Valentinsfreuden, 13.02.2014

Hallo, liebe Leser!

Morgen ist Valentingstag.
Nicht, dass ich diesen Tag unbedingt feiern möchte. Mein Freund und ich haben da Gott sei Dank eine sehr ähnliche Vorstellung. Wir benötigen keinen festen Tag, um uns mit Geschenken zu überhäufen und uns unserer Liebe zu bekennen. Das tun wir an allen 365 Tagen des Jahres auch so. Vielleicht nicht immer die Geschenke, aber der Rest schon. Und das ist viel wichtiger und schöner als es auf einen Tag zu zentrieren.

Obwohl ich den Valentinstag schon als kleines Kind toll fand.

Ich kann mich erinnern, dass ich als junges Mädchen mit meinem Taschengeld in die beiden Dorfläden gerannt bin und eine ganze Tüte voller Süßigkeiten gekauft habe. Im Anschluss bin ich zu meiner Familie gegangen, zu Oma, Opa, Mama, Papa und zu meinem Bruder, und habe jedem etwas geschenkt. Als kleiner Valentin habe ich meine Liebsten mit Kleinigkeiten überhäuft und gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd. Mit Schokoglasur. Und Streuseln. Und Sahnehaube.
Naja, ihr wisst, wie ich das meine 🙂 Hätten nur noch ein kleiner Bogen mit Herzpfeil und kleine Engelsflügelchen gefehlt.

Auch dieses Jahr möchte ich etwas schenken – und zwar euch! Ihr alle kommt in den „Genuss“, eine besonders lange Fortsetzung zu lesen (wobei ich, wie ihr mir später wahrscheinlich später zustimmen werdet, den Genuss etwas in Frage stellen muss). Und auf meiner Facebookseite läuft auch ein kleines Gewinnspiel. Schaut einfach mal vorbei!

Jetzt nutzt jedoch den grau-trüben Februarabend, kuschelt euch ein und lest ein wenig!

