Schlaflosigkeit

Wenn man nachts wach liegt, die Welt um einen herum im tiefen Schlaf versunken und man selbst ohne Zutritt ins Reich der Träume, hat der Kopf viel Zeit, Gedanken in unterschiedlichste Richtungen wandern zu lassen.

Ich finde Schlaflosigkeit wirklich grausam. Kennen tut es vermutlich jeder – wer hat nicht schon einmal wach gelegen, belastet oder aufgewühlt von den Ereignissen des Tages, aufgekratzt oder nicht ausgelastet genug. Mit purer Willenskraft versucht man, sich zu entspannen. Man schließt seine Augen, hält sie zugekniffen in der Dunkelheit, weil es heißt, dass man dann schneller einschläft. Oder man zählt Schäfchen, im wahren oder übertragenen Sinne.

Oftmals hat man solche Phasen für eine kurze Zeit, man schlägt sich durch die Erschöpfungen des Tages, die so viel größer erscheinen, wenn einem der erholsame Nachtschlaf nicht erlaubt ist, aber wenn die aktuelle Belastung bzw. der Grund für die Schlaflosigkeit sich aufgelöst haben, lösen sich auch besagte Störungen in Wohlgefallen auf.

Ich selber hatte solche Phasen ebenfalls schon. Am schlimmsten war es zu meiner Abiturzeit, als ich in die mündliche Nachprüfung musste. Die Wochen davor habe ich panisch so viel gelernt, dass ich keine Zeit mehr zum Schlafen hatte. Nicht, dass es meinem Notenschnitt geschadet hatte, wohl aber meinem Ehrgeiz, weshalb ich eine Schüppe draufgelegt und unbewusst mein Vermögen zum Schlafen heruntergeschraubt hatte.

Und als die Prüfung vorbei war, fiel ich in einen erholsamen Schlaf der Erleichterung.

Doch was ist, wenn diese Erleichterung ausbleibt? Weil die Störungen tiefergehender sind, weil  die Ursache nicht einfach so aufzudecken und wegzuzaubern ist?
Sagen wir – was ist, wenn die Schlafstörungen schon 6 Monate anhalten?
Seit einiger Zeit fällt es mir schwer, nachts einzuschlafen. Und wenn ich schlafe, dann oscarreif. Ich denke, ich könnte vielen Regisseuren interessanten Stoff für Thriller und dergleichen liefern. Ich habe aufgegeben über die wahre Bedeutung dieser Träume nachzudenken, denn sie erschließt sich mir so oder so nicht.

Doch wenn ich entscheiden muss zwischen diesen Träumen und dem Nicht-Schlafen, erscheint das Nicht-Schlafen manchmal doch als die bessere Lösung.

Heute Nacht war dann mein absoluter Tiefpunkt. Um 6:30 Uhr habe ich versucht, endlich doch ein wenig Schlaf zu finden, nicht zum ersten Mal in dieser Nacht, aber zum ersten Mal erfolgreich. Und um kurz vor elf war ich wieder wach. Erstaunlicherweise bleibt heute das matschige Gefühl aus, auch wenn ich nicht behaupten kann, heute zu wahren Kraftakten in der Lage zu sein. Immerhin war Fensterputzen drin. Für gewöhnlich stolpere ich nämlich nach solchen Nächten wie ein Zombie durch die Gegend, und das meine ich wortwörtlich. Ich stolpere und ich sehe aus wie ein Zombie, nur nicht so blutig, vielleicht aber ein bisschen verzweifelt und manisch. Einzig meine Empfindlichkeit der Augen ist da, was es mir schwer macht, das schöne Wetter draußen zu genießen, leider Gottes.
An die Schatten unter den Augen habe ich mich gewöhnt; nie war ich zu so etwas veranlagt, doch jetzt sind sie ein Teil von mir geworden. Und die kleine Entzündung am Auge, die nach besonders schlechten Nächten immer wieder aufflammt, ist eben auch mit mir verwachsen.

