Liebe = Selbstverständlich?!

Hallo ihr Lieben!

Vielleicht staunt ihr gerade genauso sehr wie ich: keine zwei Tage nach dem ersten Blogeintrag kommt schon Nummer zwei.

Woran kann das liegen? Nun, die Antwort ist im Grunde naheliegend und einfach: Ich habe Zeit! Jawohl, ich habe Zeit, meine Gedanken so flattern zu lassen, dass sich Themen formen, über die ich schreiben möchte. Die wohl passendste Umgebung hierfür ist die Nordsee, denn genau hierhin hat es mich verschlagen. Seit vergangenem Jahr leben meine Eltern hier, weshalb ich nun regelmäßig in den Genuss komme, dort zu Besuch zu sein, wo andere Urlaub machen. Meiner Meinung nach ist das ein absoluter Luxus und ich hoffe sehr, dass ich nicht so schnell eine allzu große Selbstverständlichkeit darin sehe, keine 700 Meter entfernt vom Meer bei Regenprasseln auf dem Dachfenster und Sturmböen einschlafen zu können (im Trockenen und Warmen, natürlich!).

Schon im vergangenen Sommer, als hier vor allem Umzugs- und Umbauarbeiten anstanden, hatte sie mich hier fest im Griff, die Muse, und seitdem hat sich nicht viel geändert. Kaum hat meine letzte Pore die einzigartige Atmosphäre absorbiert, prickeln meine Finger, rasen meine Gedanken, und ich würde am liebsten schreiben. Egal was, hauptsache Schreiben, Gedanken formen, Sätze bilden, meine Gefühle umwandeln. Dass das nicht immer ein Segen ist, brauche ich vermutlich nicht extra zu erwähnen, denn ich komme ja auch durchaus mal hierher, um einfach abzuschalten. Das war auch dieses Wochenende der Fall. Ich habe mir fest vorgenommen, nichts zu tun. Immerhin habe ich erst diese Woche mein aktuelles Manuskript an meine Korrekturleser geschickt, das neue hätte theoretisch noch Zeit. Ich habe mir Lesestoff mitgenommen und ein Bündel voller Vorsätze, die sich um vieles ranken, nicht jedoch ums Arbeiten.

Schon im Vorfeld haben mir einige gesagt, dass es sowieso nicht funktionieren wird – und sie hatten recht.

Der Grund dafür ist so lapidar und doch traurig: Ich habe eine unmittelbare Inspiration.

Meine Eltern haben einen Hof mit Tieren. Ziegen, Pferde, Lamas, Alpakas (ich höre eure erstaunten Ausrufe!), Hunde und Katzen. Seit diesem Jahr nehmen sie regelmäßig sogenannte Workawayer auf, junge Leute aus der ganzen Welt, die ihnen bei der Arbeit zur Hand gehen und dafür kostenlos bei ihnen wohnen können. Ein schönes Prinzip, wenn ihr mich fragt. Aktuell ist ein junges Mädchen da (ich hätte nie gedacht, so schnell so über eine 19-Jährige zu denken). Sie ist super lieb, wenn auch echt schüchtern, und sie hat einen Schicksalsschlag hinter sich, der mich wirklich schlucken lässt.

Valentine ist ein Papakind. Im Grunde nichts, weshalb man verwundert die Augenbrauen hochziehen sollte, doch der springende Punkt kommt nun; der, der mich, uns alle, so berührt. Valentine hat ihren Vater sozusagen zwei Mal verloren. Einmal, als sich ihre Eltern vor vier Jahren trennten, und dann ein zweites, endgültiges Mal, als ihr Vater vor zwei Jahren plötzlich verstarb. Als ich davon hörte, musste ich sehr schlucken, denn ich erfuhr es recht ungewöhnlich. Sie hat sich ein sehr schönes Tattoo auf ihr Handgelenk machen lassen und als ich sie nach der genaueren Bedeutung fragte, erklärte sie mir schüchtern etwas von Liebe und Ewigkeit. Erst beim zweiten Blick sah ich, dass auch das Wort „Papa“, eingebunden in die Schlaufe der Ewigkeit, in ihrer Haut verewigt wurde. Dass ebendieser nicht mehr lebt, erklärte mir mein Vater, der mit uns am Tisch saß.

Alleine diese Geste brachte so viel in mir in Bewegung. Nicht nur, dass meine kommende Geschichte von der Trauer um einen tödlichen Verlust gehen wird (und das war bereits geplant, bevor ich Valentine kennenlernte) und ich direkt das Bedürfnis bekam, die ersten Sätze zu schreiben … viel mehr noch ergreifen mich meine eigenen, persönlichen Gedanken.