Viel Spaß dabei und alles Liebe,

eure Emma

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Am nächsten Morgen bestand die Welt aus einer einzigen, glitzernden Eisschicht. Lina brauchte viel länger als üblich für den Schulweg, und unterwegs kam sie an zwei Unfallstellen vorbei. Ihre Nacht war unruhig gewesen – um es milde auszudrücken – und sie befand sich in dem merkwürdigen Schwebezustand zwischen bodenloser Müdigkeit und aufgekratzter Wachheit.
Heute würde sie nach der achten Stunde mit zu den Jansens fahren. Es wäre nicht das erste Mal, doch heute fühlte sie sich besonders merkwürdig.
Fahrig schob sie die Träger ihrer Tasche zurück auf ihre rechte Schulter und stapfte weiter vorsichtig auf das große Schulgelände zu.
„He, Lina“, ertönte eine Stimme hinter ihr, die sie Thomas zuordnete.
Merkwürdig, seitdem Eric in der Schule kaum noch von ihrer Seite wich, sprach er viel häufiger mit ihr. Sprachen viele Mitschüler mehr mit ihr.
„Hey.“
„Ganz schön gefährlich auf den Straßen, hm?“ Mittlerweile hatte er aufgeholt und ging neben ihr, bedächtig einen Schritt vor den anderen setzend.
„Hmmm“, brummelte sie zustimmend. So sehr sie es auch anerkannte, dass er freundlich zu ihr war – heute Morgen musste man ihr doch einfach ansehen, wie wenig gesprächig sie sich fühlte!
„Also, ähm.“
Lina warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Du und Eric, ihr seid so was wie zusammen, oder?“
Was zum Teufel war das für eine Frage? „Ja, so in etwa.“
„Wow, puh.“
Diese Reaktion verwirrte sie, und als sie plötzlich stehen blieb, um ihn direkt anzuschauen, verlor sie auf dem glatten Untergrund den Halt und rutschte weg.
„Heda, Vorsicht!“ Thomas packte sie automatisch am Arm und traf dabei eine ihrer Prellungen, sodass sie schmerzvoll ihr Gesicht verzog. Gerade eben verhinderte er, dass sie der Länge nach hinfiel.
Genau in diesem Moment tauchte Eric hinter ihnen auf. „Gibt es ein Problem?“, fragte er eisig und löste Thomas Hand von Linas Arm, schob sich zwischen die beiden und legte seinen Arm beschützend um ihre Taille.
Thomas blickte ihn ob dieser Feindseligkeit verdutzt an. „Nein, abgesehen von dem Eis nicht.“
Lina schüttelte nur ihren Kopf. Die Müdigkeit gewann wieder Überhand, und sie schloss kurz die Augen.
„Okay. Ich übernehme von jetzt an“, erklärte Eric in Richtung seines Schulkollegen und führte Lina von ihm fort.
Diese seufzte leise auf. „Was war das denn?“
Eric atmete tief durch. „Ich habe nur gesehen wie er dich festhielt und dann deinen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck… da sind mir ein wenig die Pferde durchgegangen.“
„Ich hab es bemerkt.“ Ein Hauch von Belustigung schlich sich in ihre Stimme. „Der arme Thomas.“
„Wieso das?“, knurrte Eric. In seinen Augen war Thomas alles andere als arm dran – zumindest, bis er es noch einmal wagte, seine Freundin zu berühren und ihr dabei Schmerzen zu bereiten. Dann sollte er verflucht sein…
Verdutzt schüttelte er seinen Kopf. Was war nur mit ihm los?
„Er versteht vermutlich die Welt nicht mehr. Dabei wollte er mich nur festhalten, als ich weggerutscht bin.“
Eric lachte, leicht verlegen. „Ja, das habe ich mir im Nachhinein auch gedacht.“
Das Schultor ragte vor ihnen in die Höhe. Als wollte er die Privatsphäre außen vor lassen, blieb Eric ein letztes Mal stehen, um Lina zu betrachten. „Du siehst müde aus“, stellte er mit zärtlicher Stimme fest.
Ebenso schnell, wie er wütend und kalt wie ein Eisblock geworden war, wurden seine Züge wieder weich und sanft bei ihrem Anblick.
„Ich hatte schon bessere Nächte“, gab Lina ehrlich zu.
„Das tut mir Leid.“
„Du kannst ja nichts dafür. Obwohl, wenn ich Recht überlege, eigentlich schon.“
Eric zog seine Augenbrauen hoch und schaute sie verdutzt an, doch Lina zuckte nur mit dem Schultern. „Egal. Lass uns rein gehen, wir verpassen noch die erste Stunde.“
Und als sie sich umdrehte, um durch das Tor zu schreiten, hörte sie ihn leise sagen: „Ich werde aufpassen, dass dir keiner weh tut, Lina. Ich werde immer versuchen, es zu verhindern!“