Ich weiß nicht, ob ich mich so langsam daran gewöhne, an diesen anderen Rhythmus, der mir oftmals physische Schmerzen in sämtlichen Körperregionen zufügt, da ich nun einmal nicht jeden Tag bis mittags schlafen kann und der Schlafmangel sich dann unschön in mein Bewusstsein zwängt. Ist es die radikale Akzeptanz, die von mir verlangt, mich dem verkorksten Schlafen anzupassen, mein Leben anzupassen, zu akzeptieren, dass ich nun wortwörtlich eine Nachteule bin? Sicherlich hat die Ruhe der Nacht ihren ganz eigenen Zauber, wenn man glaubt, ganz alleine auf der Welt zu sein, insbesondere in der Zeit zwischen vier und fünf Uhr morgens. Man spielt Ping Pong mit den Gedanken im Kopf, liest leise vor sich hin (ein Hoch auf die Technik der beleuchteten Ebook-Reader) oder lauscht in sich hinein, lauscht dem eigenen Herzschlag, dem pulsierenden Blut im Kreislauf, der eigenen Seele, die leise klagend durch die Hallen des Körpers eilt und den Umstand bejammert. Wach neben dem eigenen Freund, dessen regelmäßiges Schnarchen die einzige Klinge in der meterdicken Stille ist, in der Lage, zumindest kleine Löcher in den Kokon zu ritzen, der einen sonst vom Rest der Welt abschirmt.

Heute Nacht kam mir plötzlich ein Gedanke, der Gedanke, der mich schlussendlich auch dazu motivierte, diesen Eintrag zu schreiben, der viel mehr persönliche Einblicke erhält, als ich sie eigentlich zu geben bereit bin.  Während ich so dalag, hin- und hergerissen zwischen den Fragen, ob ich einfach das Kapitel Nacht überschlagen und aufstehen oder ob ich weiterhin versuchen sollte, wenigstens einen kurzen Einblick in die Schlafwelt zu erhaschen, überraschte er mich. In völliger Klarheit schoss er mir durch den Kopf, als hätte er ein Eigenleben, wäre lebendig und eigenständig.

Die Nacht kann tiefe Gräben reißen zwischen den Schlafenden und den Nichtschlafenden, sie lässt eine eigene Welt entstehen, mit straffen Grenzen und wenig Freiraum für die, die hinaus möchten.

Der Gedanke ist sicherlich nicht neu auf der Welt, er ist nicht bahnbrechend oder hilfreich, aber irgendwie ist er wahr. Ich lebe nachts in meiner ganz eigenen Welt, nur sehr schwer kann ich mich daraus lösen. Und scheinbar ist auch diese Welt schuld an dem Kommunikationsproblem mit außen – denn auch wenn ich die vielen gut gemeinten Ratschläge schätze, das Mitgefühl meiner Freunde, irgendwie ist es doch so, dass es nicht nachvollziehbar ist für diejenigen, die dieses Problem nicht kennen. Denn tatsächlich, eine heiße Milch mit Honig hilft mir nicht. Es ist mein Kopf, der nicht abschaltet, da kann ich physisch noch so müde sein. Und mein Kopf ist nicht dumm, er kennt all diese Tricks, mit denen man sich einen Schnellzugang in die Traumwelt erschleichen kann, und hebelt sie kurzerhand aus, einfach so. Das ist kein Vorwurf, das ist nur meine Botschaft: es ist unerklärbar und schwer zu händeln, aber danke für eure Bemühungen!

Also doch Akzeptanz? Mache ich es mir also gemütlich auf meinem Fleckchen Einsamkeit, in meinem Kokon, umschlossen von tiefen Gräben, bis etwas in mir Klick macht und ich zu den anderen gleiten kann, in eine Traumwelt die mir nicht mehr so glanzvoll erscheint wie einst?

