Zeitdiebe, 07.10.2013

Liebe Leser,

Auslöser für diesen Blogeintrag ist eine Begegnung, die, streng genommen, eigentlich nicht von größerer Bedeutung für mich sein sollte – doch sie hat mich zum Nachdenken gebracht.
Es war nach der Arbeit; eilig bin ich zum Bahnhof gelaufen, um meinen Zug zu bekommen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich nur selten knapp unterwegs bin. Zeitdruck macht mich ganz nervös und unruhig. Wenn ich also davon spreche, dass ich zum Bahnhof „eile“, habe ich in der Regel einen Puffer von mindestens zehn Minuten – den brauche ich, um entspannt zu bleiben!

Aber wenn ich diese in meine Begegnung einbeziehe…

Nun, vielleicht sollte ich davon erst einmal weiter erzählen!

Ich war also auf dem Weg zum Bahnhof. Mir kam eine ältere Dame entgegen. Schon von weitem fiel sie mir auf. Und das nicht nur, weil sie mir ganz unweigerlich ins Auge fallen musste, da sich unsere Wege kreuzten. Nein, es war irgendetwas an ihrem Gang, an ihren bequem aussehenden Sandalen, die unter ihrem Rockzipfel hervorlugten. Ihr großmütterliches Gesicht. Mein Blick huschte mehrmals über ihre Erscheinung. Und doch war ich nicht darauf gefasst, was als nächstes geschah: Sie erschrak mich tierisch, indem sie mich ansprach, als ich nur noch wenige Meter von ihr entfernt war.
„Glauben Sie an das Wort Gottes?“ Nicht forsch, nicht verrückt, irgendwie freundlich und neugierig.
Wie automatisch antwortete ich „Dafür habe ich jetzt keine Zeit“ – und schon war ich an ihr vorbei, der Anblick ihres Lächelns nur mehr eine schwache Erinnerung.
Doch kaum hatte ich diese Begegnung hinter mir gelassen, überkam mich ein ganz komisches Gefühl. Nicht, weil ich derart religiös bin, dass ich lieber die Zeit für eine spirituelle Diskussion hätte nutzen sollen: nein, es war die Tatsache, dass diese Begegnung vielmehr wie ein Sinnbild für die heutige Gesellschaft erscheint. Irgendwie befinden wir uns doch alle unter Zeitdruck; schnell eilen wir durch das Leben, von Termin zu Termin, und versuchen, dem tickenden Uhrzeiger nicht allzu sehr in die Quere zu kommen, nicht wahr? Selbst wenn wir meine zehn Minuten Wohlfühlpuffer einberechnen, deren Luxus ich mir normalerweise gönnen kann: habe ich wirklich keine Zeit für eine nette alte Dame, die mir eine Frage stellt? Also, nicht mehr Zeit als für ein schnelles „Nein danke, ich muss weiter“? Hätte ich meine Zeitpuffertorte nicht anschneiden, ein kleines Stückchen davon für Zwischenmenschlichkeit opfern können?

Das stimmt mich sehr nachdenklich. Zeit für Zwischenmenschlichkeit, Zeit für Auszeit. Ist davon wirklich so wenig vorhanden? Liegt es an den Ansprüchen, die das heutige Leben an uns stellt, oder ist das eine reine Kopfsache, beeinflussbar, wenn man seine Einstellung ändert?

Gerne würde ich die Zeit zurück drehen. Ich würde auf die Frage der Frau eine Antwort geben – selbst wenn diese aus einem begründeten „Nein“ bestünde. Aber die Zeit habe ich mir nicht genommen, stattdessen bin ich weiter geeilt und habe den Bahnhof pünktlich erreicht. Damit alles nach Plan läuft. Doch anstatt zufrieden zu sein, den Zug pünktlich erreicht zu haben, überfällt mich ein Gefühl innerer Unruhe und Unzufriedenheit.

War es das wert?

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