Klartext

Hallo meine Lieben!

Ich sitze gerade an der Uni, in der Bibliothek um genau zu sein. Zwar dauert es noch ein bisschen, bis mein Studium tatsächlich losgeht, doch da mein Freund sowieso heute hier lernen wollte, dachte ich, dass ich ihn genauso gut begleiten kann.

Schonmal ein bisschen Uniluft schnuppern, sozusagen.

Mein erstes Studium habe ich an einer kleinen Hochschule absolviert, die im Vergleich zur Uni wie eine kuschelige Familie wirkt. Alles klein und geborgen und jeder kennt irgendwie jeden. Die Fülle an Gebäuden, die vielen Gesichter und die enorme Größe des Unigeländes erscheinen mir im Vergleich zur Hochschule wirklich überwältigend. Umso besser, wenn ich schon früh Orientierung gewinne, dann irre ich nicht so planlos rum, wenn es soweit ist. Glaubt mir, für gewöhnlich bin ich so orientierungslos wie ein Stück Brot.

Ich sitze also hier und nutze die beruhigende Anwesenheit so vieler Bücher, um mich ganz auf mein Schreiben zu konzentrieren. Aktuell beschäftige ich mich sehr viel mit der Überarbeitung des Lina-Manuskriptes, denn mein Termin Ende Mai, den ich mir als Veröffentlichungstermin gesetzt habe, rückt unaufhörlich näher. Die ersten Überarbeitungen habe ich bereits vorgenommen, da ich eine gute Korrektur einer ersten Testleserin erhalten habe. Die Fortsetzung, die ich heute veröffentliche, beinhaltet bereits einige Überarbeitungen und ist wesentlich länger als ursprünglich gedacht. Leider ändert sie nichts an der nach wie vor eher angespannten Situation zwischen Lina und Eric – oder, wenn man es so will, zwischen Lina und dem Leben. Ich selber bekomme nach wie vor einen Kloß im Hals, wenn ich die Zeilen lese, und kann eigentlich immer wieder nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich bedenke, dass all die Worte ja meiner ureigenen Fantasie entsprungen sind. Doch es ist eben keine fantastische Erzählung, sondern sehr realitätsnah, was den Bezug zur Wirklichkeit irgendwie noch enger macht.

Ich hoffe, dass ihr das Gelesene verdauen könnt. Aber eigentlich dürfte das kein Problem sein, denn ihr habt schon wesentlich schlimmeres von mir vor die Nase gesetzt bekommen und wenn ihr bis hierhin noch dabei seid, werdet ihr es auch weiter schaffen. Und wir nähern uns unaufhörtlich dem „Finale“…

Viel Spaß beim Lesen, meine Lieben. Bleibt aufmerksam und schaut auf Facebook vorbei, denn bald habe ich dort die 1000er Marke geknackt und dann werde ich ein größeres Gewinnspiel veranstalten!

