Prüfung

Hallo meine lieben Leser,

entschuldigt vielmals, dass der heutige Blogeintrag derart spät kommt! Ich hatte heute einen furchtbar trubeligen Tag, ein Termin nach dem anderen und ich kam kaum dazu, einmal zu verschnaufen. Nun schaffe ich es endlich, mich zurückzulehnen und hole natürlich nach, was ich bisher versäumt habe – euch die neue Fortsetzung zu präsentieren.

Aber zunächst muss ich euch sagen, wie unglaublich sprachlos ich bin!! Seit nunmehr einer Woche ist meine Lina bei Amazon und bei Neobooks zu haben. Im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, direkt auf eine solche Resonanz zu stoßen! Es haut mich nach wie vor um, zu sehen, wie oft Lina tatsächlich täglich erworben wird. Meine Lina, mein Baby, sie erkundet endlich fremde Bücherregale bzw. Reader, kann andere Menschen bereichern und hoffentlich zum Nachdenken anregen.

Vor allem letzteres.

Einige tolle Rückmeldungen habe ich bereits erhalten, ebenso wie zahlreiche Nachfragen, ob und wann es einen zweiten Teil geben wird. Nun, soviel sei gesagt: Die Überlegungen laufen auf Hochtouren! Doch zunächst muss ich ein paar andere Projekte abschließen und Baustellen bearbeiten.
Aber seid gespannt!

Heute werdet ihr eine der letzten Fortsetzungen von Lina lesen. Wir nähern uns immer schneller dem Ende und ich muss sagen, dass ich es vermissen werde, euch donnerstags neues Lesefutter zu bescheren. Ich muss mir etwas Neues einfallen lassen, denn ich möchte nur ungern mit dieser Tradition brechen. Auch hier steht also etwas an!

Doch nun will ich euch erst einmal nicht länger auf die Folter spannen. Die Fortsetzung geht weiter und ihr sollt sie zu lesen bekommen!
Viel Spaß dabei und lasst den Abend noch schön ausklingen!!

Alles Liebe,

eure Emma

 

