Umgangston im Sozialen Netzwerk

Hallo meine Lieben.

Heute möchte ich … nein, muss ich mich mit einem Thema an euch wenden, das mir in den letzten Tagen oder sogar auch Wochen immer und immer wieder übel aufgestoßen ist.

Vorneweg – ich selber bin nicht direkt betroffen, Gott sei Dank. Auf meiner Facebookseite und auch hier wird  zu 99,9% freundlich geschrieben, der Umgangston ist herzlich, offen und einladend. Das ist so erleichternd!

Leider ist das nicht überall so.

Auch wenn ich selber nicht angesprochen werde – wenn ich an diversen Orten des Internets immer und immer wieder lese, wie sich die Menschen gegenseitig respektlos zerfleischen, dann macht mich das traurig. Tja, und dann bin ich irgendwie doch betroffen.

Aber woher kommt das? Woher kommt diese Kultur Kaltschnauze? Warum muss man sich mit eigentlich fremden Menschen derart zoffen?

Dass im Internet Hemmschwellen deutlich niedriger sind, ist ja allseits bekannt und auch nachvollziehbar. Man darf nicht unterschätzen, wie viel es ausmacht, seinem Gesprächspartner direkt in die Augen zu sehen. Wie viele Menschen würden ihre Aussagen überdenken oder gar komplett sein lassen, wenn sie dabei dem Betroffenen ins Gesicht sehen müssten? Einige. Das ist kein Vorwurf, keine Kritik, das ist Fakt. Das Tätigen emotional gefärbter Aussagen erfordert einiges an Mut, wenn man die Reaktion des Gegenübers direkt an dessem Gesicht ablesen kann.

Telefonieren ist da schon ein bisschen einfacher, immerhin herrscht dann eine gewisse räumliche Distanz zwischen den Gesprächspartnern (sollte man zumindestens annehmen). Doch noch immer ist man einer direkten persönlichen Reaktion ausgesetzt und auch das kann bestimmte Aussagen abschwächen und entschärfen.

Einmal kurz zur deutlichen Betonung: Ich meine NICHT nur Kritik, Wut oder andere negative Gefühle, sondern auch ebenso warmherzige Aussagen, die durchaus Mut erfordern

Kurznachrichten, WhatsApp und co stellen da schon eine ganz andere Liga dar, sind aber auch nach wie vor nicht derart von der Kaltschnäuzigkeit betroffen wie das offene Netz der (Un-)Möglichkeiten. In der Regel herrscht dieser Austausch zwischen Freunden, Familienmitgliedern und Bekannten und auch hier ist im Normalfall ein gewisser Respekt vorhanden. Dennoch beginnt bei dieser Kommunikation schon die Schwierigkeit, denn:

Das geschriebene Wort neigt dazu, Missverständnisse hervorzurufen!

Ich erspare euch jetzt einen allzu psychologisch erklärenden Monolog, den die noch vorhandene Sozialarbeiterin nun herunterleiern würde, denn ich nehme an, das wisst ihr sowieso schon. Jeder kann ein eine Nachricht unterschiedlich auffassen. Insbesondere Frauen sind besonders leidtragend, nahezu automatisch fängt das weibliche Hirn an, die Nachrichten, die es liest, aufs Genaueste zu untersuchen. Da kann ein falsch gesetzter Punkt oder ein fehlender Smiley schon zu katastrophalen (Fehl-)Deutungen führen. Aber gut, ist man im Gespräch mit nahestehenden Personen, lassen sich so entstehende Missverständnisse zumeist auch wieder klären. Dennoch: Jeder liest die Aussage eines anderen immer subjektiv gefärbt! Wenn man erwartet, dass der andere böse schreibt, liest man die Nachricht schneller böse, als sie eigentlich gemeint ist… und so weiter.
Schwierig, aber irgendwie machbar.

Und dann kommt es. Das Internet. Die große Plattform mit all seinen sozialen Treffpunkten, wo sich Menschen jeder Couleur tummeln. All die Möglichkeiten, all die Chancen – und all die Komplikationen.

Ich weiß gar nicht so genau, wann es angefangen hat, dieses Verrohen. Diese scheinbar unbewusste Bereitschaft, sich negativ und respektlos fremden Menschen gegenüber zu zeigen. Ich weiß durch meine „Online-Zocker-Karriere“ – ja ja, es ist nun raus -, dass dieses Phänomen schon seit mindestens fünf Jahren in diversen Rollenspielen ausgebrochen ist. Auch bei Facebook und co habe ich so etwas immer wieder gelesen. Gut, das kommt vor. Wo sich viele Menschen tummeln, da entstehen Reibereien. Wie auch im normalen Leben, nicht jeder kann mit jedem. Doch anstatt sich dann aus dem Weg zu gehen, wird neuerdings Feuer gespuckt.

An dieser Stelle noch eine dringliche Betonung: Ich spreche hier von einem Bruchteil aller Nutzer des Internets, aber ihr kennt ja das Phänomen: In einem Chor von dreißig Leuten muss nur einer falsch singen, und alles klingt nicht mehr so schön. Das Negative fällt einfach immer mehr auf als reibungslose Abläufe

In den letzten Tagen war ich oftmals innerlich sehr zerrissen, denn auf der einen Seite hätte ich nur zu gerne Partei ergriffen, auf der anderen Seite wusste ich, dass ich so nur in dieses schmutzige Wasser gezogen werde, und, nun ja, das will ich nicht. Aber genau das ist die Gefahr. Wo Aufruhr herrscht, guckt der Mensch hin – und lässt sich nur allzu leicht mitziehen. Absolut menschlich, aber für diese Entwicklung ziemlich tödlich. Und dann ziehen die Geschichten ihre Kreise, immer und immer mehr Menschen mischen sich ein, Dinge werden verdreht, es puscht sich alles noch mehr auf und – ja, und. Genau das. Selbst beim Schreiben dieser Worte geht mein Puls hoch und mein Kopf pocht.
Das ist so furchtbar anstrengend!

