Zeitlos, 08.09.2013

Hallo liebe Leser.

Heute kommt, pünktlich und zuverlässig, die Fortsetzung von Lina (hat denn wirklich niemand mal einen netten Vorschlag für einen Titel? Oder zumindest einen Arbeitstitel?).

Ich habe gerade bestimmt schon fünfmal gelöscht, was ich eigentlich dazu schreiben wollte. Irgendwie bin ich merkwürdig wortlos. Es wollen mir einfach nicht die passenden Äußerungen dazu einfallen. Vielleicht werdet ihr am Ende wissen warum.

Aber ich denke das ist auch nicht weiter schlimm – der Ausschnitt ist wieder recht lang, und ich muss ja auch nicht alles im Vorfeld kommentieren!

Ich hoffe sehr, dass ihr ein schönes Wochenende hattet. Diese Woche hat uns der Sommer ja noch einmal mit ein paar Sonnenstrahlen gekitzelt. Und die habe ich aufgesogen und abgespeichert wie Frederick, die Maus. Inklusive zitterndem Näschen! Ihr auch? (Über die vergangenen Tage spreche ich jetzt mal ganz bewusst nicht!)

Macht euch noch einen schönen Abend und startet gut in die neue (Arbeits-)Woche!

Eure Emma

****************************************************************

Das „Zeitlos“ war, wie üblich, gut gefüllt. In den vielen kleinen Sitznischen lümmelten sich die Gäste auf den Sofas und Sitzsäcken, schlürften aus bunten Strohhalmen noch buntere Cocktails, nippten an ihrem Bier und aßen Erdnüsse oder andere kleine Snacks. Die Hintergrundmusik war gerade so laut, dass man seine Stimme ein wenig erheben musste, doch am Folgetag würde keiner davon heiser sein.
Das schummerige Licht machte die Atmosphäre noch gemütlicher, intimer. Im hinteren Bereich gab es eine winzige Tanzfläche, die jedoch selten ihrem Zweck entsprechend benutzt wurde.
Die einheitlich in schwarz und rot gekleideten Mitarbeiter sorgten herzlich dafür, dass niemand lange auf dem Trockenen saß, sofern dies nicht gewünscht war. Auch Lina gab sich größte Mühe. Wie selbstverständlich wirbelte sie durch die Menge, lächelte, nahm Bestellungen auf und Trinkgeld entgegen. Jeder einzelne Cent davon landete in ihrer Spardose, auf der in fetten Lettern „Studium“ stand. Schnell hatte sie gelernt, dass ihr Lächeln viel wert war. Und dass sie dadurch an ihrer Zukunft arbeitete, machte es ihr umso leichter, ihre sonst eher eingerosteten Mundwinkel anzuheben.
Irgendwie mochte sie das Getümmel sogar. Selbst wenn immer wieder viele bekannte Gesichter auftauchten, blieb nie die Zeit, länger mit jemandem zu reden – zumindest konnte sie dies perfekt als Ausrede benutzen. Je voller der Laden war, desto anonymer kam sie sich vor. Bedacht, nicht negativ aufzufallen, konnte sie mit ihren Kollegen verschmelzen und die vielen Menschen dadurch umso besser ertragen. Außerdem stimmte der Lohn: zehn Euro die Stunde war eine ganze Menge in ihren Augen – und dazu kam dann noch das Trinkgeld.
Leise vor sich hin summend arbeitete sie sich durch den Abend.
Als sich gegen zehn Uhr die Tür öffnete, war sie gerade an der Theke und holte ein Tablett voller Cocktails, die sie an einen Tisch mit jungen Pärchen bringen wollte. Sie schienen irgendeinen Geburtstag zu feiern und waren schon mächtig angetrunken. Nichts Besonderes also für einen Abend im „Zeitlos“.
Eric betrat den Laden, alleine. Er hatte im Laufe der Woche in Erfahrung gebracht, dass Lina hier arbeitete und – er wusste selber nicht, welcher Teufel ihn nun ritt – sich vorgenommen, ihr einen Besuch abzustatten. Natürlich nur, wie er sich einredete, um sich den Schuppen anzuschauen, der scheinbar so beliebt und bekannt war.
Er ließ seinen Blick durch die verwinkelten Ecken gleiten und nickte anerkennend mit dem Kopf. Ja, schlecht sah es hier wirklich nicht aus.
Mit dem Ziel, sich ein Bier zu bestellen, ging er Richtung Theke. Er wollte sich auf einen der Barhocker setzen und einfach abwarten. Vielleicht sah er sie ja, vielleicht auch nicht.
Wieso war er überhaupt hier? Was trieb ihn an?
Vielleicht wollte er einfach herausfinden, ob Lina außerhalb der Schulzeit ebenso abweisend war. Oder wollte er sie einfach nur ärgern? Es war offensichtlich, dass sie irgendein Problem mit ihm hatte – wenn er nun etwas zu trinken bei ihr bestellte, musste sie doch schließlich auf ihn reagieren!
Er schüttelte den Kopf. Scheinbar war sein Ego wirklich mächtig angekratzt, wenn es ihn dermaßen beschäftigte, dass die kleine, zierliche Blondine ihn so behandelte.
Er setzte sich gerade, als sie um die Ecke geeilt kam. Mit beiden Händen balancierte sie das Tablett in der Hand und sah dabei sogar ziemlich elegant aus.
In schwarz und rot. Sie sah gut aus.
Ihr Blick wirkte konzentriert, doch gleichzeitig schien sie so entspannt, wie er sie in der Schule noch nicht erlebt hatte.
Was ihn ehrlich verblüffte.
Sie verschwand in der Menge. Eric blieb nicht verborgen, dass der ein oder andere Männerblick sie verfolgte. Aus undefinierbaren Gründen ärgerte es ihn.
Verschiedene Kellnerinnen steuerten auf ihn zu, doch er winkte alle ab. Erst, als Lina wenige Momente später wiederkam, richtete er sich auf.
„Hey, hallo Lina!“, rief er laut in ihre Richtung.
Ihr Kopf schoss hoch und er sah, wie sie erschrak. Schon verhärtete die mittlerweile allzu bekannte Anspannung ihre Züge. „Hi.“ Sie wollte an ihm vorbei gehen.
„Ich würde gerne etwas bestellen.“, beeilte Eric sich zu sagen.
„Hier sind noch ungefähr hundert andere Kellner. Ich habe zu tun.“
„Ich möchte aber bei dir bestellen.“ Als sie endgültig weitergehen wollte, hielt er sie am Arm fest.
Was, wie er sofort bemerkte, ein großer Fehler war.
Sie erstarrte augenblicklich. Ihre Augen verdunkelten sich und langsam senkte sich ihr Blick auf seine Hand – unendlich langsam. Er ließ sofort wieder los.
„Was willst Du?“, knurrte sie ihn an.
„Ein… Bier. Bitte.“ Diese Reaktion hatte ihn völlig überrumpelt.
Erst, als sie an ihm vorbeigerauscht war, wurde ihm bewusst, wie doppeldeutig ihre Frage gewesen war.
Ja, was wollte er eigentlich von ihr?