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Viel zu schnell saßen sie im Prüfungsraum. Die Nacht war nicht annähernd lang und erholsam genug gewesen, weshalb Lina unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschte. Sie suchte nach Eric, der drei Reihen vor ihr saß, doch natürlich sah sie nur seinen Rücken. Er selbst blickte angespannt nach vorne zu den Deutschlehrern, die bald die Prüfungsbögen verteilen würden. Herr Lehmann hatte ein aufmunterndes Lächeln auf den Lippen, das jedoch die wenigsten von ihnen wahrnahmen. Selbst die kleinen Glückskäfer aus Schokolade, die die Lehrer am Morgen verteilt hatten und nun an den Tischkanten saßen, um den Schülern Glück und ein paar Schokomomente zu schenken, vermochten die Situation nicht aufzulockern. Eine summende Anspannung füllte den Raum.
Als die Aufgabenblätter verteilt wurden, hätte Lina am liebsten vor Freude aufgeheult. Sie konnten sich zwischen vier verschiedenen Aufgabentypen entscheiden, doch Lina blieb sofort bei dem ersten hängen: Eine Vergleichsanalyse zweier Gedichte, aus dem Barock und aus der Gegenwart. Volltreffer.
Eric dagegen, dem leicht schlecht war, entschied sich für die Aufgabe, bei der man sich mit Lessings „Maria Stuart“ beschäftigten musste.
Schöne Erinnerungen an das Kennenlernen mit Lina. Das musste doch irgendwie helfen.
Die Uhr tickte vor sich hin. Nur das Geraschel von Papier, das Kratzen der Stifte und ein gelegentliches Stühleschaben, wenn jemand auf die Toilette musste, unterbrachen die Stille.
Da Lina sich für ein Thema entschieden hatte, das ihr leicht fiel, war sie weit vor Ablauf der Zeit fertig. Eine ganze Weile blieb sie sitzen und beobachtete die vielen nach vorne gebeugten Rücken, die bedingt durch die krampfartigen Schreibbewegungen leicht zuckten. Nur einige wenige Mitschüler verharrten still. Zwei schauten aus dem Fenster. Einer hatte seinen Kopf auf den Tisch fallen lassen.
Mitleid durchfuhr Lina. Sie wusste genau, dass, rein statistisch gesehen, nicht jede Person aus diesem Raum die Deutschprüfung bestehen würde.
Gott sei Dank wäre das bei ihr nicht das Problem, dessen war sie sich sicher.
Als das Ende der Prüfung nur noch dreißig lange Minuten entfernt war, packte Lina leise ihre Stifte zusammen. Ordentlich schob sie ihre Zettel auf einen Haufen und fuhr einmal prüfend über die Oberkante. Ja, sie war sich sicher, dass sie eine passable Leistung abgelegt hatte. Als sie langsam nach vorne ging, um das letzte Mal in ihrem Leben eine Deutschklausur bei ihrem Lehrer abzugeben, strich sie federleicht über Erics Rücken. Ohne sich umzudrehen ging sie weiter, spürte aber ganz genau, dass er ihr hinterherschaute.
Als sie den Raum verließ, fühlte sie sich euphorisch. Es war, als würde sie schweben. Leichten Schrittes ging sie in Richtung Eingangshalle. Die Flure waren wie leergefegt. Doch das war Lina nur recht. So konnte sie ganz mit ihren Gedanken alleine bleiben. Mit ihrer Unsicherheit. Mit ihrer Angst.
Wie sollte es weitergehen?
Ihre Abiturprüfungen hatten begonnen. Das war das Ende ihrer Schulzeit. Das Ende ihrer Lebensphase Schüler.
Wie sollte es nur weitergehen?
Schweren Herzens setzte sie einen Fuß vor den anderen. Der kurze Augenblick von Euphorie war ebenso schnell verflogen, wie er gekommen war. Eine nahezu unbedeutende Gefühlsregung, hervorgerufen durch die leichte Deutschprüfung, wie verflogen. Was brachte es auch, eine einfache Prüfung, gute Noten geschrieben zu haben, wenn sie nicht das damit anfangen konnte, was sie wollte? Psychologie… Ihr Herz wurde schwer. Ihr Traum, doch je näher sie ihm kam, desto weiter rückte er in die Ferne. Sie sah keine Möglichkeit, ihn zu realisieren. Aus ganz einfachen, wirtschaftlichen Gründen. Natürlich, Eric hatte ihr angeboten, dass er die Kosten zunächst übernehmen würde, er würde ihren Unterhalt finanzieren – doch das konnte sie nicht annehmen. Ganz davon ab, dass es unwahrscheinlich war, dass sie dieselbe Universität besuchen würden.
Nun traten Lina Tränen in die Augen.
Ihre gemeinsame Zeit war begrenzt, sehr begrenzt. Bald schon würde Eric seinen Weg gehen, er würde Anwalt werden, haargenau wie seine durchaus erfolgreichen Eltern. Er würde ein gutes, wohlhabendes, erfolgreiches Leben führen – wie seine Eltern.
Und sie?
Lina würde zurückbleiben. Wie immer. Wie konnte sie auch nur irgendetwas anderes erwarten? Welche Zukunft stand ihr schon bevor? Irgendeine stumpfe Ausbildung. Irgendetwas, das Geld brachte – damit Er ihr nicht mehr ständig vorwerfen konnte, dass sie wie ein Sozialschmarotzer lebte. Den Großteil ihres Lohnes würde sie an ihn abdrücken, und Er wiederum würde dafür Bier und Wein kaufen. Für sich und für ihre Mutter. Betrunken würde Er wieder jegliche Scham verlieren. Und so würde Lina auch weiterhin in diesem Teufelskreis leben. Da sein, wenn ihre Mutter nicht mehr dazu in der Lage war. Herhalten.
Nun lief ihr die erste Träne übers Gesicht.
So würde sie noch viele Jahre zu Hause leben – während Eric in eine fremde Stadt zog und sie zurückließ. So würde es laufen, das ahnte sie, das erwartete sie, das wusste sie.
Sie war an der Eingangstür angekommen. Tief seufzend drückte sie die schweren Eichenflügel auseinander und trat in die gleißende Helligkeit des warmen Frühlingstages hinaus. Nach fünf Stunden Klausur, die am Morgen begonnen hatte und die in der gedämpften Helligkeit des Schulinneren vonstattengegangen war, musste Lina nun heftig blinzeln. Draußen war blauer Himmel und die Sonne schien.
Toll, genau das, was sie jetzt gebrauchen konnte. Gegensätzlicher konnte das Wetter zu ihrer Stimmung nicht sein. Gedankenverloren nickte sie einigen bekannten Gesichtern zu, die sich in der Nähe des Eingangs in der Sonne fläzten. Offensichtlich Grundkursler, die schon eher fertig geworden waren und nun auf die anderen warteten.
Auf wen auch immer.
Lina setzte sich ganz an den Rand, am weitesten entfernt von den anderen, auf die Stufen und wischte sich trotzig übers Gesicht. Nein, sie würde jetzt nicht wieder in Mitleid zerfließen. Sie würde sich wie immer aufrichten und das Beste daraus machen – eine andere Wahl hatte sie ja schließlich nicht, oder?
Die Eingangstür schlug auf. Lina blickte kurz auf und sah, wie noch jemand aus ihrem Kurs in die Sonne trat. Schnell schaute sie zur Seite und schloss ihre Augen. Sie hatte keine sonderlich große Lust, mit anderen über die gelaufene Klausur zu reden. Mit niemand anderem außer Eric. Gedankenverloren spielte sie mit ihren Haaren.
Es dauerte einen Moment, bis sie die Person bemerkte, die ihr gegenüber auf der anderen Straßenseite im Schatten eines Baumes stand und sie beobachtete. Viel zu sehr war sie in ihren Gedanken versunken. Erst, als diese langsam auf sie zukam und sie die Bewegung aus ihren Augenwinkeln wahrnahm, hob sie automatisch den Kopf – und erstarrte.
Er stand vor ihr.
„Da bist du also“, knurrte er leise. Niemand anderes verstand die Drohung, die in diesen Worten steckte. Die grausame Wahrheit. Letzten Endes hatte er sie doch gefunden.
Es war, als wären die letzten Wochen wie weggewischt
(nein, nicht ganz, die Strafe würde schlimm ausfallen, wirklich schlimm),
als hätte Lina niemals von der Freiheit kosten können. Aller Widerstand in ihr fiel zusammen wie ein wackeliges Kartenhaus und sie ergab sich ihrem Schicksal.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt nach Hause gehen“, murmelte er schmierig.
Linas Blick flackerte über seine grobe Statur, sein kantiges, aggressives Gesicht. Nur sie erkannte die Gefahr, die in diesem Mann steckte, nur sie wusste, was seine stahlharten Augen ihr sagen wollten.
Wage es nie wieder, einfach zu verschwinden.
Sie sackte zusammen.

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