Fühlt euch lieb gegrüßt,

eure Emma

*********************

– Sechzehn –

Die Tage vergingen, und nach und nach gewann Lina ihre Kräfte zurück. Sie fand immer mehr Gefallen daran, Sticheleien mit Eric auszutauschen. Dieser gewann zunehmend den Eindruck, dass sich ein herrliches Gefühl von Routine, ja, man konnte sogar sagen Vertrauen, zwischen ihnen entwickelte. So langsam schien Lina sich wohl und nicht mehr nur fehl am Platze zu fühlen.
Dennoch, das Gespräch an jenem Abend, dieses ernste, bedrohliche Thema, schien immer irgendwie zwischen ihnen zu stehen, und jedes Mal, wenn Eric ihr einen ernsten Blick zuwarf, zuckte Lina zusammen, wappnete sich innerlich für ein weiteres aufreibendes Gespräch. Doch obwohl sie manches Mal den Eindruck hatte, als würde Eric das Thema ansprechen wollen, hüllte er sich letzten Endes immer in ein grübelndes Schweigen. Genug angerichtet hatte er ohnehin schon, denn wenn sie nachts wach lag, dachte sie immer wieder über seine Worte nach.
Er darf nicht ungeschoren davonkommen. Er muss bestraft werden.
Doch die Vorstellung, Ihm noch einmal gegenüber zu treten, zumindest in naher Zukunft, raubte ihr den Atem und legte ein enges, eisernes Band um ihre Brust. Der Gedanke, auch nur ein weiteres Mal in dieses grausame Gesicht blicken zu müssen, jagte ihr eine höllische Angst ein. Je länger sie von Zuhause weg war, desto abstruser kam es ihr vor, dass sie es so lange ausgehalten hatte, ohne wie ein zu sehr gespanntes Gummiband einfach durchzuschnappen. Immer wieder kamen Erinnerungen an vergangene Zeiten hoch, die sie aus unruhigen Träumen schreiend aufwachen ließen oder einen friedlichen Schlaf zur Gänze verhinderten. Sie wagte es kaum, das Haus zu verlassen, aus Angst vor unliebsamen Begegnungen. Zum Glück konnte sie ihre Verletzungen vorschieben, die ihr die Sicherheit des Hauses garantierten.
Lina ahnte nicht, dass Eric manches Mal genauso wach lag wie sie und mit sehr ähnlichen Gedanken kämpfte. Er fühlte sich schlecht, weil er noch immer nichts getan hatte. Alles in ihm schrie danach, eigenhändig zur Polizei zu gehen, doch er wusste, wie fragil Lina war, ganz abgesehen von der Beziehung zwischen ihnen. Nach ihrer Reaktion an jenem Abend war er sich sicher, dass eine solche Tat einen unwiderruflichen Riss in ihr Vertrauen treiben würde – und das war momentan das Letzte, was er wollte. Also quälte er sich mit seinem schlechten Gefühl, versuchte sich jedoch immer wieder damit zu beruhigen, dass er das Thema früh genug wieder ansprechen würde. Aller-, allerspätestens nach den Prüfungen.

Die erste Zeit fiel es Lina schwer, überhaupt das Zimmer zu verlassen, wenn sie wusste, dass Erics Eltern da waren. Sie hatte Angst vor einer Konfrontation, fürchtete nagende Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Zwar hatte Eric ihr versprochen, ihnen nichts zu erzählen, doch seine Eltern waren nicht dumm und Lina war sich sicher, dass sie sich ihre eigene Geschichte zusammen gereimt hatten. Sie wollte nicht unhöflich erscheinen, da sie ja immerhin ein Gast der Jansens war, weshalb sie schließlich all ihren Mut zusammenkratzte und eine der vielen Einladungen, gemeinsam einen Fernsehabend zu machen, annahm.
Am Anfang lähmte sie die Besorgnis, die förmlich aus Evas Augen überquoll. Sie las unzählige Fragen, die Erics Mutter zwar nie aussprach, die aber dennoch zwischen ihnen im Raum schwebten. Doch als Eva kein Wort von sich gab und sie so wie immer behandelte – vielleicht noch eine Spur fürsorglicher als sonst – begann Lina sich schließlich zu entspannen. Sie aßen Chips und guckten irgendeine Komödie, die für eine lockere, entspannte Atmosphäre sorgte.
Als irgendwann Eric und sein Vater kurz den Raum verließen, um für neue Getränke zu sorgen, räusperte Eva sich schließlich doch. „Hör zu, Liebes.“ Sie warf ihr einen eindringlichen Blick zu und hob beruhigend ihre Hand. „Ich möchte dich gar nicht dazu zwingen, mir zu erzählen, was vorgefallen ist. Aber ich bin immer da, wenn du jemanden zum Reden brauchst, okay? Ich mag dich wirklich gerne und ich möchte, dass du mir vertraust. Aber alles in deinem Tempo, ich will dich nicht unter Druck setzen.“
Linas Augen brannten, als diese warmen Worte ihre Seele umschmeichelten. Fast, aber nur fast wäre alles aus ihr herausgeplatzt, denn Eva hatte einen ganz sensiblen Punkt in ihr getroffen: Sie war ihr mit einer mütterlichen Fürsorge begegnet, die Lina lange Jahre nicht mehr erlebt hatte. Ihr Herz blutete förmlich bei dem Gedanken, Eva so vieles zu verschweigen, doch für den Moment konnte sie die Worte einfach nicht über die Lippen bringen. Langsam nickte sie und brachte ein wässriges Lächeln zustande.
Eva schob ihre Hand auf Linas verkrampfte Fäuste, warme, weiche Haut traf auf eiskalte. „Ich bin froh, dass du hier bist.“
Genau in dem Moment kamen die Männer wieder und ersparten Lina eine Antwort, die sie durch ihre zugeschnürte Kehle nur mühsam hätte hervorbringen können.
Doch ihr Blick sprach Bände.

