Missverständnisse

Hallo meine Lieben!

Es ist mal wieder Donnerstag (erstaunlich, wie konstant dieser immer genau nach einer Woche wieder kommt!) und somit Zeit für die neue Fortsetzung.

Ihr werdet merken, dass heute die peinliche Situation zwischen Lina und Eric weiter geht, ja, sich sogar noch zuspitzt. Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch lest oder einen Film schaut und es ist soooo offensichtlich, dass zwei Menschen auf das Selbe hinauswollen, sich aber durch umständliche, peinliche und dusselige Zufälle immer wieder so gegenseitig in die Karten spielen, bis sie verunsichert sind und es nicht schaffen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen? Dann möchte man doch am liebsten eingreifen, die beiden Personen durchschütteln und sagen „Hömma, so nich!“

Jaja, Emotionen, Unsicherheit, Neuland. Schwierige Bedingungen für jemanden wie Lina und dadurch auch im Umkehrschluss für Eric. Aber im Großen und Ganzen stimmt ihr mir doch bestimmt zu, wenn ich sage, dass wir alle genau solche Situationen bereits am eigenen Leib erlebt haben. Wenn man sich am liebsten vor die Stirn schlagen würde. Denkt daran, wie es euch zu dem Zeitpunkt erging – mit dem Gefühl lässt sich die kommende Fortsetzung noch authentischer lesen! 🙂

Viel Spaß beim Lesen und noch einen schönen Rest-Donnerstag,

eure Emma

 