Der Vormittag erschien ihr merkwürdig. Erics leise Worte hatten sie bis in ihren Kursraum begleitet, den sie an diesem Morgen alleine betreten musste.
Ich werde immer versuchen, es zu verhindern.
Bei der Erinnerung an seine Worte erschauderte sie. Wenn er nur wüsste, wie wenig er tatsächlich verhindern konnte… Sie schüttelte leicht den Kopf und erschrak, als die schrille Stimme ihres Lehrers sie aus ihrem zähen Gedankenwirbel riss.
„Fräulein Martins? Wissen sie die Antwort?“
Mit leerem Blick schaute sie zu ihm nach vorne und konnte nur den Kopf schütteln. „Worum geht es gerade?“
„Die einzelnen Schritte der Zellteilung!“, zischelte Marina ihr ins Ohr, doch zu spät. Der Lehrer blickte enttäuscht und ließ von Lina, dessen Gesicht schon feuerrot war, ab.
„Toll“, seufzte sie auf und ließ sich tiefer in ihren Stuhl sinken.
„Was ist los? Du bist so durcheinander?“ Marina warf ihr einen eindringlichen Blick zu. Sie war ein bisschen beleidigt – sie hatte so viele Fragen zu Linas und Erics Beziehung, doch bisher wurde kaum eine befriedigend beantwortet. Stattdessen wich Lina ihr immerzu nur aus, und zu Mädelsabenden kam sie auch nicht.
„Ach, ich…“ Eine weitere Antwort blieb ihr erspart, weil ihr Biologielehrer einen brennenden Blick in ihre Richtung warf. Für den Rest der Stunde verstummten die beiden Mädchen. Als sie jedoch den Raum verließen, war Marina sofort wieder an ihrer Seite.
„Lina, jetzt erzähl doch endlich mal!“
Lina seufzte leise auf. „Mir geht es heute einfach nicht gut. Ich habe eine beschissene Nacht hinter mir und bin hundemüde. Mehr nicht.“
Marina warf frustriert ihre Hände in die Höhe. „Mein Gott, man kriegt auch nix aus dir raus! Aber lange lasse ich mich nicht mehr von dir abspeisen!“
Verwirrt ging Lina weiter. Warum interessierten sich heute so viele für sie? Warum interessierten sie sich überhaupt für sie? Es war alles ein bisschen viel.
Der Tag verging nur schleppend. Als sie in Deutsch neben Eric saß, konnte sie nur schwer dem Drang, sich an ihn zu lehnen und zu vergessen, widerstehen. Sie spürte Marinas und Thomas Augen immer wieder auf sich. Als Eric sie eindringlich anschaute und fragte, ob alles okay wäre mit ihr, schüttelte sie nur den Kopf.
Alles irgendwie verrückt.
Im Auto schwiegen sie. Eric hielt die meiste Zeit ihre Hand, und Lina lehnte ihren Kopf erschöpft gegen die Fensterscheibe. Sie spürte mehr als deutlich, dass dies nicht ihr Tag war, und obwohl es ihr wirklich leid tat, konnte sie nichts gegen ihre Lethargie tun.
Als sie ankamen und Eric schnell um das Auto flitzte, um ihr beim Aussteigen zu helfen, lächelte sie leicht. „Danke.“
Doch Eric merkte, wie abwesend sie war, und mehr als ihre plötzlichen Stimmungsschwankungen belastete es ihn, nicht zu wissen, woran es lag. Er legte seinen Arm fest um ihre Taille und zog sie ganz nah an sich heran.
Lina riss sich zusammen und schenkte ihm ein weiteres, schwaches Lächeln. „Heute ist nicht so viel los mit mir.“
„Ich merke es“, erwiderte er vorsichtig. „Möchtest du lieber nach Hause?“
Lina schaute ihn unergründlich an. „Das soll wohl ein Scherz sein.“
„Ja, und dazu noch ein schlechter“, gab Eric zu. Ihm wurde ein wenig leichter ums Herz. Hatte er tief im Innersten tatsächlich geglaubt, ihre bedrückte Stimmung rührte daher, dass sie mit zu ihm kam? Heiße Motivation durchfuhr ihn. Er würde sie schon wieder zum Lächeln bringen! Er hatte den ganzen Nachmittag Zeit!
Gemeinsam gingen sie in die Küche. Lina lehnte sich an die Theke, während Eric die Inhalte der Schränke inspizierte.
„Also, worauf hättest du Hunger?“
Lina schaute ihn an. „Ähm…“
„Na komm, wir kochen uns was Leckeres.“
„Das… ist keine so gute Idee. Ich habe noch nicht oft gekocht.“ Ihre Stimme schwankte vor Unsicherheit.
Eric schenkte ihr ein breites Lächeln. „Jeder fängt irgendwann mal an.“ Dann nahm er ihre Hand und zog sie zu sich.
Sie entschieden sich für Lasagne und einen gemischten Salat. Lina entwickelte großen Spaß daran, alles klein zu schnippeln und hörte aufmerksam zu, als Eric ihr die Zusammensetzung seines „Geheimdressings“ erklärte.
Es war angenehm.
Als der Nudelauflauf schließlich im Backofen vor sich hin brutzelte und der Salat fertig war, zog Eric sie in seine Arme. „Siehst du, war doch gar nicht so schwer. Du hast dich gut geschlagen!“
Lina strahlte ihn an. Es tat gut, so liebe Worte zu hören.
Eric beugte sich zu ihr hinab und gab ihr einen langen Kuss. Zunächst spielten seine Lippen unendlich zärtlich mit ihr und fachten das Geflatter hunderter Schmetterlinge in ihrem Bauch an, doch als sich mehr Leidenschaft in den Kuss mischte, wurden ihre Knie weich. Sie spürte das Feuer, das in Eric loderte, als der Kuss immer länger, immer intensiver wurde. In ihrem Kopf drehte sich alles. Tausend Stimmen schrien durcheinander, forderten sie auf zu fliehen, sich zurück zu ziehen, zu verschwinden. Andere jedoch seufzten wohlig und genossen das Gefühl.
Die anderen Stimmen überwiegten.
Als Eric sich schließlich nach einem nicht enden wollenden Moment von ihr löste, atmete er schwer, und seine Augen waren ganz rauchig.
Lina blickte ihn nur stumm an. Ihre Lippen waren geschwollen und noch zu einem halben Kussmund geöffnet. Sein Herz schlug schneller, während er den Wunsch, noch ganz andere Sachen mit ihr anzustellen, mit aller Kraft wieder unterdrückte. „Entschuldige, ich habe mich wieder unter Kontrolle.“
Nun löste sich Linas Starre, und unter wild klopfendem Herzen lächelte sie ihn an. „Es ist doch nichts Schlimmes passiert.“
Erics Augen wurden dunkel. „Sag das nicht, sonst falle ich wieder über dich her.“
Nur kurz flackerte ein leichtes Unbehagen in ihr auf, dann schlug Lina ihm spielerisch auf den Arm. „Du könntest uns ja einen Kaffee kochen, während wir auf unser Essen warten.“
Von diesem abrupten Themawechsel wieder in die Realität geholt, trat Eric zurück und folgte ihrem Vorschlag.
Was hast du dir nur dabei gedacht? schalt er sich selbst. Das ist dir doch noch nie passiert. Du kannst sie nicht behandeln wie jedes x-beliebige Mädchen, das du schon aufgerissen hast. Behalt dein Hirn mal lieber im Kopf! Doch so sehr er es versuchte, er konnte seinen Ausbruch nicht bereuen. Kurzfristig hatte er einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie es sein könnte… wenn sie nicht so anders wäre. Anders war das einzige Wort, mit dem er sie treffend beschreiben konnte. Er wusste, er hatte gerade eine unsichtbare Grenze überschritten – und merkte, dass diese unbekannte Seite ihn nun umso mehr anzog. Mit gerunzelter Stirn machte er ihnen Kaffee und trug die Tassen zum Küchentisch.