Die Prüfungen rückten bedrohlich näher, und mit ihnen auch die anstehende Party des letzten offiziellen Schultages. Eric hatte Lina tatsächlich das Versprechen abnehmen können, dass sie ihn dorthin begleitete. Er wusste selber gar nicht so genau, wie er es eigentlich geschafft hatte.
In der Schule selbst verbrachte Eric kaum noch Zeit, während Lina ganz fort blieb. Umso mehr vergrub sie sich hinter ihren Büchern und den Notizen der letzten Jahre. Dabei machte sie es sich meist im Bett bequem. Eric, der sich auf den Zug ihres Fleißes schwang und es ihr gleich tat, saß zunächst noch am Schreibtisch, doch es dauerte nicht lange, bis auch er neben ihr im Bett lag. Lina stellte schnell fest, dass ihr das Lernen viel leichter fiel, wenn sie sich in irgendeiner Weise an ihn kuscheln konnte.
Komisch, stellte sie eines Nachmittages fest, dass mir seine Nähe immer weniger ausmacht. Oder nein, falsch, sie macht mir sogar viel aus, sie tut gut. Ich habe keine Angst davor. Tief in die Kissen gesunken und auf der Seite liegend ließ sie sich gerade ein wenig den Rücken kraulen und hätte schnurren können vor Wonne.
„Warum lächelst du denn so verträumt?“, neckte Eric sie zärtlich.
„An diese Behandlung könnte ich mich dauerhaft gewöhnen“, gab sie schlicht zur Antwort.
Die Nächte waren jedoch nach wie vor eine große Belastung. Nicht selten suchten sie Albträume heim, die sich mit Perioden schlafloser Stunden abwechselten, und es verging kaum ein Morgen, an dem sie sich nicht den Schweiß von ihrem Körper waschen musste.
Es dauerte nicht lange, bis Eric auffiel, dass Linas Schatten unter ihren Augen immer tiefer wurden, anstatt ebenso wie ihre Verletzungen nach und nach zu verschwinden. Am Mittwochabend, zwei Tage vor der Party, fasste er schließlich einen Entschluss.
Lina lag schon bettfertig in den Kissen, ein Buch auf ihrer Brust, als es an ihrer Tür klopfte.
„Ja?“, rief sie verwundert.
„Ich bin’s“, erklärte Eric, und trat herein. Er trug ein Tablett mit dampfenden Tassen und einem Teller voller Kekse bei sich. Linas Aufmerksamkeit richtete sich jedoch mehr auf sein Aussehen. Auch er schien sich schon bettfertig gemacht zu haben. Sein Körper steckte nur mehr in einer Boxershorts und einem lässigen T-Shirt. Die viele Haut machte Lina ganz nervös
(oder eher kribbelig?).
Ein kleiner Klumpen bildete sich in ihrem Magen.
„Ach, du“, brachte sie mühsam hervor.
„Jep. Ich habe uns einen kleinen Schlummertrunk gemacht.“ Eric zwinkerte ihr zu. „Du magst doch heiße Milch mit Honig, oder?“
Linas Hals schnürte sich zu. Wann hatte ihr jemals jemand heiße Milch mit Honig gebracht?
Noch nie.
Da sie nicht in der Lage war zu sprechen, nickte sie nur.
Oh Gott, diese Beine…. Es brachte sie ganz durcheinander zu beobachten, wie die Muskeln seiner Oberschenkel sich spannten, während er näher kam. Lina wusste, dass er viel trainierte, aber die Ergebnisse seiner Anstrengungen so direkt präsentiert zu bekommen – darauf war sie nicht vorbereitet.
Eric war nun am Bett. „Darf ich?“, fragte er, und zeigte auf den leeren Platz neben ihr.
Wieder nickte Lina nur.
Das Tablett auf das Nachttischen stellend, schlüpfte Eric unter die Decke. Lina schob sich hoch, bis sie aufrecht saß.
Mit Sicherheitsabstand.
Eric reichte ihr eine der Tassen und stellte den Teller zwischen sie.
„Schokokekse?“, fragte Lina stirnrunzelnd.
„Na klar, ein kleines Betthupferl.“
„Ich habe aber schon meine Zähne geputzt.“
Ich habe aber schon meine Zähne geputzt? Was erzähle ich für einen Scheiß?
„Wenn das so ist“, erwiderte Eric frech grinsend, „kann ich deine Tasse Milch auch trinken.“