Ich will hier gar nicht den Finger heben und auf jemanden zeigen und „Duh duh duh“ machen. Ich habe es ja bereits oben geschrieben – an mir geht so ein Trubel auch nicht vorbei und ich muss oftmals innehalten, weil meine Finger dann doch schon über der Tastatur schweben.

Immerhin kann ich noch innehalten

Woher kommt das? Warum nur lässt das Internet so viele Barrieren fallen, die im normalen Zwischenmenschlichen bestehen bleiben würden? (Ich hoffe zumindest zutiefst, dass die meisten dieser Menschen im „wahren Leben“ ganz anders reagieren würden.) Muss man dem Menschen wirklich in die Augen schauen, um menschlich reagieren zu können? Muss man einen Menschen näher kennen, um ihm den Respekt zu zollen, den er verdient hat? Und ja – jeder Mensch hat es verdient, respektvoll behandelt zu werden!

Jeder hat mal einen schlechten Tag, jeder vergreift sich mal im Ton, auch ich (wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne mal zicke). Aber wieso ist nicht irgendwann einmal Schluss? Warum wird noch oral auf Menschen eingetreten, die schon längst am Boden liegen, sprichwörtlich im Dreck?

Ich weiß, ich werfe gerade so viele Fragen auf. Ich schreibe über ein äußerst heikles und moralisches Thema – aber genau das ist doch das Problem. Die fehlende Moral.

Ich studiere Medienwissenschaften und kann somit schon ein bisschen was über die komplexen Kommunikatonsvorgänge des Internets sagen, doch selbst die schlauesten Theorien mildern nicht den Schrecken ab, den ich empfinde, wenn ich manche Diskussion lese. Manche Äußerungen. Manche Beleidigungen.

Ist das eine Tendenz oder ist das eine Phase? Wird es so weiter gehen? Bin ich gerade einfach nur empfindlich und empfänglich für diesen Stress? Bin ich zu zartbesaitet?

Egal, was die Begründung ist, diese Fragen hinterlassen so viele wirre Flecken in meinem Kopf. Ich bin ein Gutmensch, ich möchte an das Positive im Menschen glauben, aber dieser Tage komme auch ich manchmal an meine Grenzen und habe das Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Zum Glück fällt mir dann immer wieder ein, dass ich mit euch ja wirklich enorm viel Glück habe.

Aber trotzdem, der pochende Kopfschmerz bleibt.

Ich habe keine Antworten auf all die Fragen, ich kann euch keine Klärung bieten. Aber ich kann euch versichern: das alles beunruhigt mich und macht micht traurig. Vielleicht sollte man häufiger innehalten und sich vorstellen, dass man gerade nicht nur mit Marta Wackelpo schreibt, sondern mit einer Frau, die große braune Augen hat, zwei Kinder zu Hause und einen Nebenjob, die vielleicht gerade einen schlechten Tag hat und was auch immer. Auf jeden Fall: dass sie menschlich ist, so wie man selber. Und sollte man nicht stets den Anspruch haben, andere so zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte? Menschlich, mit Respekt, gerne auch freundlich?

Ist das wirklich so schwer?

Was meint ihr?

Ich glaube, ich komme jetzt besser zum Schluss, denn sonst kann ich gar nicht mit diesem Thema abschließen. Vielleicht sollte ich jetzt einfach ein bisschen lesen und dem Internet den Rücken kehren. Ich kann ja sicher sein, dass es noch da ist, wenn ich wiederkomme. Mit all seinen (Un-)Möglichkeiten.

Ratlos und ein bisschen traurig,

eure Emma

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9 Gedanken zu „Umgangston im Sozialen Netzwerk

  1. Du sprichst mir gerade so aus dem Herzl, dass kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Ich fühlte mich auch die letzten Tage sehr verletzt auf meinem Blog, ich weiß nicht ob Du das gelesen hast. Aber ich war doch ein wenig betroffen. Warum man so sein muss, ich habe keine Ahnung, aber aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, es kann sehr weh tun. In diesem Sinne, ich umarme Dich sweetie

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  2. Du sprichst mir aus der Seele Liebes, viele Menschen denken so wenig darüber nach, dass der oder diejenige, welche sie in der Luft zerfleischen ein Mensch aus Fleisch und Blut ist und Gefühle hat, genau wie sie selbst.
    Leider denken heutzutage viel zu wenig Menschen nach, bevor sie etwas schreiben…
    Ich persönlich bin zum Glück auch nicht betroffen, aber habe es leider schon viel zu oft mitbekommen…
    Jedesmal zerreißt es mir das Herz, dass andere Menschen angegriffen werden, ohne dass sie etwas gemacht haben, sondern einfach nur ihre Meinung gesagt haben…

    Ich finde es schön, dass du das hier ansprichst und somit hoffentlich viele Menschen erreichst.

    Ganz viele herzliche Grüße aus dem bitterkalten Haselünne

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  3. Liebe Emma, Du hast damit genau ins Schwarze getroffen. Auch das Fehlverhalten bei Online-Spielen kann ich bestätigen. Ich war einmal bei Travianer angemeldet. Da gings auch heftigst verbal zu Sache. *kopfschüttel…Schade das sich immer einige User nicht an die gewohnten Umgangsformen halten, sondern in Anonymität den Anstand vergessen.

    Knuddelige Grüße aus dem Emsland
    Ivonne L.

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  4. Pingback: Es wird Zeit: Licht an! | gedankenschloesser

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