Zwischenmenschlichkeit. Heute.

Hallo, meine Lieben!

Ich habe mir in der letzten Zeit viele Gedanken darüber gemacht, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Bestimmte Dinge schwirren mir dabei immer und immer wieder durch den Kopf, die ich irgendwie nur schwer mit dem Leben in Einklang bringen kann, das ich noch vor einigen Jahren geführt habe – Zuhause, bei meinen Eltern, als Kind und später Jugendliche.

Wenn ich jetzt zurückdenke, erscheint das wie ein Klischee. Zumindest aus heutiger Sicht.

Aufgewachsen bin ich in einem Dorf, das niemals Gefahr gelaufen ist, eine vierstellige Einwohnerzahl zu erreichen. Auch heute ist es längst nicht soweit – Tendenz fallend. Denn wer will heutzutage noch auf einem richtigen Klischeedorf leben? Mit schlechter Busverbindung, einem kleinen Dorfladen und einer einzigen Kneipe, gegenüber vom Bäcker, wo sich immer und immer wieder dieselben Menschen zur selben Zeit treffen, um ihr Bierchen zu trinken.

Zwar hat mein Dorf stets versucht, mehr aus sich zu machen, hat einen Wohnmobilhafen und ein Feriendorf errichtet und Preise als Tourismusmusterdorf ergattert – doch letzten Endes blieb es immer nur ein Kuhdorf mit unmissverständlichem Verhältnis zwischen Mensch und (Nutz)Tier.

Ja, dort bin ich aufgewachsen. Mit dreckigen Knien, Waldabenteuern, Wasserspielplätzen und Schnitzeljagden. Klingt das idyllisch? Vielleicht nur, wenn man sich die Fassade anschaut, denn idyllisch war mein Leben nicht. Wenn man nämlich nur vier Kinder im gleichen Alter hat und die sich dazu entschieden haben, einen zu mobben, interessiert einen die Dorfidylle eigentlich herzlich wenig. Ganz im Gegenteil, dann kann es wirklich schlimm sein, in einem kleinen Dorf festzustecken. Aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Damals, da war die Welt irgendwie noch normal. Internet gab es nicht, bis ich sechzehn Jahre alt war, oder genauer gesagt kein DSL, weshalb Internet für mich nicht funktionierte. Handy gab es irgendwann mit vierzehn und das war dann auch kein Smartphone, sondern ein altes Antennen-Siemens, damit ich erreichbar war, wenn ich draußen unterwegs war. Für den Fall dass.

Was auch immer.

Damals habe ich noch Briefe geschrieben, mit Hand. Ich habe Freunde angerufen und mich zum Spielen verabredet und ich habe wenig Zeit vorm Fernseher, geschweige denn vorm PC verbracht.

Und im starken Kontrast dazu steht nun das Heute.

Es sind gerade einmal fünfzehn Jahre vergangen, so kommt es mir vor. Eine winzig kleine Zeitspanne im Vergleich dazu, welch groteske Veränderungen das Leben hervorgerufen hat. Oder, seien wir ehrlich, nicht das Leben, sondern die Menschheit. Die rasende Geschwindigkeit, mit der sich Internet und Technologie in unser Leben gedrängt haben, hat sich im Laufe der Jahre potenziert, sodass es schwer fällt, überhaupt den Finger auf genau den Zeitpunkt zu legen, als sich das Leben so verändert hat. Bitte versteht mich nicht falsch, ich will nicht klingen wie eine alte, verbitterte Frau, doch es ist schon wirklich kaum fassbar, was sich alles in so kurzer Zeit verändert hat. Sicherlich mit viel Nutzen, aber nicht unbedingt nur zum Guten. Wenn ich heute die Kinder anschaue, zum Teil sechs Jahre alt und schon mit iPhone unterwegs, dann kommt mir das Grauen. Wenn ich im Bus sitze und sehe, wie fast jeder Mitfahrer seine Konzentration ganz auf das kleine Elektroteil gerichtet hat und fleißig mit irgendwem dort draußen in der Welt spricht, obwohl im direkten Umfeld genügend potentielle Gesprächspartner säßen… es ist so anonym geworden. Das Alltagsleben hat sich depersonalisiert, da man lieber mit anderen Menschen dort draußen spricht, als Medium Handy oder PC oder Tablet oder Netbook oder…. Kein direkter Augenkontakt, vielmehr die Möglichkeit, ganz anders aus sich herauszukommen – oder eben nicht.