„Nix da“, maulte Lina auf und riss ihre Tasse so schnell weg, dass ein wenig Milch auf ihre Decke schwappte.
„Dann geht auch ein Keks.“ Lachend schob Eric ihr einen in den Mund.
Kauend schloss Lina ihre Finger um das warme Porzellan. Ihr Herz pochte lautstark gegen ihre Rippen. Plötzlich musste sie wieder einmal mühsam Tränen zurückkämpfen.
„Ich dachte mir, du könntest dieses alte Hausmittelchen gebrauchen. In letzter Zeit scheinst du nicht so gut zu schlafen.“
Lina blinzelte ihn an. „Wie kommst du auf die Idee?“
Langsam hob Eric seine linke Hand und strich sanft über die blauen Schatten unter ihren Augen. „Deshalb.“
Die zärtliche Berührung traf Lina bis ins Knochenmark. Ihr wurde bewusst, in was für einer
(intimen)
Situation sie sich befanden, und ihr stockte der Atem.
„Außerdem bin ich hier, um dir zu sagen, dass du immer mit mir reden kannst, wenn du das willst.“
„Reden? Worüber sollten wir reden? Wir reden den ganzen Tag“, erwiderte Lina unsicher – und wusste dabei ganz genau, was er meinte.
Seine Hand sank von ihrem Gesicht über ihre Schulter bis hinunter zu ihrer Hand. Dort verschränkten sich ihre Finger. „Über das, was dich beschäftigt. Das, was dir den Schlaf raubt. Das, worüber du dringend mit jemandem reden musst.“
Und das, schoss es Eric durch den Kopf, wird auch mir nicht leicht fallen zu hören.
„Du meinst, ich brauch einen Seelenklempner. Einen Psychodoc“, ging Lina in die Offensive.
„Nein, das habe ich nicht behauptet“, widersprach Eric ihr sanft. „Ich glaube lediglich, dass du ein Ohr brauchst, damit du endlich einmal die Last, die dich so fertig macht, mit jemandem teilen kannst. Sie nicht mehr alleine tragen musst. Und da ich schon mehr weiß als andere, dachte ich, dass ich für diese Rolle geeignet bin.“
Jetzt konnte Lina die ersten Tränen nicht mehr zurück halten. Seine warme Hand, die Tasse Milch auf ihrem Schoß, und dann diese Aussage, die so schmerzlich genau dem entsprach, was sie in den letzten Monaten immer intensiver empfunden hatte…
… sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, du irrst dich. Ich komme schon klar.“
Eric schnaubte. „Sicher. Die starke, starke Lina.“ Er nahm ihr die Tasse wieder vom Schoß, um sie bei den Schultern zu packen. Sein Ton wurde eindringlich. „Egal, wie tough du dich gibst, mich kannst du nicht täuschen. Von Anfang an nicht. Du bist meine Freundin, meinst du, dann lasse ich zu, dass du immer mehr daran zugrunde gehst?“
Lina fasste sich an den Hals, nicht in der Lage etwas zu sagen. Doch Eric war noch nicht fertig. Nun wurde er endlich das los, was ihm schon lange auf der Zunge lag.
„Für mich ist das auch nicht sonderlich leicht! Zuzusehen, wie dich all diese Dinge beschäftigen, von innen auffressen! Das ist fast noch schlimmer als die blauen Flecken zu sehen! Oder denk doch mal an Marina! Sie weiß ganz genau, dass irgendetwas nicht stimmt, aber da du stets abgeblockt hast, wenn sie etwas herausfinden wollte, stellt sie dir keine Fragen mehr. Stattdessen versucht sie auf ihrer Art, dir zu helfen, indem sie dich ein wenig unter die Leute bringt. Stell dir vor, sie wäre nicht – wer weiß, ob wir jetzt hier so sitzen würden! Denk an den Abend bei Thomas!“
„Was wäre wenn!“, unterbrach Lina seine Vorhaltungen. „Was wäre wenn – was bringen diese Fragen denn außer Kopfweh und Ärger? Das wissen wir nun mal nicht! Das bringt uns nicht weiter! Was wäre, wenn meine Mutter Stefan nicht kennen gelernt hätte?!“ Jetzt brach sie lautstark in Schluchzer aus.
Wortlos zog Eric sie in seine Arme
(und war froh, dass sie es zuließ).