„Was ist denn mit diesem Typ los? Meint er, das von dir gebrachte Bier schmeckt besser als unseres?“ Die kleine, schwarzhaarige Susanna, von allen Susi genannt, zwinkerte ihr fröhlich zu.
Lina seufzte. „Ich weiß auch nicht, was das soll.“
Sie standen am anderen Ende der langen Theke und gaben ihre Bestellungen auf. Gereizt betrachtete Lina Eric aus dem Augenwinkel. Gerade schien ihn die Beschaffenheit der Theke sehr zu interessieren.
„Kennst Du ihn irgendwo her?“
„Ja. Nein. Ja…“ Lina fuhr sich durch ihre Haare. Ungewollt plauderte sie los. „Er ist neu bei mir im Jahrgang. Eine ziemliche Nervensäge, wenn du mich fragst. Und vor allem gefragt bei den Mädels. Ständig hat er welche um sich. Man sollte meinen, dass es nicht weiter tragisch ist, wenn ich nichts mit ihm zu tun haben will…“
„Soso, du willst nichts mit ihm zu tun haben? Dabei ist er doch eine wirkliche Sahneschnitte!“
Lina betrachtete sie eisig. „Ich brauche einfach keinen Kontakt zu ihm. Punkt.“
Susi Augen blitzen belustigt auf. „Wahrscheinlich ist es gerade das. Es stört ihn, dass du von seinem Charme unberührt bleibst.“ Sie lachte. „Man glaubt es kaum. Die kühle Lina und der Schönling. Stoff für eine Schnulze.“
Lina boxte ihr in die Seite und nahm ihre Bestellung entgegen – ein einzelnes Bier und mehrere, farbenfrohe Cocktails. Sie bemühte sich um ein möglichst neutrales Gesicht und mischte sich wieder in das dämmrige Getümmel. Ihre Gedanken kreisten allerdings um Susis Worte.
Was, wenn sie Recht hat? Die Alternative – ihm gegenüber offener zu werden – kam jedenfalls nicht in Frage, weshalb die Frage nach dem „wenn“ müßig war. Dann störte es ihn halt, dass sie ihn offensichtlich nicht so anschmachtete wie die ganzen anderen, oberflächlichen, hirnlosen Mädchen ihres Jahrgangs. Na und?
Lina runzelte die Stirn. Du denkst schon wieder viel zu negativ, reiß dich zusammen!, maßregelte sie sich, als sie nur noch wenige Schritte von Eric entfernt das Tablett zwischen den vielen Gästen hindurchbalancierte.
Als sie neben ihm auftauchte um ihm sein Bier zu geben, erwartete er sie schon.
„Bitte schön, dein Bier, exklusiv von mir gebracht.“ Mit diesen spitzen Worten und einem schmalen Lächeln stellte sie das Glas vor seiner Nase ab. Ihm blieb nicht mehr die Zeit, sich zu bedanken, schon war sie in der Menge verschwunden, und diesmal war es Eric, der die Stirn runzelte.