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Leise schluchzend lag sie in ihrem Bett. Sie hatte die Decke weit über ihren Kopf gezogen und gab sich voll und ganz ihrem Selbstmitleid hin. Niemals wäre es so weit gekommen, wenn sie nicht so viel getrunken hätte, doch nun drangen endlich einmal ihre wahren Gefühle an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Noch nie war sie sich schrecklicher vorgekommen, noch nie hatte sie sich so anders gefühlt. Sie verteufelte ihre Gefühle, die sie für Eric entwickelt hatte, obwohl sie es eigentlich hätte besser wissen müssen, während sie sich einredete, dass das alles doch nur eine einseitige Sache war.
Völlig in ihrem Elend versunken hörte sie nicht, wie es mehrmals an ihrer Zimmertür klopfte. Als auch nach dem dritten Mal keine Antwort von ihr kam, öffnete sich die Tür – wieder ohne dass sie es bemerkte – und Eric kam in ihr Zimmer. Er hatte es kaum eine halbe Stunde in seinem Bett ausgehalten. Immer wieder war das Bild von Linas Gesichtsausdruck vor seinem inneren Auge hin und her gehuscht, und schließlich hatte er nicht mehr länger alleine dort liegen können.
Als er nun durch den schmalen Schimmer des Mondes, der auf das Bett fiel, ihre unter der Decke zusammengekrümmte Gestalt sah und ihr gedämpftes Weinen hörte, wurde sein schlechtes Gewissen so übermächtig, dass er es nicht mehr ertrug. Eigentlich hatte er sich davon überzeugen wollen, dass sie schnell eingeschlafen war – in der Hoffnung, dass sie am nächsten Morgen einige Dinge anders sah –, doch nun konnte er unmöglich wieder gehen.
Er trat auf das Bett zu und ließ sich auf die Matratze sinken. Gerade wollte er etwas sagen, als Linas spitzer Schrei ihn zusammen zucken ließ „NEIN!“
Schlagartig wusste Eric, für wen Lina ihn hielt, und er riss die Decke herunter, damit sie ihn sehen konnte. „Lina, ich bin‘s! Schhhhht.“ Eisige Finger umkrampften sein Herz. Egal wie oft es passieren würde, daran könnte er sich niemals gewöhnen. Er schlüpfte zu ihr in Bett und zog sie ganz fest in die Arme. „Alles ist gut, ich bin bei dir. Er kann dir nicht wehtun.“ Er wiegte sie hin und her und redete auf sie ein, bis sie sich entspannte. Als Lina sich schließlich wieder beruhigt hatte, löste er seine feste Umarmung ein wenig. Dass sie sofort von ihm abrückte und auf die andere Betthälfte flüchtete, tat ihm sehr weh. Er spürte die feuchten Flecke auf seinem Schlafshirt, die ihre Tränen hinterlassen hatten.
„Was willst du hier?“, krächzte Lina müde. Ihre Energie war nahezu aufgebraucht, dieser letzte Schock hatte sie eine Menge Kraft gekostet. Diese Déjà-vus…
„Das ein oder andere mit dir klären. Ich glaube, dass vorhin noch einiges offen geblieben ist.“
Lina seufzte tief. „Ich will aber nicht mehr darüber reden. Ich denke, das Ganze war offensichtlich genug.“
„Ach, findest du?“ So langsam gewöhnten sich Erics Augen an das Halbdunkel im Zimmer. Er sah Linas vom Weinen fleckiges Gesicht und war sich sicher, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Selbst in diesem Zustand. Das musste er ihr irgendwie begreiflich machen. „Ich glaube, dass du falsch liegst“, sagte er deshalb mit Bestimmtheit.
„Ich sehe das ein bisschen anders“, erwiderte Lina traurig.
„Dann klär mich bitte auf“, bat Eric sie geduldig.
Lina schwieg. Gerade wollte er etwas sagen, als sie dann doch begann. „Weißt du, als Marina mich heute auf deinen Mordskörper angesprochen hat-“
„Dieser vorlauten Frau werde ich den Hals umdrehen!“, knurrte Eric leise, als er Marinas Namen hörte und realisierte, dass sie maßgeblich etwas mit Linas Laune zu tun hatte.
„- ist mir bewusst geworden, dass ich, obwohl wir nun schon einige Zeit zusammen sind, nichts Großes darüber sagen kann. Aber ich konnte ihr ja schlecht sagen, dass zwischen uns nichts läuft, oder?“
„Also hast du… ihr das gesagt?“
„Nein, natürlich nicht. Aber… ach, vergiss es.“ Lina errötete und schaute verlegen zur Seite. Wieder versuchte sie, sich aus dieser Situation herauszuwinden, doch noch bevor sie aus dem Bett springen konnte, hatte Eric sie schon am Arm gepackt und zu sich gezogen. „Du bleibst schön hier!“
Lina seufzte gequält an seiner Brust. Schließlich gab sie auf. Tiefer konnte sie schließlich nicht mehr sinken. Noch immer an seine Brust gepresst sprach sie flüsternd weiter. „Ich hab mich schon immer gefragt, was du an mir findest. Was du von mir willst. Du kannst jedes Mädchen haben und nimmst mich. Ich glaube da nicht dran. Was habe ich denn schon, was andere nicht haben? Ich…“ Sie biss ihre Zähne fest zusammen, ihr Herz klopfte bis zum Zerbersten, doch das war jetzt der Moment der Wahrheit. „Zwischen uns läuft doch noch nicht einmal etwas. Da ist nichts Sexuelles, was dich an mich bindet.“
Es war draußen, und nun sank Lina in sich zusammen.
