werden also international hier. Kommen Sie mir ja nicht mit Anglizismen, die kann ich nämlich gar nicht leiden!“, unterbrach Herr Lehmann ihn nur ein einziges Mal, nicht ohne ihm dabei zuzuzwinkern.
Ja, er schien sympathisch zu sein.
Der Kurs kicherte leise, und Eric hatte das Gefühl, dass er schon gleich nicht mehr ganz so sehr wie ein Außerirdischer betrachtet wurde. Der Großteil des Kurses hatte ihn schon als Teil des Ganzen akzeptiert, nur einige der Mädchen warfen ihm noch interessierte Blicke zu. Er konnte sich denken, worüber sie nachdachten.
„Na gut. Dann mal herzlich willkommen bei uns! Und jetzt Schluss mit dem Quatsch. Sarah, ich bin mir sicher, Ihr Gespräch hat mehr mit dem jungen Mann oder den Ferien zu tun als mit Deutsch, also verschieben Sie das bitte auf die Pause!“
Eric sah, wie das angesprochene Mädchen tiefrot anlief und musste grinsen.
Sehr sympathisch.
Der Unterricht nahm seinen Lauf und fing scheinbar genau dort an, wo er vor den Ferien aufgehört hatte. Herr Lehmann empfahl ihm einige Literatur und forderte ihn auf, sich jederzeit zu melden, wenn er Schwierigkeiten hatte zu folgen.
Es ging direkt los mit einer Lektüre, die der Kurs über die Ferien hatte lesen sollen, und Eric ärgerte sich, weil ihm das nicht im Vorfeld mitgeteilt wurde. Natürlich hatte er weder das Buch gelesen, noch ein Exemplar dabei.
„Lina, seien Sie so gut und lassen Sie Eric für heute mit in ihr Buch schauen.“, polterte Herr Lehmann und faltete die Hände behäbig über seinem Bauch. „Und jetzt fangen wir doch mal mit eurem ersten Eindruck an…“
Aha. Lina hieß sie also.
Zum ersten Mal seit Beginn der Stunde drehte Eric sich wieder leicht in ihre Richtung. Und erschrak, als er in ihre Augen schaute.
Sie waren so… grün. Grün, und ausdruckslos.
Nein, das stimmt nicht ganz. Sie sind nicht ausdruckslos. Sie sind einfach nur so… Eric fiel nicht ein, was er in ihren Augen las. Er fühlte sich unwohl, und diesmal war er es, der den Blick zuerst abwandte.
„Danke, Lina.“
Sie schob das Buch ein Stück in seine Richtung.
„Und, ist es lesenswert?“, flüsterte er ihr zu.
„Ich werde Dich fragen, wenn Du es selber gelesen hast.“, antwortete sie ihm noch viel leiser. Er schaute sie wieder an. Was für eine merkwürdige Antwort…
Der Unterricht plätscherte, von der Stimme des Lehrers geleitet, an ihm vorbei, während er Linas Profil genauer betrachtete. Leicht in seine Richtung gewandt, da das Buch zwischen ihnen lag, war ihr Blick wieder nach unten gerichtet und Strähnen ihres blonden Haares fielen ihr in die Stirn und über die Schultern.
Sie war genauso zierlich, wie sie am Anfang gewirkt hatte. Zerbrechlich, schoss es Eric durch den Kopf. Mit Sicherheit war sie nicht größer als einen Meter fünfundsechzig, und über ihr Gewicht wollte er gar nicht erst nachdenken. Sie war weder wohlgeformt, noch schlank – sie war einfach nur dünn.
Obwohl es Sommer war und die Temperaturen im Laufe des Tages sicher wieder die 30-Grad-Grenze sprengen würden, trug sie eine lange Jeansröhre und ein Oberteil, das sie sicherlich zum Schwitzen bringen würde – und das ihre zierliche Figur nur noch weiter unterstrich.
Ihre grünen Augen waren groß, fast schon zu groß für ihr spitzes Gesicht, und von dunklen, langen Wimpern umringt. Noch immer rätselte Eric über ihren Gesichtsausdruck.
Sie war blass. Anders als die meisten Mädchen hier, die sich wahrscheinlich den ganzen Nachmittag auf Decken und Liegestühlen im kleinen Garten hinterm Haus räkelten, um ihre Haut von den Strahlen der Sonne liebkosen zu lassen und eine knackige Bräune zu pflegen.
Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen.
Eric wusste nicht warum, aber irgendetwas an dem Mädchen ließ ihm keine Ruhe.

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