Das Essen schmeckte ihnen außerordentlich gut. Irgendwann kam Eva von der Arbeit und gesellte sich zu ihnen. Sie war erschöpft, aber fröhlich, und freute sich zu sehen, wie ihr Sohn sich um Lina bemühte.
Endlich, so stellte sie fest, ist er erwachsen geworden.
Als die beiden schließlich nach oben gingen, dachten sie noch kein bisschen an Lernen.
Lina ließ sich seufzend auf sein Bett fallen und blieb auf dem Bauch liegen. Eric setzte sich im Schneidersitz neben sie und betrachtete ihre schmale Gestalt.
„Ich bin pappsatt.“, stöhnte sie in die Decke.
Er lachte auf. „Du hast ja auch echt eine Menge verdrückt.“
Unter Aufwendung aller Kraft drehte sie sich zur Seite und blickte zu ihm auf. „Genau das, was Frauen hören wollen.“
„Ich weiß.“
Für einen Moment grinsten sie sich an, und Lina tauchte in seine strahlenden Augen ein, bis alles um sie herum verschwamm.
„Also“, begann Eric schließlich ernst. „Was hat dich heute so bedrückt?“
Sofort verschloss ihre Miene sich wieder. „Nichts.“
„Lina.“ Er nahm ihre verkrampfte Faust und umschloss die kalten, starren Finger. „Du kannst mir nichts vormachen.“
Frustriert drehte sie sich auf den Rücken. „Meine Güte, ich habe heute Nacht einfach nicht gut geschlafen. Nicht mehr und nicht weniger. Außerdem hat nicht nur Thomas, sondern auch Marina mich mit ihren neugierigen Fragen genervt. Und ich hatte heute ein klein wenig schlechte Laune. Mehr. Nicht.“
Eric schaute sie stumm an.
„Lass das. Schau mich nicht so an.“ Sie seufzte entnervt auf.
„Wie schaue ich denn?“
„So, als wüsstest du ganz genau, dass ich nicht die Wahrheit sage.“
Eric lächelte sie verschmitzt an. „Mensch, woher das nur kommt.“ Er rutschte näher zu Lina und zog ihren Kopf in seinen Schoß. Während er ein paar Strähnen aus ihrer Stirn strich, sah er, wie sie sich langsam wieder entspannte. Mit geschlossenen Augen begann sie schließlich zu sprechen. „Ich war ziemlich durcheinander gestern Abend. Du musst wissen, das alles ist nicht sonderlich leicht für mich. Ich bin das nicht gewohnt, war immer eine Einzelgängerin. Und nun? Ich meine, plötzlich tauchst du in meinem Leben auf und meinst, dich einfach überall einmischen zu müssen. Das ist schon ziemlich frech! Und anstatt dass du darauf hörst, wenn ich dir sage, dass du mich in Ruhe lassen sollst, gibst du dir noch viel mehr Mühe…“ Sie verstummte kurz. Ihre stockenden Worte wurden langsam immer fester. „Und jetzt… ich begreife manchmal selber nicht, wie ich in dieser Situation landen konnte. Was du überhaupt an mir findest. Und ich weiß auch nicht, ob das Zukunft hat. Ich weiß ja nicht einmal, was ich selber für eine Zukunft habe! Das alles verunsichert mich und deshalb konnte ich heute Nacht kaum einschlafen. Und dann diese Albträume…“
Eric blickte sie stumm an. Es war, so kam es ihm vor, die bisher längste Rede, die er von ihr gehört hatte. Die vielen Emotionen, die in ihrer Stimme mitschwangen, erschütterten ihn nahezu.
Auch Lina schwieg plötzlich. Sie hatte Eric nicht nur einen tiefen Einblick in ihr Inneres gegeben, nein, sie hatte sich sogar fast verplappert
(von den Albträumen erzählt von ihm)
und somit mehr Preis gegeben, als sie wollte. Sie hoffte inständig, dass er nicht weiter darauf einging, doch schließlich stellte er ihr die ungewollte Frage.
„Albträume? Wovon hast du denn geträumt?“
Lina rollte sich ein wenig enger zusammen. „Nichts… Spezifisches. Ich kann es nicht mehr genau sagen. Aber es war schlimm.“
Eric spürte, dass sie ihm wieder auswich, doch er drang nicht weiter in sie ein. „Ach, Kleines.“ Er streichelte ihr ein weiteres Mal über die Stirn.
Sie blieben noch eine Weile so liegen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Vor allem Lina grübelte ängstlich, ob sie zu viel gesagt hatte. Doch gleichzeitig konnte sie nicht abstreiten, dass ihr dieser Ausbruch gut getan hatte. Immerhin hatte sie endlich einmal ausgesprochen, was sie wirklich dachte.
Schließlich lernten sie doch – ein bisschen. Eric war nur halb bei der Sache, immer wieder gingen ihm Linas Worte durch den Kopf. So, wie sie es ausgedrückt hatte, fühlte er sich wie ein Trampel, der sich in ihr Leben gedrängt hatte.
War er das wirklich?
Nein. Er weigerte sich, das zu glauben. Nachdenklich blickte er das Mädchen an, das seine Gefühlswelt so sehr im Griff hatte. Vielleicht konnte er nicht beschwören, dass er sie aus rein logischen Gründen anziehend gefunden hatte, dass es vielmehr ihre geheimnisvolle, abweisende Art gewesen war, die ihn fasziniert und herausgefordert hatte… und vielleicht hatte er sie am Anfang ein wenig bedrängt… aber insgesamt hatte er reinen Gewissens gehandelt und bereute es auch nicht, dass sie nun neben ihm lag.
Nein, er hatte sich nicht einfach so in ihr Leben gedrängt.
Sie hatte es auch zugelassen.
Nun betrachtete er, wie sie mit nachdenklich gerunzelter Stirn über ihrem Biologiebuch hing, einen Text durchlas und dabei an ihrem Stift kaute.
Sein Buch lag unbeachtet neben ihm. Lernen konnte er auch, wenn er alleine war. Wann hatte er schon Zeit, Lina so lange bei sich zu haben und betrachten zu können?
Als sie schließlich seufzend das Buch zur Seite schob und ihm einen leicht amüsierten Blick zuwarf, machte sein Herz einen kleinen Sprung. „Du sollst dein Biobuch studieren, nicht mich!“, meinte sie vorwurfsvoll.
„Du bist aber viel interessanter“, erwiderte Eric schlicht. Die Röte, die sich in Linas Wangen schlich, zerstörte nun auch die letzte Chance, dass er sich noch einmal auf die Schulsachen konzentrieren konnte.