Shit, ich merke, dieser Blogeintrag wird viel länger als geplant. Und wie so oft beim Schreiben entwickelt er sich auch ganz anders als geplant.

Ihr mögt jetzt vielleicht denken: Was will die eigentlich, sie macht doch gerade auch nichts anderes? Kommuniziert über das Medium Internet, genau das, was sie zuvor irgendwie bemängelt hat? Ja, ihr habt Recht. Aber ich will ja auch nicht behaupten, dass es nur schlecht ist, das Internet. Ganz im Gegenteil, so kann man Menschen kennenlernen, die man sonst vielleicht niemals kennengelernt hätte. So wie ich meinen Partner kennengelernt habe. Oder meine Seelenschwester Tanja, die ich sogar insbesondere durch diesen Blog und durch mein Buch gefunden habe.

Aber das wichtigste ist doch die Relation. Das Maß, wie man damit umgeht. NUR Kommunikation via Internet reicht nicht aus. Man muss sich auch real in die Augen schauen können (und damit meine ich NICHT via Webcam). Man muss sein Gegenüber spüren, fühlen, riechen können. Berühren können.

Freundschaftsglobalisierung ist toll und man lernt Menschen kennen, auf der ganzen Welt, die man sonst nie kennen würde, doch glaubt mir, dieser Kontakt alleine reicht nicht aus. Man kann hundert Menschen auf der ganzen Welt kennen und doch einsam sein, denn der Punkt ist doch der: Wenn man traurig ist, tröstet einen nur die wahre Umarmung wirklich, nicht nur ein lieb gemeintes *drück dich*. Vielleicht ist manchmal nicht mehr drin, klar, aber man sollte versuchen, zumindest einmal hinter die Fassade des Internets zu schauen und seinen Freunden ins reale Gesicht zu blicken. Ich will gar nicht sagen, dass das anders sein muss, aber es gehört einfach unweigerlich dazu. Muss es. Eine Freundschaft braucht sowas!

Ja, Tanja habe ich über Internet kennengelernt, aber heute haben wir uns das erste Mal persönlich getroffen. Wir waren beide aufgeregt und nervös, da wir eben bisher nur das Internet-Ich kannten, aber wir waren uns auch sicher, dass es schon funktionieren würde, da wir stets ehrlich zueinander waren. Dieses Treffen musste einfach sein, war so etwas wie eine logische Konsequenz. Die Tatsache, dass wir nahe beieinander wohnen, hat es natürlich auch einfacher gemacht. Nun. Die Bedenken, die wir im Vorfeld hatten (haben wir uns überhaupt was zu erzählen, mögen wir uns real, wie wird das erste Treffen, wie begrüßen wir uns…) – sie alle zerfielen in Wohlgefallen, denn es war von Anfang an schön und normal. So wie sonst unsere Telefonate, nur von Angesicht zu Angesicht. Und man konnte endlich Dinge gemeinsam erleben, nicht nur aus der (Erzähl)Perspektive des anderen. Ich habe Tanja meine Welt gezeigt, beim nächsten Treffen zeigt sie mir ihre. Und so vervollständigt sich unsere Freundschaft immer mehr, das 3D-Puzzel gewinnt an Tiefe und Buntheit und Vollkommenheit. Ein weiterer Aspekt der Freundschaft ist dazu gekommen und er macht es nur besser.

Danke für den tollen Tag, liebe Tanja. Es war wunderschön!