Wieso muss man erst jemanden kennenlernen, der einen solchen Verlust erleiden musste, gar sogar selbst jemanden verlieren, um zu bemerken, wie wichtig er ist? Warum nehmen wir Menschen allzu viel selbstverständlich, verlieren dadurch den Bezug zur Bedeutung?

Immer wieder schaue ich nun meinen Vater an, meine Mutter, und bin einfach nur froh, sie noch zu haben. Sie leben, nicht nur in meinem Herzen, sondern real. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander, haben uns lieb, haben Kontakt. Ich muss nicht auf einen Friedhof gehen, wenn ich mit ihnen reden möchte, dafür setze ich mich in den Zug oder greife nach dem Handy. Ich kann meinen Papa in den Arm nehmen, ihm ein Buch schenken und mir deshalb sein Meckern anhören, ich kann mit meiner Mutter in trauter Einigkeit am Tisch sitzen, beide vertieft in Arbeit, und mir geht es dabei gut. Wie selbstverständlich ich das nehme, wie wenig ich dankbar dafür bin, wird mir einmal mehr bewusst, und das macht mich nachdenklich.

Besonders ergreifend war es übrigens heute, als wir einen Ausflug in eine Stadt gemacht haben. Valentine wollte kleine Mitbringsel besorgen, was, sagte sie jedoch nicht. Als sie in einem Rossmann zwei (doch recht offensichtliche) Grablichter mitnahm, fragten wir sie, für wen das ist. Im gebrochenen Deutsch erklärte sie, dass sie für ihren Vater wären und ich musste weggehen, Tränen in den Augen.

Das ist Liebe in all ihren Facetten. Liebt man einen Menschen, kann man sich so glücklich schätzen, man kann Freudensprünge machen oder in trauter Einigkeit beisammen sein. Genauso gut kann sie einem das Herz zerfetzen, wenn der geliebte Mensch plötzlich nicht mehr da ist, nicht mehr erreichbar auf herkömmlichem Wege. Valentine besorgte Kleinigkeiten für Familie und Freunde. Postkarten von der Nordsee, regionale Spezialitäten, Grabkerzen aus Deutschland für ihren Vater, der sich an Irdischem nicht mehr erfreuen kann. Wie sehr muss sie ihn lieben? Wie sehr muss sie ihn vermissen? Liebe und Schmerz liegen so verdammt nahe beieinander, ihr gemeinsamer Nenner die Trennungsangst, und doch ist es das Natürlichste der Welt, immer wieder aufs Neue das Wagnis einzugehen. Wieso auch nicht? Ich möchte behaupten, dass Liebe den Menschen erst zu dem macht, was er ist, ihn erfüllt, ihn groß macht, ihn ganz macht. Liebe zur Familie, Liebe zu Freunden, Liebe zum Partner. Liebe zum Haustier, zu wem auch immer. Und obwohl wir wissen, dass jede Liebe zwangsläufig zu Schmerzen führt, führen kann, lassen wir uns darauf ein. Verdammt nochmal, wir blicken unserem Schicksal in die Augen und machen es trotzdem nicht anders. Das ist auch richtig so, daran will ich gar nicht rütteln, doch es erschüttert mich, dass ich meine Beziehungen als allzu selbstverständlich betrachte.

Ich habe einfach noch nicht viele endgültige Verluste erleben müssen.

Ja, mein Blogbeitrag begann nicht so ernst, wie er sich entwickelt hat. Nun sitze ich hier mit Kloß in der Kehle.

Habt ihr heute eurem Partner schon gesagt, dass ihr ihn liebt, in Gesten oder in Worten? Habt ihr an die Menschen, die euch am Herzen liegen, gedacht? Gibt es jemanden, mit dem ihr schon länger keinen Kontakt mehr hattet, an den ihr immer wieder denkt, und der sich vielleicht über eine Nachricht freut? Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ihm/ihr zu schreiben.

Ich  jedenfalls genieße die Zeit bei meinen Eltern. Immer wieder blicke ich sie an und freue mich, dass sie leben. Ich habe mir fest vorgenommen, bald wiederzukommen. Ich schaue meinen Partner an und freue mich. Und in Gedanken zünde ich eine Kerze an für all jene, die nicht mehr bei uns sind – auch für Valentines Vater, der hoffentlich weiß, wie sehr er geliebt und vermisst wird.

Ihr Lieben. Ich hoffe, ich habe eure Laune nicht gedrückt. Ich musste einfach loswerden, was auf meiner Brust lastet. Danke fürs Zuhören bis hier her. Habt noch ein schönes Wochenende!

Eure emotionale Emma ❤