In den letzten Tagen und Wochen habe ich vermehrt von Menschen gehört, die ähnliche Probleme haben. Irgendwie tut es gut zu wissen, nicht ganz alleine da zu stehen, mit diesem auf Dauer doch zermürbenden Gefühl, dass da etwas schief läuft. Und vielleicht gibt es ja doch irgendwo den universellen Trick, wie man seinen Kopf ausknocken kann. Ich habe ihn mir noch nicht erschlossen. Etwa jemand von euch? Gerne dürft ihr mir mitteilen, was ihr in solchen Situationen macht, ob ihr sowas kennt, denn auch wenn die gängigen Tricks mir nicht helfen (vorneweg die Schäfchen, die sich einfach wehren, über den Zaun zu springen und anfangen mit mir zu diskutieren, warum ich so einen Mist von ihnen verlange), ich bin doch stets bereit, neues auszuprobieren. Denn eigentlich schlafe ich ja gerne.

Ich möchte auch nicht, dass ihr voller Mitleid erstarrt und glaubt, dass ich eure Aufmerksamkeit erhaschen will.  Vielleicht möchte ich euch einfach zeigen: Es gibt  Probleme, die im Schleier der Dunkelheit verschwinden, scheinbare Einzelschicksale, die vom Kokon der Nacht erstickt werden. Doch obwohl jeder auf seiner kleinen Insel irgendwie einsam ist – es gibt genug andere Menschen dort draußen, die ebenso wach liegen, wie erstarrt unter der Last der Gedanken. Irgendwie finde ich diesen Gedanken tröstlich. Denn er schlägt Brücken über Gräben, die tiefer erscheinen als man glaubt, ritzt weitere Löcher in die Stille, und macht alles vielleicht ein bisschen erträglicher – für den Moment.

Puh. Das war jetzt ganz schön harter Tobak, nicht wahr? Doch ich kann nicht abstreiten, dass es mir gut tat, diese Gedanken von der Seele zu schreiben, es hat etwas heilsames, einfach mal in die Welt zu rufen, was mich Nacht für Nacht wach hält, ohne genau sagen zu können warum und wie. Wenn ihr es bis hierhin ausgehalten habt: Danke. Danke fürs Zuhören und vielleicht sogar verstehen. Ich hoffe von Herzen, dass ihr diese Schlafprobleme nicht habt.

Habt einen wunderschönen, frühlingshaften Start in die Woche!

Eure Emma

 

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4 Gedanken zu „Schlaflosigkeit

  1. Wow das könnte auch meine nächtliche Schlafproblematik sein, von der du da schreibst.Ich leide auch seit einem Jahr darunter. Ich verbringe die meisten Nächte damit, meinen Stapel ungelesener Bücher zu vernichten. Ich bin auch am nächsten Tag wie ein Zombie und vegetiere so vor mich hin. Aber ich habe mich damit abgefunden, auch wenn sich dadurch mein ganzes Leben verändert hat.
    Ab und an, wenn es all zu schlimm wird, greife ich zu einer stärkeren Schlaftablette, damit ich wenigstens einmal in den Genuss, einer durch schlafenden Nacht komme.
    Wünsche dir weiterhin, dass du die Hoffnung nicht verlierst, auch wenns schwer fällt. Liebe Grüße Petra

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Petra,
      danke dass du dich dazu äußerst!
      Auch wenn es mir Leid tut zu hören, dass es dir so schlecht geht, es ist schon tröstlich zu wissen, dass man nicht alleine da steht. Komisch, oder? Ein Jahr, sagst du? Oh je, eine sehr lange Zeit… Ich nehme auch, wenn es besonders schlimm wird, eine Tablette, aber nur alle paar Nächte, da ich mich nicht zu sehr daran gewöhnen möchte. Ein Teufelskreis… Erst heute Nacht lag ich im Bett und habe die Zeit zurück gesehnt, als ich mich einfach ins Bett legen und einschlafen konnte. Ich habe immer schon länger dafür gebraucht, aber so extrem..
      Na ja. Jedenfalls danke für deine Worte – und dir natürlich auch alles Gute und ausreichend Kraft, diese Zeit durchzustehen!
      Ganz liebe Grüße,
      Emma

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