 

Ich will Internetfreundschaften gar nicht schlecht reden, auch wenn es vielleicht ganz danach klingt. Ich will einfach nur sagen, dass es mehr geben muss als diesen „Tipp-Kontakt“. Das braucht der Mensch, die Seele, es gehört einfach dazu. Manchmal mögen weite Distanzen zwischen den Menschen liegen, aber selbst die können irgendwie überbrückt werden. Vielleicht nicht oft, aber wenigstens das eine oder andere Mal. Was spricht schon dagegen außer die urtümliche Angst des Menschen, die sich in einen einnistet, wenn man zu viel Zeit darin investiert, sich im anonymen Internet zu präsentieren? Diese Angst muss überwunden werden. Und mit der Übung kommt die Erfahrung und daraus resultiert Sicherheit. Es geht, glaubt mir! Und wenn ich gerade an den heutigen Tag denke… es lohnt sich so sehr!

Ein weiteres kleines Beispiel, eine Sache, die heute nahezu in Vergessenheit geraten ist, die ich bereits am Anfang erwähnt habe und unbedingt noch einmal betonen will: Das Briefe schreiben. In Zeiten der Short-Messages und Emails nahezu nicht mehr existent, aber ungemein glücklich machend, wie ich feststellen durfte. In der Gruppe der Bücherwürmer, in der ich mich so gerne tummele (ja, ja, das Internet), wurde ein Flashmob extra dafür ins Leben gerufen; zum Kennenlernen können die Teilnehmer so viel wie sie wollen und an wen sie wollen Briefe schreiben. Ich war gar nicht von Anfang an dabei, aber als mir dann zwei Flashmobber dennoch einen Brief geschrieben haben, weil sie mich auch bedenken wollten – da war ich vom Fieber gepackt. Ich zog los in die Stadt und stellte fest, wie schwer es ist, an schönes Briefpapier zu kommen. Es ist entweder kaum/in kleiner Auswahl vorhanden oder teuer. Eindeutig ein aussterbendes Hobby… aber nun bin ich eingedeckt und auch langsam wieder in Übung und ich stelle immer wieder von neuem fest, wie schön es ist, wirklich „Handarbeit“ zu leisten. Man nimmt sich Zeit, die man seinem Briefpartner widmet. Nicht nur eine schnelle Nachricht zwischendurch, sondern so viel mehr. Dementsprechend freut man sich auch über Antworten.

Ja. Zwischenmenschlichkeit. Heutzutage nichts Selbstverständliches mehr, wenn man als Maßstäbe einen wirklichen face-to-face Kontakt und genug Zeit nimmt. Aber dennoch sooooo wichtig! Ich habe es heute gespürt, als ich meine liebe Freundin getroffen habe. Es ist wunderbar, dass wir trotz (kleiner) Distanz über Internet und Handy stets in Kontakt sein können, miteinander sprechen und schreiben können, doch, und das wurde heute wieder deutlich, ein persönlicher Kontakt ist so viel mehr. Dem anderen genau in die Augen sehen zu können, die kleinen Lachfältchen zu sehen, wenn man gemeinsam lacht, sich wirklich in den Arm nehmen und drücken zu können… das ist unersetzlich. So komfortabel das Leben via Internet sein kann, man sollte nie vergessen, wie viel einem der reale Kontakt bringt. Nicht in irgendeiner Maßeinheit darstellbar aber einfach nur wertvoll und wichtig fürs Leben.

Ich bin froh über beides. Aber glücklicher macht es mich, wenn ich weiß, dass ich meine Freunde auch persönlich kenne. Tanja habe ich heute das erste Mal getroffen und somit eine Schwelle überschritten. Wegen mir ohne Rückkehr und ihr geht es glaube ich genauso.
Das ist das wahre Leben. Das macht glücklich!

Ich hoffe, auch ihr habt viele, liebe, persönliche Kontakte! Ich wünsche es euch von Herzen!

 

Alles Liebe,

eure (virtuelle oder nicht-virtuelle) Emma

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5 Gedanken zu „Zwischenmenschlichkeit. Heute.

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