Stille, 28.11.2013

Hallo, liebe Leser!

Eine Woche ist vergangen seit dem schockierenden Beitrag, der „Notwendigkeit“. Ich hoffe, ihr konntet das Ganze einigermaßen verdauen und euch an die neue Fortsetzung heranwagen.
Der heutige Titel ist (wie eigentlich immer) sehr bewusst gewählt und ich möchte euch kurz erklären, was ich mir dabei denke.

Kennt ihr diesen Moment der Stille nach einem bedeutsamen Ereignis? Dieser Moment danach, wenn eine ganz eigentümliche Spannung in der Luft hängt, die Welt scheinbar den Atem anhält? Dieser Moment, bevor sich entscheidet, wie es nun weiter gehen wird?

Als ich die folgende Szene geschrieben habe, fühlte ich mich wie in einem Vakuum. Lina befindet sich in einem Vakuum. Ihr bedeutsames Ereignis ist leider von besonders negativer Art. Für sie ist es, als wäre ihre Welt kurzfristig stehen geblieben, nur noch verstärkt durch den Kontrast des Weiterlebens außerhalb ihrer eigenen Reichweite. Der Druck, der auf ihr lastet, ist enorm.

Jedesmal, wenn ich die folgende Szene lese, habe ich einen ganz bestimmten Ohrwurm. Er stammt von Glashaus, das Lied „Haltet die Welt an“.

„Und die Welt dreht sich weiter
und dass sie sich weiter dreht
ist für mich nicht zu begreifen,
merkt sie nicht,
dass einer fehlt?
Haltet die Welt an,
es fehlt ein Stück.
Haltet die Welt an,
sie soll stehen.“

Vielleicht passt der Text nicht hunderprozentig, denn es geht bei Lina nicht darum, dass irgendjemand fehlt… aber dieses Gefühl, dass sich die (restliche) Welt weiterdreht als wäre nichts geschehen… das ist es, was mir immer wieder in den Kopf kommt.
Vielleicht möchtet ihr euch das Lied ja anhören und mir mitteilen, was ihr darüber denkt, insbesondere auch in Verbindung mit dem folgenden Abschnitt.

Auch diese Woche kann ich euch nicht viel Spaß beim Lesen wünschen, denn meiner Meinung nach klingt das irgendwie unpassend. Auf jeden Fall wünsche ich euch jedenfalls ein paar Strahlen Sonnenschein, die den grauen Regenhimmel aufheitern. Und falls ihr was Schönes als Kontrast lesen wollt, schaut mal bei mir auf Facebook vorbei und lest die wundervollen Beiträge, die bei der Verlosung entstanden sind. Mich stimmen die sehr glücklich!
Am Sonntag kann ich endlich den Gewinner verkünden, bis dahin habt ihr noch Zeit abzustimmen! 🙂

Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Eure Emma

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-Elf –

Als sie aufwachte, war das erste, was sie spürte, der Schmerz in ihren missbrauchten Körperteilen. Es fühlte sich an, als würden tausend scharfe Messer in ihrem Darm sitzen und sie bei jeder Millimeterbewegung malträtieren. Vorsichtig tastete sie nach ihrem Körper, während langsam die Erinnerung zurückkam.
Ihr wurde übel.
Sie ertastete eine angetrocknete Flüssigkeit und schluchzte auf. Im hellen, freundlichen Licht der Vormittagssonne schlug sie die Bettdecke auf und erkannte das Blut auf dem Laken.
Wieder fühlte sie sich, als würde sie die Besinnung verlieren.
Der unglaubliche Schmerz…
Die Überraschung…
Das Entsetzen…
Lina hatte gedacht, es könnte kaum noch schlimmer kommen. Doch nun, am 30. Dezember 2008, morgens um zehn Uhr, während heller Sonnenstrahl die violett schimmernden Flecken, die schmerzenden Stellen und die Abschürfungen liebkoste, wusste sie, dass das ein Trugschluss gewesen war.
Wie paralysiert lag sie da. Ob sie es wollte oder nicht, kein einziger Muskel bewegte sich. Nur das schwache Beben ihrer Brust machte deutlich, dass sie lebte. Atmete.
Tränen liefen stumm über ihre Wangen, während die bodenlose Panik sich immer mehr in ihr ausweitete.
Sie musste weg. Hier raus. Einfach verschwinden. Doch alles, was sie konnte, war da liegen und vor Angst vergehen.
Sie würde es nicht noch einmal aushalten. Das wusste sie. Ihre Empfindungen waren kaum zu beschreiben. Es war, als stünde sie kurz vorm Platzen. Als würde etwas in ihr überschnappen, wie ein zu weit gedehntes Gummiband, wie eine Sicherung die nach zu häufigem Gebrauch einfach durchbrannte.
Sie tastete nach der Elfe, doch natürlich war sie nicht da. Sie schlummerte sicher in dem kleinen Kästchen zwischen den Pullovern in ihrem Schrank.
Eric…
Nein. Lina zuckte innerlich zusammen. Kein Eric, der ihr würde helfen können. Zum einen wusste er nicht Bescheid, konnte ihr also gar nicht helfen, zum anderen war durch ihn nur alles noch schlimmer
(nein, das ist nicht fair, so kann man das nicht sehen)
geworden.
Trotzdem… alles in ihr wünschte sich seine Schulter zum Anlehnen… zum Vergessen.
Sie stöhnte auf.
Alles um sie herum lebte, ging dem gewohnten Alltag nach. Sie hörte Autos, die draußen über die Straßen rasten und unbekannte Ziele ansteuerten, spielende Kinder, die kreischend über den kleinen Spielplatz hinter dem Wohnkomplex tobten, dick eingepackt in bunten Wintermänteln und praktischen Schneehosen.
Die gedämpften Geräusche des Fernsehers aus dem Wohnzimmer nebenan.
Es war Zeit aufzustehen, doch nicht einmal der Gedanke, auf dem blutbefleckten, dem verderbten Laken zu liegen konnte sie dazu bringen, sich zu bewegen.
Sie sah, wie Eric gestern Abend vor ihr gestanden hatte.
„Pass auf dich auf.“
Als hätte er etwas geahnt. Hatte sie es ahnen müssen? Hätte sie besser aufpassen müssen?
Sie gab auf. Ließ die Decke wieder sinken, drehte sich um und kniff ihre Augen zu. Die Tränen strömten unaufhörlich.