Er sollte ein schlechtes Gewissen haben, doch vor allem spürte er Erleichterung. Endlich hatte er ihren Gefühlspanzer genügend durchdrungen, um einen Ausbruch zu erleben. Einen Ausbruch, der dringend nötig gewesen war. Dennoch berührte ihn ihr lautes Schluchzen unangenehm.
„Denk doch mal nach, Lina! Ich will dir doch nur helfen! Ich will dich verstehen, und ich will, dass du dich deiner Vergangenheit stellst! Du musst einsehen, dass du nicht mehr alleine bist und aufhören, eine Rolle zu spielen! Es ist nur zu deinem, zu unserem Besten!“
Linas anfänglicher Widerstand gegen seine Nähe ließ nach, und Eric spürte, wie ihre Tränen sein T-Shirt durchnässten.
„Lina.“ Widerstrebend zog er sie langsam zu sich hoch, bis er ihr in die Augen schauen konnte. Der Blick in ihre großen, grünen, rotumränderten Augen traf ihn tief im Herzen. „Stefan hat noch immer Einfluss auf dich, egal, wie weit entfernt er ist. Er steht im Grunde immer zwischen dir und einem normalen Leben. Egal was ist, immer hast du das Gefühl, dich und deine Erlebnisse vor allen verstecken zu müssen. Das macht dich nicht nur fertig, es deckt das Schwein auch noch! Wie soll er denn jemals gerade stehen für das, was er dir angetan hat, wenn es nie jemand erfahren wird? Wenn du nicht darüber redest?“
Lina schniefte, frische Tränen bahnten sich ihren Weg. Da war es wieder, das Thema. Doch sie wich seinem Blick nicht aus. „Also bin ich doch selber schuld, hm?“
„Das habe ich damit nicht sagen wollen“, widersprach Eric ihr heftig, obwohl ihm klar war, dass es durchaus so geklungen hatte.
Lina seufzte auf, ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken. „Du hast ja recht“, flüsterte sie leise, kaum hörbar. „Aber ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“ In ihrem Kopf drehte sich alles. Wie nur sollte sie über all das reden, was ihr in den letzten Jahren geschehen war, wenn sie sich ihr eisernes Schweigen schon so sehr antrainiert hatte? Jahrelange Übung hatte ihre Stimmbänder erstarren lassen, wenn es um dieses Thema ging. Und jetzt einfach so losplaudern? Neben all diesen Gedanken spürte Lina aber auch ein klein wenig Wut in sich köcheln. Darüber, dass Eric sie einfach so überrumpelt hatte. In einem Moment kam er zur Tür rein, um ihr mit Milch und Schokokeksen einen angenehmen Abend zu verschaffen… und im nächsten Moment das!
Diese Wut war es vermutlich auch, die sie nicht wieder in ihr Schneckenhaus zurückkriechen ließ. „Du stellst dir das wohl sehr einfach vor!“, murmelte sie vorwurfsvoll.
„Ganz und gar nicht!“ Eric rückte ein Stück von ihr ab. „Gerade deshalb versuche ich ja, dich zum Reden zu bringen!“ Seufzend reichte er ihr die Tasse, die noch immer leicht dampfte. „Hier, trink einen Schluck.“ Wieder streichelte er ihr Gesicht. „Ach Lina. Ich hab dich wirklich, wirklich gern. Ich möchte doch nur, dass es dir irgendwie besser geht!“
Linas wenige Wut verpuffte. Wieder fühlte sie sich niedergeschlagen.
Eine Zeitlang saßen sie einfach nur da. Fieberhaft überlegte Eric, was er sagen konnte, um Lina zum Reden zu bringen, doch ihm fehlten die geeigneten Worte. Bereuen konnte er jedoch trotzdem nicht, dass er sie darauf angesprochen hatte. Eric entschied sich dazu, einfach zu schweigen, da er der Meinung war, schon viel zu viel gesagt zu haben. Wenn sie reden will, wird sie schon irgendwann damit anfangen.
Die Minuten vergingen. Um nicht doch der Versuchung zu erliegen, einfach loszuplappern, zählte Eric die Streifen auf der bunten Bettwäsche.
Schließlich behielt er Recht.
„Wenn man so viele Jahre damit gelebt hat, arrangiert man sich irgendwann damit. Ich kenne es ja schließlich gar nicht anders!“, platzte es aus Lina heraus, und es klang sehr nach einer Verteidigung.