Eric, der so etwas ähnliches fast schon vermutet hatte, gab sich große Mühe, nicht loszuschnauben. „Dass du wie üblich unsere Beziehung anzweifelst, ist ja schon nichts Neues mehr, und das verzeihe ich dir. Aber was das andere angeht-“
„Bitte nicht. Lüg mich nicht an, das verkrafte ich nicht!“, schluchzte Lina los.
Jetzt wurde es Eric zu viel, er konnte ihr offensichtlich unnötiges Leid nicht mehr ertragen. Er schob sie hoch, bis sie gezwungen war, in seine Augen zu schauen. „So wahr ich hier sitze, schwöre ich, dass ich dich nicht anlüge, hast du verstanden?“ Er machte eine kurze Pause und wartete, bis sie zustimmend genickt hatte. „Einerseits wundert es mich, dass so ein Sensibelchen wie du es bisher nicht bemerkt hat, andererseits freut es mich, da ich es ja auch mit allen Kräften versucht habe zu verhindern. Pass auf, denn das werde ich nur ein einziges Mal sagen. Schon seit Wochen kämpfe ich dagegen an, dir zu zeigen, wie sehr du mich auch auf sexueller Ebene ansprichst. Ich habe bisher immer versucht, das vor dir zu verstecken, da ich dachte, dass du dazu noch nicht bereit bist. Du hast viel miterleben müssen, du wurdest jahrelang sexuell missbraucht.“ Eine kurze, gequälte Pause. „Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dich durch meine Empfindungen in eine unangenehme Lage zu bringen, dir vielleicht Angst zu machen. Ich wollte es behutsam angehen, verstehst du?“
Lina versuchte verzweifelt, seine Worte zu verstehen, sie anzunehmen. Doch sie hatte sich monatelang eingeredet, dass Eric sie wie ein sexuelles Neutrum betrachtete und dementsprechend schwer fiel es ihr, ihn nun ernst zu nehmen.
„Vorhin, an der Tür zum Beispiel. Du hast mich auf völlig falschem Fuße erwischt. Ich versuche in deiner Gegenwart immer, mich unter Kontrolle zu haben, und das war gerade nicht der Fall. Ich bin verdammt nochmal steif geworden, und weil ich nicht wollte, dass du das bemerkst, habe ich dich weggestoßen! Das hatte nichts damit zu tun, dass ich dich nicht will, ganz im Gegenteil!“
Lina errötete, als sie darüber nachdachte. Alles in ihr zog sich zusammen, als sie anhand dieser Informationen die vergangene Situation neu betrachtete. „Ist das… wahr?“
Eric sank lachend in die Kissen und zog Lina mit sich. „So wahr ich Eric heiße. Mein Gott, Lina, wer hätte gedacht, dass du so ein Bedürfnis danach hast, gewollt zu werden!“
Eigentlich hätte es ihr unangenehm sein müssen, doch die Erleichterung, die sie langsam durchsickerte, war einfach zu groß. „Heißt das, dass du mich nicht aufgrund der Sachen, die ich mitgemacht habe, unattraktiv findest?“
Jetzt verschlug es Eric doch kurz die Sprache. Entsetzt starrte er sie an. „Momentmal, das hast du gedacht? Wer hat dir denn diesen Blödsinn in den Kopf gesetzt?“
Diese Reaktion war so spontan und ehrlich, dass Lina ihm glaubte. „Ich fürchte, ich selber.“
„Lina, du bist wirklich ein Dummerchen. Wie kannst du so etwas nur denken? Das sind für mich zwei völlig verschiedene Paar Schuhe! Natürlich hatte das, was du erlebst hast, einen Einfluss darauf, wie ich mit dir umgegangen bin, aber es hat definitiv nicht beeinflusst, wie sehr ich mich mit der Zeit auch körperlich von dir angezogen gefühlt habe. Ich bin ein Mann, ich habe wirklich lange keinen Sex mehr gehabt, und ich habe eine gutaussehende Freundin. Das ist das Natürlichste der Welt.“
„Also willst du mit mir schlafen?“, hakte Lina mit zittriger Stimme nach.
„Kleines, ich möchte alles mit dir machen, was zu einer ganz normalen Beziehung dazugehört. Aber ich lasse dir alle Zeit der Welt, hörst du?“
Langsam drang die volle Tragweite seiner Worte zu ihr durch und Linas Kopf wurde auf einmal ganz leicht. „Du hältst mich nicht für ein bemitleidenswertes Wesen, dem man einfach was Gutes tun muss?“
Eric schnaubte auf. „Und ob ich das tue. Aber das ändert doch nichts daran, dass du meine Freundin bist und wir eine möglichst normale Beziehung führen wollen!“
Diese Antwort ließ Lina sich lange durch den Kopf gehen, bis sie schließlich feststellte, dass sie gut damit leben konnte.
„Also. Haben sich deine Bedenken jetzt endlich geklärt?“, fragte Eric sie und streichelte ihr dabei vorsichtig über ihren Arm.
„Ja… Ja, ich denke schon“, gab Lina zu, und sie klang ziemlich erleichtert.
Eric sank in die Kissen zurück und seufzte tief auf. „Oh man, was für ein Abend!“
Als Lina sich ebenfalls hinlegte, zog er sie ganz fest an sich. „Lass mich heute Nacht bitte bei dir schlafen“, bat er sie leise. „Das brauche ich jetzt, nach dem ganzen Ärger.“
Wie um ihr Einverständnis zu zeigen, kuschelte sie sich noch enger an ihn. Erleichtert schloss Eric seine Augen.
„Kein Problem“, murmelte Lina. Nun, da sich die ganze Aufregung gelegt hatte, wurde sie augenblicklich müde. Der Tag war lang gewesen und der Alkohol tat sein Übriges. Es dauerte nicht lange, da hörte Eric, wie ihr Atem immer langsamer und regelmäßiger wurde. Er lag noch lange wach und bewachte ihren Schlaf.

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