Es war dumm gewesen, den Einkauf so kurz vor Silvester zu erledigen. Das wusste Eric ebenso wie Sascha und Sally, die mit schweißüberströmten Gesichtern und verkrampfter Kampfhaltung durch ein Einkaufscenter mit mehreren Läden rasten. Sie konnten keine Rücksicht auf die vielen Im-Weg-Steher und Nöler nehmen, die sich zu ständigen Zeithindernissen entpuppten. Dafür war die Liste zu lang, der Andrang zu groß und die Zeit zu knapp.
„Hell. What a fucking idea!“, grummelte Sascha, während er sich neben Eric durch die langen Reihen an der Fleischtheke kämpfte. „Dafür muss das Barbecue aber umso besser sein morgen!“
Eric seufzte. „Wenn es so weiter schneit, sollten wir uns überlegen, das Ganze doch irgendwie drinnen zu machen. Ich will mir nicht den halben Abend den Arsch abfrieren.“
„Du stellst dich an!“
Eric grinste. „Naja, und ich möchte natürlich viel Zeit mit Lina verbringen.“
„U-hu.“
Sally kam mit einem Arm voller Baguettes hinter ihnen zum Stehen. „Hah!“ Sie schüttelte den Kopf. „Als würde Krieg ausbrechen. Sie kämpfen um das Essen.“
Langsam, aber systematisch arbeiteten sie die Einkaufsliste ab.
„Und, bleibt morgen Abend auch Zeit, ein Bier mit deinem Kumpel zu trinken?“, fragte Sascha, während er die verschiedenen Soßen betrachtete.
„Was, bist du etwa eifersüchtig?“ Eric lachte auf. „Klar habe ich dafür Zeit!“
„Na, der Partyjunge von früher bist du nicht mehr!“
Eric verdrehte die Augen und zeigte auf Sally. „Ach, aber du? Die Kleine hat dich ganz schön an der Leine!“
„Das sagt der Richtige!“ Gerade wollte Sascha Eric in die Seite boxen, als Sally sie unterbrach: „Hey Jungs, verwendet eure Energie lieber für die Schlange an der Kasse!“ und davontrabte.
„Siehst du?“, feixte Eric, lief aber ebenso schnell los, um Saschas Schlag zu entwischen.
Als sie alles im Wagen verstaut hatten, wurde Eric nachdenklich. „Was sie wohl gerade macht?“
Sascha und Sally warfen sich einen bedeutsamen Blick zu.
„Willst du es herausfinden?“
Kurz zögerte er. Die Verlockung war groß… „Hm. Nein. Sie hat gesagt, dass sie heute keine Zeit hat. Außerdem sollten wir die Sachen schnell nach Hause bringen.“ Das Bedürfnis nach ihr zu sehen zurückkämpfend warf er die Kofferraumtür ins Schloss und ging zur Fahrertür.

Zur selben Zeit, an einem weniger fröhlichen Ort, saß Lina zusammengekauert auf ihrem Sessel und starrte aus dem Fenster. Ihre blanke Matratze zeigte die durchgesickerten Flüssigkeiten, die das Laken nicht hatte zurückhalten können, jüngere und ältere. Das Laken und die Bettwäsche lagen zusammengeknüllt in einer Ecke.
Irgendwann hatte Lina es geschafft aufzustehen. Noch immer brannte ihre Haut von der heißen Dusche, unter die sie sich gestellt hatte, nachdem sie die befleckte Wäsche von ihrem Bett gezogen und einen weiteren Zusammenbruch erlitten hatte. Die Wolldecke um ihre Schultern gewickelt, fror sie nun nur noch innerlich.
Selbst wenn sie ihr Gewicht vor allem auf ihre Hüften verlagerte, tat es weh zu sitzen. Lina ertrug es nicht, daran zu denken, woran es lag, denn bei dem alleinigen Gedanken wurde ihr schlecht. Es war so erniedrigend, so beschämend, was passiert war.
So oft hatte sie damit leben können, hatte funktionieren können, aber nun…
Was, wenn er heute Nacht wieder kam?
Sie erstarrte.
Was dann?
Schritte im Flur. Alles in ihr spannte sich an.
Sie gingen weiter. Mit starrem Blick schaute Lina auf das Schneegestöber vor ihrem Fenster.
Wie soll es nur weiter gehen? Was soll ich nur tun?

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