Als es dunkel war, brachte Eric Lina widerstrebend nach Hause. Am liebsten hätte er sie bei sich behalten, die ganze Nacht, die Woche, immer. Stattdessen stand nun wieder ein Abschied bevor, der wie üblich ein ungutes Gefühl in ihm auslöste.
„Pass auf dich auf, Kleines“, murmelte er und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
„Ach klar“, erwiderte sie schwach.
Als sie ins Haus ging, fühlte sie wieder die gewohnte Leere in sich aufsteigen.
Lina, die noch gestern mit sich selbst gehadert hatte, musste sich an diesem Abend eingestehen, dass sie sich etwas vormachte, wenn sie versuchte, sich einzureden, dass das mit Eric ein schnell zu beendender Fehler war. Der Kuss in der Küche haftete noch in ihrer Erinnerung und ließ ihre Beine schwach werden. Diese ungeahnte Leidenschaft…
In der Wohnung war es ungewohnt still und dunkel. Hatte sie tatsächlich Glück, und der Rest war für diesen Abend ausgeflogen? Oder wartete eine unangenehme Überraschung auf sie? Leise schlich sie in ihr Zimmer, knipste das Licht an, erwartete für einen kurzen Augenblick sein gemeines Grinsen – und atmete erleichtert auf, als ihr Zimmer leer war. Sie würde ganz in Ruhe in der Erinnerung an den vergangenen Nachmittag schwelgen können…
An diesem Abend tat sie etwas, was sie noch nie zuvor getan hatte – sie ging zum Schlüsselbrett, griff bedächtig nach ihrem Zimmerschlüssel und schloss ihre Tür zu.
Auch heute würde sie Ruhe haben, dachte sie zufrieden.