„Ich verstehe nicht, wie man sich mit so etwas arrangieren kann“, stellte Eric leise fest.
Lina erstarrte kaum merklich. Ist doch klar, dass er mich nicht verstehen kann! Wie auch? Keiner kann das! Es ist schlimm genug, dass er überhaupt auch nur irgendetwas weiß…
Halt! Lina bremste sich. Es war reichlich unfair, so über Eric zu denken. Er hatte wirklich viel für sie getan in den letzten Tagen und Wochen. Und sein Vorschlag zu reden war auch nur eines von vielen anderen Hilfsangeboten. Sie konnte sich vorstellen, dass es für Eric nicht leicht werden würde, sich all die Dinge anzuhören, um die er sie bat, sie auszusprechen. Sie hatte gesehen, wie ihn die Erkenntnis, dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, seitdem sie sieben Jahre alt war, mitgenommen hatte. Was würden dann erst die vielen kleinen
(oder riesig großen, je nach Perspektive)
Details in ihm auslösen? Sie konnte sich noch gut daran erinnern, mit welch mörderischer Wut er darauf reagiert hatte, als Stefan sie im Krankenhaus aufgesucht hatte…
Irgendwie wärmte dieser Gedanke sie wieder ein wenig, und sie fasste erneut Mut. „Ich kann verstehen, dass dir der Gedanke fremd ist. Aber du hast es ja auch nicht erlebt. Versuch dich mal in mich reinzuversetzen. Die einzige Familie, die du hast-“
„Familie!“, knurrte Eric.
Lina überging den Kommentar. „Die einzige Familie, die du hast, behandelt dich schlecht. Du weißt genau, dass da etwas nicht stimmt. Andererseits wird dir von deinem Stiefvater eingebläut, dass das vollkommen normal ist zwischen Vater und Tochter, dass das ab einem bestimmten Alter nun mal passiert. Trotzdem sollst du auf gar keinen Fall darüber reden – sonst passiert etwas ganz schlimmes.“ Kurz stockte sie. „Etwas noch viel schlimmeres…“
Eric knirschte mit den Zähnen, so anstrengend war es, sie nicht wieder zu unterbrechen. Auch wenn er froh sein konnte, dass sie nun endlich darüber redete… dieser fast schon gleichgültige Ton, in dem sie davon berichtete, als wäre es etwas normales, bereitete ihm Übelkeit.
„Ich bin jetzt 18. Das sind also schon elf Jahre. Elf lange Jahre, in denen man das Ganze mitmacht, weil man nicht glaubt, dass man eine andere Wahl hat. Der Anfang war die Hölle, und jetzt ist es wieder zur Hölle geworden. Zwischendurch gab es Zeiten, da konnte ich es fast schon verdrängen. Zumindest bis zum nächsten nächtlichen Besuch-“ Ihre Stimme zitterte plötzlich so stark, dass sie nicht mehr weiterreden konnte. Eric zog sie noch fester in seinen Arm. Er war ganz blass um die Nase geworden. Nun bildeten sich erste rote hektische Flecken in seinem Gesicht. Seine Stimme bebte vor Wut und Mitleid. „Ich lasse nicht zu, dass er dich auch nur noch ein einziges Mal berührt! Und wenn das bedeutet, dass ich Tag und Nacht bei dir sein werde. Das ist mir egal!“
Lina lächelte schwach. „Versprich mir nichts, was du nicht halten kannst.“
Eric wollte ihr widersprechen, doch das ließ sie nicht zu. „Du bist noch jung, Eric. Du hast noch so vieles vor dir. Woher willst du wissen, wo du in einem Jahr um diese Zeit bist? Wo du in einem halben Jahr bist? Du stehst an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Du kannst dich doch gar nicht so sehr an mich binden.“
„Und was ist mit dir? Du tust ja gerade so, als würde das Ganze nur für mich gelten, klingst, als wärst du schon alt! Aber du hast jetzt auch bald dein Abitur! Und es wäre eine Schande, wenn du nicht studieren würdest, bei deinen Noten! Wir könnten uns an derselben Uni bewerben, was hältst du davon? Du Psychologie, ich Jura!“