Der Abend verging wie gewöhnlich schnell und Lina blieb nicht mehr viel Zeit, sich mit Susi über den unbekannten Schönen auszutauschen – den, wie Lina erbost feststellen musste, ihre Kollegin ebenso anschmachtete wie der Rest ihrer Mitschülerinnen. Immerhin konnte sie so die Verantwortung für diesen unerwünschten Gast abgegeben und näherte sich ihm nicht mehr.
Umso entnervter war sie, als er, kurz vor ihrem Schichtende, immer noch alleine auf seinem Barhocker an der Theke saß, mittlerweile mit leicht geröteten Wangen, und die verschiedenen Versuche anderer Gäste, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, ignorierte.
Sie hatte das Gefühl, dass er auf sie wartete – Mein Gott, leide ich unter Verfolgungswahn? – und verstand einfach nicht wieso. Und, um ehrlich zu sein, verunsicherte es sie auch ein wenig.
Um ein Uhr verschwand sie in dem kleinen Personalraum, um sich umzuziehen und ihre Tasche aus ihrem Schließfach zu holen. Dankbar, dass Susi nicht in ihrer Nähe war, um weitere Sticheleien von sich zu geben, verließ sie das „Zeitlos“ durch den Hintereingang. Kühle Nachtluft empfing sie und streichelte ihre von einer leichten Schweißschicht bedeckten Haut. In ihrer vorderen Jeanstasche spürte sie das Gewicht des heutigen Trinkgeldes, knapp vierzig Euro, und entspannte sich das erste Mal wieder, seit Eric den Laden betreten hatte.
Das Geld würde Zuhause sofort in ihrem Sparschwein landen. Vierzig Euro näher an ihrer Zukunft. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie das Fahrradschloss löste und sich auf den Sattel schwang, um den Heimweg anzutreten.
Sie sah nicht, wie Eric den Laden verließ und ihr gedankenverloren hinterher schaute.
Je näher Lina der Wohnung kam, desto schwerer wurde ihr Herz. Der Freitag war geschafft, doch nun stand ein gähnend langes Wochenende vor ihr. Ein Wochenende, das sie so wenig wie möglich Zuhause verbringen wollte. Musste. Was hielt sie dort auch schon fest?

Es war dunkel. Sie lief durch einen langen Flur, hörte wie ihre klatschenden Füße von den Wänden widerhallten, doppelt und dreifach. Überall und nirgendwoher kamen die Geräusche, die vielen Schritte, das Keuchen aus ihrem Mund, das Seufzen der nachgebenden Spinnenweben die zerrissen.
Das Stöhnen. Sein Stöhnen.
Mit vor Entsetzen starrem Herzen lief sie immer weiter und weiter. Er kam näher, sie spürte es, und obwohl jede Faser ihres Körpers nach Erlösung schrie und sie merkte, wie sich ein erster Hauch von Müdigkeit in ihre Glieder schlich, trieb sie sich weiter an, peitsche ihren Körper vorwärts.
Sein Atem lag klebrig feucht in ihrem Nacken.
Du entkommst mir nicht“, knurrte er in ihr Ohr, „Niemals.“
Ihre Pupillen weiteten sich. Panik breitete sich in ihrem Magen aus wie Blei, als sie merkte, dass er noch viel näher war, als sie gedacht hatte. Wenige Herzschläge noch, und er würde nach ihr greifen.
Pok, pok, pok.
Ihre Knie wurden weicher.
Pok, pok.
Sie spürte, wie sie ins Straucheln kam.
Pok.
Eine feste Hand griff nach ihr. Brachte sie zu Fall.

Schreiend richtete sie sich in ihrem Bett auf. Doch die Hand lag noch immer fest über ihrem Mund. Sie spürte heißen Atem auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht. Hände krallten sich fest.
Er war da.
„Hallo Baby, hast Du mich schon vermisst?“, fragte die alkoholgetränkte Stimme, während lieblose Finger nach ihrer Brust griffen, drückten, pressten.
Die Matratze quietschte unter dem zusätzlichen Gewicht.
Lina schloss die Augen, fühlte sich ganz leicht, als schwebe sie über dem Geschehen.
Als schwebe sie davon.

****************************************************************

Advertisements

Hast du eine Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s