Es geschah um ein Uhr zwölf. Lina war tief im Schlaf versunken, als sich ihre Türklinke leise nach unten drückte. Stefan stand, so betrunken, dass er sich am Türrahmen stützen musste, vor ihrer Tür, und brauchte eine Weile, bis er verarbeitet hatte, wieso sie nicht aufging. In dem Moment wallte wilde, unzähmbare Wut in ihm auf.
Es war das laute Knacken, das Lina plötzlich wach riss. In dem verwirrten Dämmerzustand zwischen Schlaf und Bewusstsein fragt sie sich, ob das Haus zusammenbrechen würde, doch als sie die tobende Stimme hörte, riss sie schlagartig die Augen auf.
„Mach die verdammte Tür auf, verflucht nochmal! Du dummes Flittchen, dir werde ich’s zeigen! In meiner Wohnung schließt mich keiner aus, nicht mal so ein Stück Scheiße wie du!“
Lina hörte nur allzu deutlich, dass er betrunken war. Ihr Blick flackerte unruhig durch das Zimmer, suchte nach einem Versteck, blieb beim Fenster hängen.
(der einzige Ausweg)
Zu hoch. Viel zu hoch. Sie würde den Sturz kaum überleben. Dennoch übte das Fenster plötzlich einen großen Reiz auf sie aus.
„Lina-Baby, komm, mach die Tür auf. Dein Vater will nur sehen, ob alles okay ist mit dir und dir einen Gute-Nacht-Kuss geben.“ Die schmierig-weiche Stimme zeugte von seinem Strategiewechsel, fachte Linas Angst aber umso mehr an.
Oh Gott, oh Gott, oh Gott…
Ein weiteres Krachen. Die Tür gab nicht nach. Noch nicht. Lina wusste nur zu gut, welche Kräfte Stefan besitzen konnte. Sie wagte es kaum zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen. Welcher Teufel hatte sie nur getrieben, dass sie, dumm wie sie war, die Tür abgeschlossen hatte?
KRACH.
Lina wimmerte leise auf. Er wäre so oder so gekommen. Doch nun, nun würde es noch viel schlimmer werden. Er würde ihr wehtun. Wäre sie doch nur bei Eric geblieben!
Ihre Angst steigerte sich ins Unermessliche. Egal, was passieren würde, es wäre sicherlich nichts im Vergleich zu den letzten Malen… und dabei hatte er in den letzten Wochen schon eine gesteigerte Brutalität entwickelt.
Plötzlich wurde es still. Schritte entfernten sich schlurfend. Hatte er etwa…?
Nein, Lina wagte es nicht zu hoffen. Er hatte sicherlich nicht aufgegeben. Oder? Eine ganze Weile lauschte sie starr im Dunkeln, konnte aber keine Geräusche ausmachen.
Sie zog leise raschelnd ihre Decke hoch bis zum Kinn und versuchte, ihre einzelnen Körperteile nach und nach zu entspannen.
Ganz vorsichtig.
Es verstrichen fünf weitere Minuten. Lina schloss unendlich erschöpft ihre Augen. Die ersten Wogen von Erleichterung flossen durch ihren Körper.
Dann hörte sie das Klicken im Türschloss.

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