Lina schüttelte sanft den Kopf. Eric spürte die Bewegung an seiner Brust mehr, als dass er sie sah. „Aber wieso nicht? Ich verstehe das nicht, Lina. Du willst doch Psychologie studieren! Du bist volljährig, und nichts hält dich Zuhause!“
Ein leises „Er“, erklang aus seinen Armen.
„Du darfst einfach nicht mehr zu lassen, dass er solch eine Macht über dich hat! Geh einfach fort von hier, mach einen Neuanfang!“, widersprach er heftig.
Jetzt richtete sie sich auf, und er erschrak, als er sah, dass sie wieder stark weinte. Die Tränen liefen stumm, aber beständig über ihr Gesicht. „Und wie bitte ohne Geld? Ohne alles? Von ihm brauche ich keine Unterstützung zu erwarten!“
„Mach dir darum keine Sorgen. Für den Anfang könnte ich für uns sorgen.“ Die Worte waren ausgesprochen, ehe Eric richtig darüber nachgedacht hatte. Doch noch während er sie sagte, spürte er, dass es genau das Richtige war. Sein Herz klopfte schneller. Wenn es tatsächlich nur am Geld lag…
„Meinst du, ich will mich von der einen in die nächste Abhängigkeit begeben?“ Jetzt sah Lina richtig verzweifelt aus.
Wieso muss es nur so plausibel klingen? Ich habe mich damit abgefunden, nicht studieren zu können. Ich habe jahrelang darüber nachdenken können. Warum nur meint Eric, das Ganze so simpel darstellen zu müssen! Das ist es nicht!
(Oder?)
„Stellst du mich mit ihm auf eine Stufe?“, fragte Eric tonlos.
„Nein!“, schluchzte Lina auf und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Es tut mir Leid!“ Eric verfluchte sich innerlich selbst, weil er wieder einmal vergessen hatte, rücksichtsvoller mit ihr umzugehen. „Es ist nur so… ich verstehe nicht, wieso du dich so dagegen wehrst. Du hast mir mal gesagt, dass es dein Traum wäre, Psychologie zu studieren. Aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass du auf gar keinen Fall willst, dass es möglich ist!“
Sie erwiderte nichts, sah ihn auch nicht an, also fügte er noch leise hinzu: „Bitte, hilf mir, dich zu verstehen.“
„Wieso machst du es dir nicht leicht, und gibst auf, es zu versuchen?“, fragte sie kaum hörbar.
„Weil ich dich liebe.“
Diese schlichten Worte waren es schließlich, die Linas abweisenden Schutzpanzer durchdrangen. Sie seufzte laut auf, und sank in das Bett zurück. Eric legte sich ganz nah zu ihr. Ihm war bewusst, dass sie die wenigen Male, wenn er es gesagt hatte, diese Worte nicht erwidert hatte. Er wusste aber auch, dass es ihre Art war, Zuneigung zu zeigen, indem sie seine Nähe zuließ.
Zulassen konnte.
„Ich bin müde“, wisperte Lina.
Eric streichelte ihr Haar. „Möchtest du, dass ich jetzt gehe?“
„Nein. Bleib.“
Da war er. Ihr Liebesbeweis.

 

 

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2 Gedanken zu „Klartext

  1. Hast die 1000 heute ja schon erreicht =) =) =) Herzlichen Glückwunsch! Sogar 1019 schon =)
    Eine Verlosung ist also im Anmarsch? =)
    Und natürlich wieder eine tolle Fortsetzung! Lina hat wirklich Glück in so einer Familie aufgenommen worden zu sein!

    Wünsche dir ein schönes Wochenende mit noch viel mehr Zuwachs bei Facebook und natürlich auch hier!!

    LG Savoror

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke dir, lieber Savoror!
      Ja, das ging jetzt tatsächlich schneller als gedacht! Ich bin auch richtig, richtig glücklich deshalb!
      Die Verlosung ist gerade in Planung und wird noch im Laufe des Abends sowohl hier, als auch bei Facebook erscheinen! 🙂

      Natürlich freut es mich ebenso, dass dir die Fortsetzung so gut gefallen hat. Hoffentlich ist das auch weiter der Fall! 🙂

      Liebe Grüße,
      Emma

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